• vom 02.10.2016, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Frauen sind keine homogene Gruppe"




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Von Saskia Blatakes

  • Edeltraud Hanappi-Egger, seit einem Jahr Rektorin an der Wirtschaftsuni Wien, über Feminismus und neue Formen der Diskriminierung, akademische Erfahrungen im Ausland - und ihren angeheirateten Namen.

Die Rektorin beim Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Blatakes. - © Liane Tschentscher

Die Rektorin beim Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Blatakes. © Liane Tschentscher



"Wiener Zeitung": Frau Hanappi-Egger, Sie sind die erste Frau an der Spitze der Wiener Wirtschaftsuni. Nervt es Sie mittlerweile, auf diesen Umstand angesprochen zu werden?

Edeltraud Hanappi-Egger: Ich habe Verständnis, dass die erste Frau, die eine Universität leitet, einfach einen anderen Neuigkeitswert hat, als wenn ein weiterer Mann Rektor wird. Aber auf das Privatleben und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angesprochen zu werden, passiert Frauen sicher viel häufiger. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, wie ich es geschafft habe, Karriere zu machen, obwohl ich doch einen Sohn habe.

Information

Edeltraud Hanappi-Egger wurde 1964 in Eisenstadt geboren. In den Achtzigern studierte sie Informatik an der Uni Wien. Es folgte ein Doktorat in Wien, mit Forschungsaufenthalten in Stockholm, Bremen und Toronto. Sie promovierte 1990 und begann, als Lehrbeauftragte an der TU Wien zu unterrichten. 2002 übernahm sie die Abteilung "Gender und Diversity in Organisations" an der Wirtschaftsuniversität Wien. In ihrer Forschungsarbeit beschäftigte sich Hanappi-Egger mit Gender- und Organisationstheorien, der Informationsgesellschaft und neuen Technologien des Diversitäts-Managements. Sie war außerdem Vorsitzende des Verbandes der Professorinnen und Professoren der WU und des Senats der WU Wien.

Im Oktober 2015 wurde sie als neue Rektorin zur Nachfolgerin von Christoph Badelt ernannt und wurde damit die erste Frau an der Spitze der WU. Im Sommer 2016 wurde sie zur Vizepräsidentin der Österreichischen Universitätenkonferenz gewählt.

Sie hat einen Sohn und ist mit dem TU-Professor Hardy Hanappi verheiratet. Gerhard Hanappi, Fußball-Legende und Architekt des Gerhard-Hanappi-Stadions in Wien, ist ihr Schwiegervater.

Saskia Blatakes, geboren 1981 in München, studierte Politikwissenschaft und arbeitet nun als freie Journalistin in Wien.

https://www.torial.com/saskia.blatakes

Wie reagieren Sie darauf?

Edeltraud Hanappi-Egger bei der Inauguration als WU-Rektorin mit ihrem Vorgänger Christoph Badelt, Oktober 2015.

Edeltraud Hanappi-Egger bei der Inauguration als WU-Rektorin mit ihrem Vorgänger Christoph Badelt, Oktober 2015.© apa/Roland Schlager Edeltraud Hanappi-Egger bei der Inauguration als WU-Rektorin mit ihrem Vorgänger Christoph Badelt, Oktober 2015.© apa/Roland Schlager

Ich spiele das dann gern zurück: Wer würde einen Rektor, also einen Mann, fragen, wie viele Kinder er hat und wie er das mit seinem Beruf vereinbart?

Stört Sie das?

Naja. Da ich ja aus der Forschung komme, registriere ich dieses Phänomen und sehe mich in der Empirie bestätigt.

"Der Feminismus ist zum Handlanger des Kapitalismus geworden", sagt die renommierte amerikanische Politikwissenschafterin Nancy Fraser, mit der Sie sich ja auch beschäftigt haben. Sind Sie ihrer Meinung?

"Meine finnischen Kollegen waren sehr erstaunt, dass man in Österreich abends noch Sitzungen abhält."  

"Meine finnischen Kollegen waren sehr erstaunt, dass man in Österreich abends noch Sitzungen abhält."  © Liane Tschentscher "Meine finnischen Kollegen waren sehr erstaunt, dass man in Österreich abends noch Sitzungen abhält."  © Liane Tschentscher

Der Feminismus hat sich lange damit beschäftigt, wie man strukturelle Veränderungen herbeiführen und die Gesellschaft verändern kann. Das hat aber dazu geführt, dass es dann nur noch um Gleichbehandlung innerhalb des Systems gegangen ist und das System an sich gar nicht mehr hinterfragt wurde. Wenn wir sagen, alle müssen die gleichen Chancen haben und alle müssen Karriere machen können, dann reden wir gar nicht mehr über das Wirtschaftssystem an sich.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn es heißt, Frauen kriegen weniger Gehalt, weil sie schlechter verhandeln, dann schaut man sich gar nicht mehr an, ob man etwas an der Struktur verändern muss. Es wird davon ausgegangen, dass das Verhalten der Männer das richtige ist und sich die Frauen halt anpassen und lernen müssen, sich auch so "gut zu verkaufen". Ob das überhaupt ein Wert an sich ist, wird gar nicht mehr gefragt. Außerdem wird heute sehr oft davon ausgegangen, dass sich aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ein bestimmtes Bedürfnis ableitet. Aber Frauen sind doch keine homogene Gruppe, die alle das Gleiche wollen!

