• vom 10.02.2018, 09:00 Uhr

Zeitgenossen


Porträt

Vom Schicksal gezeichnet




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief





Der Gast war darauf vorbereitet, wer und was ihn erwartet. Denn Lilly Phillips erzählte schon dreimal für die Öffentlichkeit, was ihr aus ihrem Leben wichtig erscheint: 2006 Trina Robbins, einer Leuchtfigur der amerikanischen Underground-Comix-Bewegung, 2010 dem Magazin "Newsweek" und, am ausführlichsten, 2012 dem österreichischen Zivildiener Michael Spiegl, heute Obmann des "Vereins Gedenkdienst", für die Austrian Heritage Collection des Leo Baeck Institute. In unserem Gespräch will sie deutsch sprechen, für die Leser in Österreich. Ein sonores, nachdrückliches Deutsch. Oft fällt sie in das ihr längst geläufigere Englisch.

Lebensbuch

Trina Robbins, Jahrgang 1938, machte die für die Comic-Szene längst verschollene Kollegin 2011 auf ihre Weise wieder bekannt: Mit dem Comic-Book "Lily Renée, Escape Artist", Untertitel "From Holocaust Survivor to Comic Book Pioneer". Die Österreichische Nationalbibliothek führt das 98-Seiten-Buch seit einigen Wochen im Katalog. Wer sich für die Arbeitsteiligkeit in diesem kulturindus-triellen Prozess interessiert, findet im Impressum Antworten. Dort werden die Urheber von Story, Pencils, Inks und Coloring in der Reihenfolge ihres Gebrauchtwerdens genannt. Lilly und Eric wechselten in ihrer Zusammenarbeit oft die drei letztgenannten Rollen.

Eric und Lilly in den Vierzigerjahren, und die nunmehr 96-jährige Lilly Phillips mit einer ihrer Zeichnungen in der Wahlheimat New York.

Eric und Lilly in den Vierzigerjahren, und die nunmehr 96-jährige Lilly Phillips mit einer ihrer Zeichnungen in der Wahlheimat New York.© Privat, Hans Haider Eric und Lilly in den Vierzigerjahren, und die nunmehr 96-jährige Lilly Phillips mit einer ihrer Zeichnungen in der Wahlheimat New York.© Privat, Hans Haider

Lilly Phillips hat das Buch nur mehr im Kopf - die Augen machen nicht mit. Kapitel eins: Wien 1938. Das erste Bild: eine idyllische Straßenszene im Spätwinter. Zwei Kirchtürme und Berge im Hintergrund. Ein Brunnen noch eingeschaltet, ein Weihnachtsbaum übrig. Der Schankbursch vor dem Gasthaus spricht mit einem Mann in Ausseer Lederhose. Gegenüber ein Bürgerpaar. Im offenen Autocoupé eine Dame mit Hut, Pelzstola und weißen Rosen. Dann eine Doppelseite Wiener Kultur- und Geistesleben. Ein Renaissancepalast ähnlich der Universität, die Eltern schicken Lily in die Oper, ins Kinderballett, in eine Kunstschule - "ihre Kunst war ausgestellt in einer Galerie". Doch schon ein Warnsignal: "One day, it all changed . . ."

Wiener Erinnerungen

Kampfpanzer auf der Straße (die Modelle sind jünger als 1938 . . .), Soldaten mit Hakenkreuzen auf ihren Armbinden in Marschkolonnen, Jubelwiener am Straßenrand, Papa und Mama blicken traurig aus dem Fenster. Zivilpolizei beschlagnahmt Hausrat, "Jude" ist auf ein Auslagenfenster geschmiert, in die Wohnung der Wilheims werden delogierte Juden einquartiert. Die Freundinnen wollen nicht mehr mit Lily spielen, Onkel Samuel wird deportiert und kommt später in Buchenwald ums Leben. Juden, die um Ausreisepapiere anstehen, werden in eine Synagoge getrieben.

Im November hat Lily einen schrecklichen Traum: Die Synagogen brennen. Es ist der Vorabend des Novemberpogroms ("Night of Broken Glass"). Auf der nächsten Buchseite sieht man sie brennen. Die Familie erfährt von der Chance "Kindertransport". "Wir werden uns in wenigen Wochen wiedersehen", versprechen die Eltern. Doch in Leeds hat Lily bei Pflegefamilien als Haus- und Kindermädchen viel durchzustehen - bis sie, nach Kriegsbeginn eine "feindliche Ausländerin", nach London flieht und mit Scotland-Yard-Hilfe ein Schiff nach Amerika besteigt.




zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 4




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 15:50:34
Letzte Änderung am 2018-02-09 16:14:36


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  2. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  3. "Ich bin doch nur ein Depp"
  4. Vom Outlaw zum Mörder
  5. Echt täuschend - täuschend echt
Meistkommentiert
  1. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"


Werbung