• vom 09.12.2017, 16:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 09.12.2017, 17:04 Uhr

Interview

"Die Linke sollte das Moralisieren lassen"




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Von Barbara Freitag

  • Walter Baier und Robert Pfaller über Auswirkungen des Neoliberalismus, Political Correctness, die #metoo-Debatte - und politische Visionen.

Walter Baier (l.) und Robert Pfaller im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Barbara Freitag. - © Peter Jungwirth

Walter Baier (l.) und Robert Pfaller im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Barbara Freitag. © Peter Jungwirth

"Wiener Zeitung": Meine Herren, wie halten Sie es mit der Political Correctness?

Walter Baier: Mich hat immer befremdet, dass bestimmte Formen des diskriminierungsfreien Kommunizierens als politische Haltung erscheinen. Dass man etwa keine antisemitischen Witze erzählt, habe ich mir schon als Zehnjähriger angeeignet - und halte das auch für einen zivilisatorischen Mindeststandard.

Robert Pfaller: Dieses Thema ist aufgekommen, als nach dem Fall des Eisernen Vorhanges der Westen die Idee aufgab, als Gesellschaft auf zunehmende Gleichheit hinzusteuern. Die Idee der Gleichheit wurde verlagert zur Idee der Nicht-Diskriminierung, eine erste neoliberale Verdrehung. Jetzt gibt es Ungleichheit nur mehr in Bezug auf Geschlecht, Rasse, sexuelle Orientierung. Die Fiktion ist, dass man nur diese letzten verbliebenen Ungleichheiten beseitigen müsse, damit es uns allen gut geht und wir alle gleichermaßen glückliche Marktteilnehmer werden können.

Baier: Eine der erstaunlichen Leistungen des Kapitalismus bestand darin, in den 70er und 80er Jahren eine Synthese zwischen den libertären Idealen der 68er Bewegung und einer marktliberalen Vorstellung herzustellen. Da sind zwei Dinge im Begriff des Neoliberalismus artikuliert, die nicht notwendigerweise zusammenhängen. Nämlich die Vorstellung von Freiheit und Emanzipa-tion aus staatlichen Zwängen, mit der Vorstellung, dass das am besten stattfindet, wenn den Kräften des Marktes keine Hindernisse in den Weg gesetzt werden. Der reale Sozialismus ist letztlich daran gescheitert, dass er das innovative Potenzial, das sich in den 70er Jahren entfaltet hat, nicht in die eigene gesellschaftliche Wirklichkeit einpflanzen konnte, während es im Kapitalismus geglückt ist, diese Legierung vorzunehmen.

Neoliberalismus ist heute ein sehr inflationär gebrauchter Begriff. Was meinen Sie genau damit?

Pfaller: Ich meine damit jene Strömung, die in den 70er Jahren begonnen hat mit politischen Deregulierungsmaßnahmen wie Entstaatlichung, Privatisierungen, der Zunahme des spekulativen Kapitals gegenüber dem produktiven Kapital. Seither ist die gesellschaftliche Ungleichheit enorm gewachsen, auch in den reichsten Staaten der Welt. Und die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, dass es ihnen morgen besser gehen wird als heute.

Walter Baier: "Die Wirkungsweise des Neoliberalismus besteht darin, dass man sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann, außer dass maximaler Eigennutz Garant für Gemeinnutz wäre."  

Walter Baier: "Die Wirkungsweise des Neoliberalismus besteht darin, dass man sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann, außer dass maximaler Eigennutz Garant für Gemeinnutz wäre."  © Peter Jungwirth Walter Baier: "Die Wirkungsweise des Neoliberalismus besteht darin, dass man sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann, außer dass maximaler Eigennutz Garant für Gemeinnutz wäre."  © Peter Jungwirth

Information

Walter Baier, geboren 1954 in Wien, studierte Ökonomie und Soziologie. Er ist seit 2007 der politische Koordinator von transform! europe, einem Netzwerk von 31 Forschungs- und Bildungseinrichtungen aus 19 europäischen Ländern, das auch als Thinktank der Partei der Europäischen Linken fungiert. (www.transform-network.net) Er war von 1994 bis 2006 Bundesvorsitzender der Kommunistischen Partei Österreichs und Herausgeber der Wochenzeitung "Volksstimme". Zahlreiche Veröffentlichungen zu Fragen der Europäischen Integration und Nationalismus, zur radikalen Rechten in Europa und zu Geschichte und aktuellen Problemen der europäischen Linken; zuletzt "Unentwegte. Österreichs KommunistInnen 1918 - 2018" erschienen bei Globus, Wien.


Robert Pfaller, geboren 1962 in Wien, war Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und lehrt nun (wieder) an der Kunstuniversität in Linz. Ee bekleidete Professuren und Gastprofessuren u. a. in Amsterdam, Berlin, Chicago, Oslo, Strasbourg, Toulouse und Zürich.
Veröffentlichungen u. a.:
- Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. S. Fischer, 2011.
- Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur. Fischer, 2008.
- Die Ästhetik der Interpassivität. philo fine arts 2008.
Soeben ist im S. Fischer Verlag sein neuestes Buch erschienen: "Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur" .

Barbara Freitag war u. a. für die Austria Presse Agentur tätig, und lebt nun als freie Kulturjournalistin und Tanzkritikerin in Wien.

Baier: Die neoklassische, liberale Ökonomie hat die Welt regiert und in den 20er Jahren ihren Zusammenbruch erlebt. Dadurch wurde deutlich, dass die Idee des Kapitalismus, basierend auf Freihandel, der Bindung der Währungen an den Goldstandard, nicht funktioniert. Der Faschismus war eine Reaktion auf dieses Versagen, aber auch der New Deal und der Sozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich ein Kapitalismusmodell durch, das man als Keynesianisch-wohlfahrtsstaatlich beschreiben kann, mit starken Regulierungen und dem primären Ziel, hohe Beschäftigung und Wachstumsraten sicherzustellen. Dieses System kam Ende der 60erJahre in eine Legitimitätskrise, und dem Kapitalismus gelang etwas, das auch einen Sozialisten fasziniert: Nämlich auf der einen Seite die Freiheitssehnsucht einer ganzen Generation aufzugreifen, die mit den alten Strukturen nicht mehr weiterleben wollte. Es entwickelte sich eine libertär-anarchistische Ideologie. Andererseits geriet der Wohlfahrtsstaat in eine Krise, und nicht mehr Wachstum, sondern Stagnation und Inflation waren die Folgen.




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Dokument erstellt am 2017-12-07 15:44:10
Letzte Änderung am 2017-12-09 17:04:24



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