"Ich finde es symptomatisch, dass wir in der Öffentlichkeit die Universitäten meist nur unter dem Kostenaspekt diskutieren." 

"Ich finde es symptomatisch, dass wir in der Öffentlichkeit die Universitäten meist nur unter dem Kostenaspekt diskutieren." © Liane Tschentscher "Ich finde es symptomatisch, dass wir in der Öffentlichkeit die Universitäten meist nur unter dem Kostenaspekt diskutieren." © Liane Tschentscher

Also eine neue Form der Diskriminierung?

Ja, in gewisser Weise. Es reicht nicht, sich in der Diversitätsdebatte einzelne soziale Kategorien anzuschauen. Man muss vielmehr fragen: Welche Lebensumstände führen zu Benachteiligung? Dann kann man sich anschauen, wer ist da drinnen. Dann geht es nicht mehr darum, ob jemand eine Frau ist oder welcher Religion er oder sie angehört. Natürlich gibt es historisch gewachsene Benachteiligung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe und so weiter, das bestreitet auch Fraser nicht. Aber die Lösung kann nicht sein, eine Gruppe gegen die andere auszuspielen.

Stimmt es überhaupt, dass Frauen in Gehaltsfragen schlechter verhandeln?

Neuere Studien zeigen eher, dass sie oft genauso hartnäckig und "tough" verhandeln wie Männer. Aber heute zählt für viele ohnehin nicht mehr nur der schnöde Mammon, sondern genauso Flexibilität bei den Arbeitsstunden oder Weiterbildungsmöglichkeiten.

Ein Generationenwechsel?

Ja, und zwar bei beiden Geschlechtern. Wir haben lange Erwerbstätigkeit als das einzige sinnstiftende Element gesehen. Das hat die Konsequenz, dass viel verloren gegangen ist. Wie wichtig sind uns soziale Beziehungen oder ehrenamtliches Engagement? Wie honorieren wir unbezahlte Arbeit, wie Hausarbeit oder die Pflege von Angehörigen? Dieses Fokussieren auf die Erwerbsarbeit ist in den skandinavischen Staaten weniger gegeben. Ich habe es selber erlebt: Meine finnischen Kollegen waren zum Beispiel sehr erstaunt, dass man in Österreich abends noch Sitzungen abhält. Für sie ist es selbstverständlich, dass die Berufswelt Rücksicht darauf nimmt, dass man in seinem Leben noch etwas anderes zu tun hat. Dass Familie, Privatleben und Freizeit auch wichtig sind. Dort gehen auch bedeutend mehr Männer in Teilzeit, um ihren Teil in der Familie beizutragen. Ich nehme mir das zu Herzen und achte aus Rücksicht auf meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Beispiel darauf, dass am Samstag keine Klausuren stattfinden.

Sie haben unter anderem in Schweden und in Kanada gearbeitet. Bringen Sie etwas von Ihren Erfahrungen in Ihren Job als Rektorin ein?

Besonders geschätzt habe ich dort das studierendenfreundliche Umfeld. Diese Willkommenskultur hat mich wirklich inspiriert. Unsere Erstsemestrigen begrüßen wir an der WU jetzt mit einem Welcome-Frühstück. Ich will ihnen zeigen, dass sie willkommen sind und ihnen sagen: Macht das Beste daraus! In Stockholm, Mon-treal und Toronto hat mir auch sehr gefallen, dass die Universitäten auch in der Stadt ausgeschildert sind, oder die Geschäfte den Studierenden Rabatte gewähren. Die Grundstimmung ist sehr freundlich, wertschätzend und respektvoll. Das will ich hier an der WU auch verstärken. Die Folge ist nämlich, dass auch die Studierenden eine andere Einstellung zur Uni bekommen. Sie sind stolz darauf und gehen mit einer größeren Sorgfalt mit den Ressourcen der Uni um. In Summe war die gesellschaftliche Wertschätzung höher. Dazu muss die Universität einen Beitrag leisten, aber auch die Stadt und die Wirtschaftstreibenden.


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Dokument erstellt am 2016-09-29 17:03:16
Letzte Änderung am 2016-09-30 16:45:20


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