• vom 11.12.2016, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.12.2016, 17:48 Uhr

Interview

"Unser Ziel ist ein genetisches Phantombild"




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Von Irene Prugger

  • Der Innsbrucker Molekularbiologe Walther Parson über die kriminalistische Arbeit seines Forscherteams, seinen Ruf als "Schiller-Killer", die Zusammenarbeit mit dem FBI - und die Zukunft der DNA-Forschung.





"Wiener Zeitung": Herr Professor Parson, haben Sie schon einmal Ihre eigene DNA analysiert?

Walther Parson: Schon allein aus Gründen der Laborqualität ist meine DNA, genauer gesagt, sind die forensisch relevanten Abschnitte meiner DNA bekannt. Würde ich nämlich versehentlich eine zu untersuchende Probe verunreinigen, müsste es eine Möglichkeit geben, diese zu erkennen. Wir gleichen im Labor DNA-Profile ab, um sicherzustellen, dass sie nicht Verunreinigungen entspringen. Mein DNA-Profil ist übrigens überhaupt nicht spannend.

Information

Walther Parson, 1966 geboren, hat Biologie studiert und ist Leiter des Fachbereichs "High Through- put DNA Database Unit" (dem Hochdurchsatz-DNA-Labor) und des Forschungsschwerpunktes "Forensische Molekularbiologie" am Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck (GMI). 2007 wurde er zum assoziierten Mitglied der Europäischen Akademie für forensische Wissenschaften (European Academy of Forensic Science, EAFS) gewählt, in der zukünftige Strategien europäischer Forschungsnetzwerke für die Forensik erarbeitet werden. Seit 2012 ist er Vorstandsmitglied der International Society of Forensic Genetics, die in diesem Bereich weltweit bedeutendste wissenschaftliche Gesellschaft und seit 2016 deren Präsident. Sein viel beachtetes populärwissenschaftliches Buch "Irgendwann kommt alles ans Licht" ist 2014 im Verlag Ecowin erschienen.

Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

Spannend ist hingegen Ihr Buch "Irgendwann kommt alles ans Licht", worin Sie Fälle aus Ihrer Arbeitspraxis beschreiben. Das Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck weist eine international beachtete Forschungstätigkeit auf, Sie werden aber auch häufig zu kriminalistischer Fallarbeit herangezogen. Wer sind Ihre Auftraggeber?

Walther Parson im Gespräch mit Irene Prugger.

Walther Parson im Gespräch mit Irene Prugger.© Prugger Walther Parson im Gespräch mit Irene Prugger.© Prugger

Unser Institut hat mehrere DNA-Labore. Wir unterscheiden grundsätzlich das Österreichische DNA-Zentrallabor, das DNA-Analysen für die Verbrechensbekämpfung durchführt, vom forensisch molekularbiologischen Forschungslabor, das neue Technologien und neue DNA-Marker erforscht, um die gerichtsmedizinische DNA-Analyse kontinuierlich zu verbessern. Das Zentrallabor erhält Aufträge von Gerichten und der Polizei. Das Forschungslabor übernimmt mitunter Privataufträge, vor allem dann, wenn es sich um wissenschaftlich motivierte Aufträge handelt.

Sie konnten zum Beispiel mittels DNA-Analyse nachweisen, dass Knochenfunde am Nanga Parbat von Günther Messner stammten, dem tödlich verunglückten Bruder Reinhold Messners. Damit brachten Sie Klarheit in eine lange dauernde Auseinandersetzung. Wer hat Ihrem Institut dazu den Auftrag gegeben?

Die DNA-Analysen zu den Knochenfunden vom Nanga Parbat gehören zu den wissenschaftlich motivierten Studien, die das Büro Messner in Auftrag gegeben hat. Die Ergebnisse der Analysen wurden wissenschaftlich prominent publiziert und führten wohl zur Beendigung des 30-jährigen Konflikts. Zumindest ist seitdem die Diskussion um Günther Messners Schicksal verstummt.

In der DNA sind die Merkmale und Merkmalskombinationen eines Lebewesens niedergeschrieben. Was ist damit genau gemeint: Größe und Augenfarbe genauso wie Talente, Veranlagungen oder bestimmte Vorlieben?

Der Merkmalbegriff ist umfassend und enthält grundsätzlich alle äußerlich erkennbaren sowie alle nicht erkennbaren Eigenschaften. Im gerichtsmedizinischen Kontext ist der Merkmalsbegriff aber stark eingeschränkt, weil die DNA-Analyse einer strengen rechtlichen Vorgabe folgt. In Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie in vielen anderen Ländern ist nur die Untersuchung sogenannter "nicht-kodierender DNA" erlaubt. Das ist jener Teil der DNA, der nicht direkt für die Ausprägung äußerlich erkennbarer Merkmale verantwortlich ist. Man kann damit also keine Rückschlüsse auf Eigenschaften, wie zum Beispiel eine Prädisposition zu Krankheiten ziehen. Mit dieser Regelung schützt der Gesetzgeber die Privatsphäre der untersuchten Person. Einzig das Geschlecht darf über die DNA-Analyse bestimmt werden. Aber diese Grenzen haben auch Vorteile: Die Daten, die wir erheben, sind uninteressant für andere Anwendungen.

Was brauchen Sie, um einen toten Menschen mittels DNA-Analysen zu identifizieren?

Zunächst braucht man dafür DNA, die sich in den Zellen der Gewebe befindet. Das DNA-Profil alleine gibt aber keine Auskunft über den Leichnam, weil die Merkmale ja nicht-kodierend sind. Lediglich das Geschlecht lässt sich bestimmen. Deshalb braucht man darüber hinaus zumindest eine Vergleichsprobe. Diese kann entweder vom Verstorbenen selbst zu Lebzeiten stammen oder von einem Familienmitglied des Verstorbenen. Im ersten Fall würde ein Direktvergleich der erzielten DNA-Profile durchgeführt, im zweiten Fall würde das postulierte Verwandtschaftsverhältnis für die Identifikation herangezogen.

Werden Sie auch bei Naturkatastrophen herangezogen, wie etwa bei einem Tsunami?

Ja. Unser Institut wurde gebeten, die Tsunami-Opfer aus Sri-Lanka zu identifizieren. Das war unser erster großer internationaler Auftrag, dem unser Labor mit Bravour entsprach. Wir investierten viel Zeit in die logistische Vorbereitung und die Optimierung unserer Laborverfahren, weil die übermittelten Proben stark von der hohen Luftfeuchte und Temperatur gezeichnet waren.

Kommen wir zu einem Ihrer Hauptaufgabengebiete, der Forensik, also zur Identifizierung von DNA-Spuren bei Verbrechen. Wie sieht - kurz skizziert - ein aus Ihrer Sicht idealer Kriminalfall aus, der in Ihrem Labor gelöst werden kann?

Wir erstellen zig-Tausend DNA-Profile von verschiedensten Kriminalfällen im Jahr. Sie wollen mich also wohl eher fragen: Wie sieht ein Kriminalfall aus, den wir NICHT lösen können. Nun, den könnte es theoretisch geben. Aber ich würde es Ihnen nicht verraten (lacht). Es ist ja schon jeder Fernseh-"Tatort" eine Verbrecherschulung.

Kann es einem Täter gelingen, überhaupt keine DNA-Spuren am Tatort zu hinterlassen?


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-09 13:32:10
Letzte Änderung am 2016-12-16 17:48:19


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