• vom 25.12.2017, 18:42 Uhr

Zeitgenossen

Update: 26.12.2017, 11:56 Uhr

Interview

"Ich war schon immer ein Gefühlsmensch"




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (44)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Sonja Panthöfer

  • Bischof Erwin Kräutler über Brasilien, die Herzlichkeit der Menschen dort und seine Einstellung zum Gebet.

Bischof Kräutler im Gespräch mit Sonja Panthöfer, das im Rahmen einer Veranstaltung von "globart" im Kremser Kloster UND im Herbst dieses Jahres stattfand. - © Bernadette Sattler-Remling

Bischof Kräutler im Gespräch mit Sonja Panthöfer, das im Rahmen einer Veranstaltung von "globart" im Kremser Kloster UND im Herbst dieses Jahres stattfand. © Bernadette Sattler-Remling

Information

Bischof Erwin Kräutler lebt und arbeitet seit über 50 Jahren in Brasilien. Dom Erwin, wie er in seiner zweiten Heimat liebevoll genannt wird, wurde 1939 in Koblach/Vorarlberg geboren. 1958 trat er in die Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut ein und nach dem Studium der Theologie und Philosophie folgte 1965 die Priesterweihe. Im selben Jahr ging Erwin Kräutler als Missionar nach Brasilien und wirkt seitdem als Seelsorger im Amazonasgebiet. Im November 1980 berief ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof der Diözese Xingu im Norden Brasiliens, die flächenmäßig rund vier Mal so groß ist wie Österreich. Dieses Amt hatte Kräutler bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2016 inne.

Dom Erwin Kräutler engagiert sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte der indigenen Völker Brasiliens und für den Erhalt des tropischen Regenwaldes. Er überlebte 1987 ein Attentat, als ein LKW in sein Auto raste und seinen Beifahrer tötete. Deshalb steht Dom Erwin seit Jahren unter Polizeischutz. Für sein Engagement wurde der katholische Geistliche, der die österreichische und brasilianische Staatsbürgerschaft besitzt, vielfach ausgezeichnet. 2010 wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.

Zuletzt erschien von Erwin Kräutler 2016 das Buch "Habt Mut" im Tyrolia Verlag. Im gleichen Jahr wurde der Band "Gerechtigkeit für Brasiliens indigene Völker" im Picus-Verlag veröffentlicht. Ebenfalls im Tyrolia Verlag erschien 2014 sein Buch "Mein Leben für Amazonien".

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in Wien.

"Wiener Zeitung": Herr Bischof, Sie leben schon sehr lange in einer Welt, die den allermeisten Menschen hier fremd ist. Beschreiben Sie doch bitte: Wie sieht es dort aus, was hört und riecht man?

Erwin Kräutler: Amazonien war einmal eine Welt voller Wasser und riesiger Wälder, ein grüner Ozean. Dies war mein allererster Eindruck, als ich dort vor über fünfzig Jahren eintraf, und es ist ein Bild, das sich mir fest eingeprägt hat. Doch dies ist Geschichte. Der Grund für diese für immer verschwundene Welt ist der Bau der "Transamazonica", die in den siebziger Jahren von der brasilianischen Regierung errichtet wurde. Dieses gigantische Straßennetz hat den Regenwald zerstört, doch die Menschen haben damals das Fällen jedes Baumes bejubelt, weil sie die Wildnis als Hemmschuh betrachteten.

Und heute?

Wenn ich beispielsweise am Oberlauf des Rio Xingu, einem der großen Nebenflüsse des Amazonas, unterwegs bin und eine Reifenpanne habe, finde ich auf einer Strecke von 200 Kilometern keinen einzigen Baum mehr, der Schatten spenden könnte. Gleich, wohin man sich wendet: Man blickt auf kahle Hügel und spürt zugleich den Staub, der einem in die Nase steigt, sowie die brütende Hitze, die einen sofort in Beschlag nimmt.

Laut der UN-Migrationsbehörde IOM planen weltweit Millionen von Menschen ihre Auswanderung. Sie sind den Schritt in eine völlig andere Kultur schon vor langer Zeit gegangen.

Richtig, und diesen Schritt in eine völlig andere Welt habe ich nie bereut, ganz im Gegenteil.

Bei uns begegnet man einem Bischof respektvoll und zugleich distanziert. Sie hingegen sind ein Mensch, der umarmt, und Sie werden umarmt. Waren Sie schon immer so nahbar oder hat Ihre Umgebung Sie dazu gemacht?

Nun ja, die Vorarlberger haben normalerweise den Ruf, dass sie sehr distanziert und trocken sind. Ich war jedoch schon immer ein Gefühlsmensch.

Aber haben Sie die Gefühle auch gezeigt?

Wenn ich ehrlich bin: nein. Aber die Menschen in Brasilien haben mich mit ihrer Art beeindruckt. Schließlich kann ich schlecht steif stehen bleiben, wenn ich umarmt werde. Das ist ein Brauch, dem ich mich gern angepasst habe, weil es ein schönes Zeichen dafür ist, dass man sich mag. Nur Händeschütteln bin ich nicht mehr gewohnt. Wissen Sie, was man sich in Österreich kaum vorstellen kann?

Nämlich?

Während des Gottesdienstes trage ich eine weiße Stola und die muss ich manchmal in die Reinigung bringen, weil sie immer wieder voller Lippenstift ist. Das liegt daran, dass viele Menschen etwas kleiner sind als ich und der Kuss eben nicht mehr auf meiner Wange, sondern auf der Stola landet. Ich erinnere mich an ein Pfarrfest, bei dem mich die Leute unverwandt anstarrten und sich kichernd anstießen. Irgendwann fasste eine Dame Mut und fragte mich, ob ich schon in den Spiegel geschaut hätte. Als ich das tat, sah ich den sehr deutlichen Abdruck eines Kussmundes auf meiner Wange. Das ist ein schönes Beispiel für die sehr große Herzlichkeit der Menschen, für die Körperkontakt etwas vollkommen Normales darstellt.




weiterlesen auf Seite 2 von 5




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-21 16:59:14
Letzte ─nderung am 2017-12-26 11:56:43



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Als Kind sah ich mich als Priester oder Papst"
  2. Israel entstand in Österreich
  3. Was für eine Geschichte!
  4. "Meine Sichtweise ist für viele eine Provokation"
  5. Beifallsdonner und Lorbeerkränze
Meistkommentiert
  1. Was für eine Geschichte!
  2. Israel entstand in Österreich
  3. "Als Kind sah ich mich als Priester oder Papst"
  4. "Meine Sichtweise ist für viele eine Provokation"


Werbung


Werbung