• vom 24.02.2018, 09:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 02.03.2018, 14:27 Uhr

Fotografie

Der Blickfänger von der Mur




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Von Werner Schandor

  • Der in Taiwan geborene Fotograf Chien-Chi Chang ist Mitglied der berühmten Agentur "Magnum Photos" - und residiert jedes Jahr mehrere Wochen in Graz.

Hat die Zeichnungen seiner Kinder statt eigener Fotos in der Grazer Wohnung hängen: Chien-Chi Chang. - © Schandor

Hat die Zeichnungen seiner Kinder statt eigener Fotos in der Grazer Wohnung hängen: Chien-Chi Chang. © Schandor

Rund 50 lebende Mitglieder zählt Magnum Photos, die renommierteste Fotoagentur der Welt. Auf der Homepage des Unternehmens, das seinen Sitz in New York City hat, werden die lebenden gemeinsam mit den toten Fotografen des Unternehmens alphabetisch gelistet.

Der 1961 in Taiwan geborene Chien-Chi Chang hat da seinen Platz zwischen Foto-Genie und Magnum-Mitbegründer Henri Cartier-Bresson (1908-2004) und der Foto-Legende Bruce Davidson (geb. 1933). "Als ich in die USA kam und mit dem Fotografieren begann, wusste ich gar nicht, dass es Magnum gab", erzählt Chien-Chi Chang. "Später begriff ich, dass da alle hinwollten. Und ich wurde genommen." Seit 1995 fotografiert Chang für Magnum, seit 2001 gehört er dem erlesenen Zirkel als Vollmitglied an.

52 Bordkarten im Jahr

Die meiste Zeit des Jahres ist der Fotograf und Filmemacher rund um den Globus unterwegs. Er sammelt die Bordkarten seiner Flüge: Auf 52 Boardingpässe ist er allein 2017 gekommen. Ein paar Wochen im Jahr verbringt Chang jeweils in Taichung auf Taiwan, wo seine Eltern leben. Gerne hält er sich auch in New York auf, wo er noch ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft hat. ("In New York fühle ich mich sofort zu Hause, als wäre ich nie weg gewesen.")

Und seit rund sieben Jahren kommt er, so oft es geht, nach Graz, wo seine beiden Kinder daheim sind. Chien-Chi Chang war einige Jahre mit der jungen österreichischen Fotografin Anna Lisa Kiesel verheiratet, die er in New York kennengelernt hatte. Auch wenn die Ehe nicht gehalten hat, so sind die beiden Kinder der wirkliche Fixpunkt in seinem Leben geworden. "Nach 25 Jahren als Fotograf habe ich nicht mehr das unbedingte Bedürfnis, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein", schreibt Chang am Ende des Videos "On the road", in dem es über sein Leben auf Achse und sein Vatersein geht.

Chang bei einer Ausstellung in Qingdao (China).

Chang bei einer Ausstellung in Qingdao (China).© VCG/Getty Images Chang bei einer Ausstellung in Qingdao (China).© VCG/Getty Images

Ich treffe Chien-Chi Chang in seiner Grazer Wohnung im siebenten Stock eines Wohnbaus aus den späten 1960er Jahren. Von hier aus überblickt man die nördlichen Mur-Auen, bis der Blick im Westen am Höhenzug des Plabutsch hängen bleibt. Im Osten nimmt die Erhebung des Rainerkogels die Stadt in die Zange.

"Kaffee?", fragt Chang. Meine Bitte nach Tee erwischt ihn am falschen Fuß. Er hat lediglich eine Packung Teefix-Beutel auf Lager. Das erste Klischee - bisher lernte ich nur Taiwanesen kennen, die "losen Tee" trinken - ist widerlegt, da hat das Interview noch gar nicht begonnen.

Die nächste Überraschung: Die Wohnung ist frei von Fotografien. In jeder Ecke des Wohnzimmers, in dem unser Gespräch stattfindet, haben die Kinder ihre Spuren hinterlassen. Puppenhäuser, Spielzeuge, Kuschelmatratzen und an den Wänden und auf dem Flipchart viele Kinderzeichnungen. Die Kleinen - ein Sohn und eine Tochter - sind im Kindergartenalter, und Chang verbringt so viel Zeit wie möglich mit ihnen, wenn er in Graz ist. Das sind vier bis fünf Wochen am Stück, selten auch sechs oder sieben. Dann ruft der nächste Auftrag, und die Fototasche wird gepackt, der nächste Flug gebucht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-23 15:05:36
Letzte Änderung am 2018-03-02 14:27:10


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