• vom 03.03.2018, 12:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Es gibt eine Krise des Allgemeinen"




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Von Nikolaus Halmer

  • Der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz erklärt den Strukturwandel der Moderne anhand seines Konzepts einer "Gesellschaft der Singularitäten".

Konstatiert einen massiven Trend weg vom Standardisierten: Andreas Reckwitz. - © Jürgen Bauer

Konstatiert einen massiven Trend weg vom Standardisierten: Andreas Reckwitz. © Jürgen Bauer

"Wiener Zeitung": Herr Reckwitz, Ihr neues Buch, "Die Gesellschaft der Singularitäten", ist eine Generaltheorie unserer Epoche. Was bedeutet der zentrale Begriff "Gesellschaft der Singularitäten"?

Andreas Reckwitz: Die Grundthese in meinem Buch ist, dass wir einen Strukturwandel in der Moderne erleben, dass die klassische, industrielle Moderne, die bis in die 70er Jahre dominant war und in vieler Hinsicht unser Selbstverständnis prägt, immer mehr erodiert zugunsten einer spätmodernen, postindustriellen Gesellschaft und Kultur, die andere Strukturmerkmale hat.

Worin bestanden diese Strukturmerkmale der Moderne?

Die industrielle Moderne war eine Moderne, die von einem Imperativ des Allgemeinen, des Gleichen, des Standardisierten beherrscht war. Diese klassische Moderne, die in den 1950er bis 70er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, beruhte stark auf Standardisierungs- und Gleichheitsimperativen. Auch die Sozialstruktur war relativ egalitär. Der Soziologe Helmut Schelsky prägte dafür in Deutschland den Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft", den man auf viele westliche Gesellschaften beziehen kann.

Welche Eigenschaften weist im Gegensatz zur Moderne die spätmoderne Gesellschaft auf?

Die Spätmoderne ist eine Gesellschaft, die einer Logik der Singularitäten folgt, das heißt, die sehr viel stärker den Kriterien des Außergewöhnlichen, des Singulären, des Einzigartigen folgt, und das in ganz verschiedenen Bereichen - ob in der Wirtschaft, in der Politik oder in alltäglichen Lebensstilen. Was das konkret bedeutet, versuche ich in dem Buch genauer zu analysieren.

Information

Andreas Reckwitz, geboren 1970 in Witten, ist Soziologe und Kulturwissenschafter. Er ist Professor für vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Nach dem Buch "Die Erfindung der Kreativität" (Suhrkamp 2012) hat er 2017 großes Aufsehen erregt mit dem Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten" (ebenfalls Suhrkamp).

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Warum sprechen Sie statt wie üblich von "Individualisierung" von "Singularitäten"?

Ich habe den Begriff der Singularität deswegen gewählt, um diese Prozesse der Verfestigung des Einzigartigen auf verschiedenen Ebenen verfolgen zu können. Dabei spielen die Subjekte auch eine Rolle; auch Subjekte werden singularisiert, wie das im Individualismus der Fall ist. Es werden aber auch Dinge singularisiert, Waren, Orte oder Städte als einzigartig produziert oder zeitliche Einheiten wie Ereignisse oder Events als singulär prämiert; und sogar Kollektive, Gemeinschaften, Projekte und soziale Einheiten erfahren eine Singularisierung. Dieses Zusammenspiel von Singularisierungen auf verschiedenen Ebenen macht die Gesellschaft der Singularitäten aus.

Können Sie Beispiele dieser Singularisierungen anführen?

Nehmen wir den Bereich der Arbeitswelt, der sich enorm wandelt, gerade bei den hochqualifizierten Berufen. Dort reicht es nicht mehr aus, nur standardisierte Schul- oder Hochschulabschlüsse zu erzielen. Was zählt, ist, dass man sich ein nicht austauschbares Profil erarbeitet, also eine Kombina- tion von verschiedenen Kompetenzen. Ein anderes Beispiel ist der Konsumbereich, etwa im Tourismus. Spätmoderne Reisen sind immer weniger pauschal und standardisiert, sondern darauf aus, das Singuläre zu erleben - ein authentischer Ort, ein spezieller Naturraum, eine exklusive Erlebnisreise, ein Aktivurlaub.

Sie schreiben, dass für die Gesellschaft der Singularitäten die sogenannten "creative industries" des "kulturellen Kapitalismus" eine wesentliche Rolle spielen.

Die sogenannten creative industries - Bereiche wie Printmedien, Neue Medien, Digitale Medien, Design, Tourismus oder Coaching - sind Speerspitzen dieser Entwicklung. Es florieren jetzt Produkte, bei denen es nicht nur um den Nutzen geht, um Funktionen, sondern um kulturelle Werte, um einen Erlebniswert, einen Authentizitätswert, die mit dem Anspruch auftreten, besonders zu sein, nicht so wie alle anderen Produkte, das können auch Dienstleistungen, Ereignisse oder mediale Formate sein. Diese Bereiche sind enorme neue Absatzmärkte für die Ökonomie, sodass am Ende der kulturelle Kapitalismus weit über die creative industries hinausgeht und etwa auch Bereiche wie Ernährung oder Bildung umfasst.

Wie sieht das Hauptmerkmal dieses zeitgenössischen kulturellen Kapitalismus aus?

Der Kulturkapitalismus ist deutlich kompetitiver und dynamischer als der Industriekapitalismus. Im alten Industriekapitalismus gab es Standardmärkte und Güter, die leicht vergleichbar waren; sie konnten über den Preis oder den Nutzen verglichen werden. Aber der kulturelle Kapitalismus lebt eben von Gütern, die den Anspruch haben, einzigartig zu sein - das hängt jedoch von sehr unberechenbaren Formen des Erlebens und der Bewertung ab. Das kann man schon an den traditionsreichen Märkten für kulturelle Güter wie Kunstwerke, Literatur oder Musik sehen: Hier herrscht das, was Ökonomen als "the winner takes it all"-Märkte bezeichnen. Das heißt: Es gibt immer einige Güter, die groß herauskommen, die sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und als einzigartig valorisiert werden - so wie die bekannten großen Musikstücke oder die Romane, die alle lesen. Und es gibt viele andere, denen das nicht gelingt. Da haben wir eine starke Polarisierung im Sinne eines "the winner takes it all"-Marktes.

Wie sehen die Spielregeln für den "kulturellen Kapitalismus" aus?

Was einzigartig ist, hängt von Aufmerksamkeit und Bewertungsdiskursen ab; das sind soziale Prozesse, die ein bestimmtes Zufallselement aufweisen; worauf richtet sich die Aufmerksamkeit, wem gelingt es, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und wie wird valorisiert? Was wird zum "Klassiker" und was verliert diesen Status? Mit industriegesellschaftlichen Kriterien der Leistungsgerechtigkeit sind diese Prozesse gar nicht mehr vereinbar. Und das gilt nicht mehr nur für die Kunst, sondern für viele Bereiche der Arbeit und Ökonomie, ja die Gesellschaft insgesamt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-02 14:02:36
Letzte Änderung am 2018-03-02 14:21:22


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