• vom 10.03.2018, 10:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Hitlers Expansion war eine Flucht nach vorne"




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Von Rudolf Leo und Gerald Schmickl

  • Der Historiker Kurt Bauer über die Vorgeschichte der dunklen Jahre Österreichs, die ambivalente Rolle von Kanzler Schuschnigg und der Kirche - und wie die intensive Beschäftigung mit NS-Gräueln einen belastet.

- © Peter Jungwirth

© Peter Jungwirth

"Wiener Zeitung": Herr Bauer, Sie haben ein Buch über die "dunklen Jahre" Österreichs in der NS-Zeit geschrieben und kürzlich veröffentlicht. Was war Ihre Motivation, sich mit dieser doch sehr intensiv erforschten Zeit nochmals ausführlich zu beschäftigen?

Kurt Bauer: Motiviert hat mich zuerst einmal, dass ich Historiker bin und einfach gerne Geschichte erzähle. Man glaubt es nicht, aber es gibt - mit einer Ausnahme - keine wissenschaftliche Monographie der Nazi-Jahre in Österreich. Es liegen Darstellungen für einzelne Bundesländer vor, auch ausgezeichnete Arbeiten über bestimmte Regionen, aber für mich war es die große Herausforderung, die Geschichte der Jahre 1938 bis 1945 für ganz Österreich zu erzählen. Ich weiß aus Gesprächen, dass viele jüngere Österreicher nicht wirklich gut oder doch recht einseitig über diese Zeit informiert sind.


© Peter Jungwirth © Peter Jungwirth

Information

Kurt Bauer wurde 1961 in St. Peter am Kammersberg, Obersteiermark geboren; gelernter Schriftsetzer; Absolvent der Höheren Grafischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt. Beruflich war er viele Jahre als Buchhersteller und Verlagslektor tätig. Ab 1991 studierte er neben seiner beruflichen Arbeit Geschichte an der Universität Wien; Diplomarbeit 1998, Dissertation 2002. Ab 2007 freier Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft und ab 2017 des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft. Lebt und arbeitet seit 1983 in Wien.
Forschungsschwerpunkte: NS-Geschichte, Sozialstruktur der NS-Bewegung, Erste Republik Österreich, politische Gewalt, Alltags- und Mentalitätsgeschichte.

Er ist Autor u.a. folgender Bücher:
+ Die dunklen Jahre. Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938–1945.
(S. Fischer Verlag, 2017).
+ Hitlers zweiter Putsch. Dollfuß, die Nazis und der 25. Juli 1934. (Residenz Verlag, 2014).
+ Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. (UTB-Taschenbuch, 2008)
Im Internet:
www.kurt-bauer-geschichte.at

Rudolf Leo,
geboren 1962, ist Historiker und Buchautor, u.a. von "Der Pinzgau unterm Hakenkreuz" (Otto Müller Verlag, Salzburg, 2013).

Gerald Schmickl, geboren 1961, ist Schriftsteller und redaktioneller Leiter des "extra".


Kommen wir zur Vorgeschichte des "Anschlusses": Dabei betonen Sie, dass Sie das Dollfuß-Schuschnigg-Regime nicht als "austrofaschistisch" bezeichnen wollen, sondern den Ausdruck "Kanzlerdiktatur" präferieren. Warum?

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass man diese Ära nicht als Faschismus im eigentlichen Sinn bezeichnen kann. Ich weiß, da gehen die Meinungen innerhalb der österreichischen Historikerschaft weit auseinander. Es ist fast zu einer Glaubensfrage geworden. Wir haben es - wenn man etwa die vom italienischen Faschismusforscher Emilio Gentile genannten Kriterien heranzieht - nicht mit einem "vollen" Faschismus zu tun, bestenfalls in einer gewissen Phase, nämlich 1934, mit einer Art Halbfaschismus, der später wieder rückgebaut wurde. Daher finde ich die von Helmut Wohnout geprägte Formel "Kanzlerdiktatur" bzw. "autoritäre Regierungsform" passend. Aber man sollte sich mit dieser doch sehr akademischen Diskussion, in der noch dazu die Fronten verhärtet sind, nicht allzu lange aufhalten.

Kurt Bauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Kurt Bauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".© Peter Jungwirth Kurt Bauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".© Peter Jungwirth



Glauben Sie, dass ein Schulterschluss Schuschniggs mit der in die Illegalität gedrängten Arbeiterbewegung, also sowohl den Kommunisten wie den Sozialdemokraten, den "Anschluss" 1938 aufhalten oder verhindern hätte können?

Zuletzt hat er diesen Schulterschluss durchaus gesucht. Am
3. März gab es ein Treffen mit einem Arbeiterkomitee, geführt vom sozialdemokratischen Gewerkschafter Friedrich Hillegeist. Und am 7. März fand die berühmte Konferenz von sozialdemokratischen Vertrauensleuten im Floridsdorfer Arbeiterheim statt, übrigens einem der Schauplätze der Kämpfe vom Februar 1934. Schuschnigg hatte den Eindruck, dass die Arbeiter trotz allem Misstrauen im Falle einer Volksabstimmung mit "Ja" stimmen würden, also für Österreich und die Unabhängigkeit, deshalb hat er sich auch daran gewagt, eine solche Abstimmung zu verkünden. Es ist anzunehmen, dass diese Volksabstimmung, so wie Schuschnigg sie angelegt hatte - also unter demokratiepolitisch doch sehr zweifelhaften Umständen -, tatsächlich pro Österreich ausgegangen wäre. Ungefähr zwei Drittel hätten für Österreichs Unabhängigkeit gestimmt. In diese Richtungen jedenfalls gehen damalige plausible Schätzungen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-08 15:14:56
Letzte Änderung am 2018-03-08 16:34:56


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