• vom 18.03.2018, 09:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Die Therapeutin will eine gute Fee sein"




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Von Saskia Blatakes

  • Die Schriftstellerin und Psychotherapeutin Monika Wogrolly über moderne Pseudobeziehungen, Märchen als Hilfe bei Problemen - und darüber, wie der frühe Tod ihres Mannes ihr weiteres Leben geprägt hat.

"Es geht um das Bedürfnis nach Nähe.": Monika Wogrolly. - © Luiza Puiu

"Es geht um das Bedürfnis nach Nähe.": Monika Wogrolly. © Luiza Puiu

"Wiener Zeitung": Sie sind Psychotherapeutin und haben gerade ein Sachbuch zum Thema glückliche Beziehungen veröffentlicht. Befolgen Sie eigentlich in Ihrem Privatleben Ihre eigenen Ratschläge?

Monika Wogrolly: Gute Freunde haben schon in zynischer Laune zu mir gesagt: Da gibt es ein gutes Buch, das du vielleicht mal lesen solltest. Gemeint war mein eigenes. Ich muss offen sagen, dass es Therapeuten nicht anders geht als allen anderen Menschen. Da bin ich auch mit meinen Klienten immer sehr ehrlich. Denn das theoretische Wissen und anderen Menschen Hilfestellung geben zu können, hat ja auch damit zu tun, dass ich von außen viel mehr Überblick habe. Ich kann quasi Bergführerin sein, auf neue Wege hinweisen oder empfehlen, den schweren Rucksack liegen zu lassen und leichteres Gepäck zu suchen. Aber wenn ich selbst einen neuen Berg besteige, würde ich mir manchmal selbst einen Bergführer wünschen. In Paarbeziehungen ist man so verwundbar wie sonst nie. Und wenn dann der Partner etwa ein Gesicht aufsetzt, wie der Vater früher, wenn man ihm etwas zeigen wollte und er zu beschäftigt war, dann löst das eben etwas aus.

Ihr Mann ist früh und überraschend gestorben. Wie prägt Sie das heute in Ihren Beziehungen und in Ihrer Arbeit?

Es gab in meinem Leben eine Zeit vorher und eine Zeit danach. Ich war damals fünfundzwanzig und habe ihn morgens tot und starr im Bett entdeckt. Ich wollte ihn wecken und er war über Nacht mit 33 Jahren an einem Sekundenherztod gestorben. Am sichersten Ort der Welt - wie ich meinte. Ich habe meinen Mann sehr geliebt und war komplett überfordert, dass so ein Schicksalsschlag überhaupt möglich ist. Ich musste mich für oder gegen das Leben entscheiden. Ich habe dann beschlossen: Wenn ich schon die Tiefe dieser Katastrophe erleiden muss, dann möchte ich etwas daraus machen. Damit sein Tod nicht umsonst war.

Information

Monika Wogrolly wurde 1967 in Graz geboren. Ihr konservatives, katholisches Elternhaus ist schockiert, als sie in ihrer Schulzeit eine Affäre mit ihrem Lateinlehrer beginnt und mit siebzehn einen Sohn mit ihm bekommt. Sie wird Schriftstellerin. Nachdem ihr Mann überraschend stirbt, als sie 25 Jahre alt ist, beginnt Wogrolly, Philosophie zu studieren und spezialisiert sich später auf Bioethik.

Als erste Klinikphilosophin begleitet sie im Rahmen eines Forschungsprojekts am Universitätsklinikum Graz schwerkranke Menschen und deren Angehörige. Sie stößt bald "an die Grenzen der Sprache" und merkt, dass es Situationen gibt, in denen Reden nicht mehr hilft, und sie am besten nur noch zuhört und für ihre Klienten da ist. Deshalb beschließt sie, eine Psychotherapieausbildung zu machen – auch um sich selbst besser von den oft tragischen Geschichten abgrenzen zu können.
Neben Fachbüchern hat sie mehrere Romane veröffentlicht, 1995 war sie für den Bachmannpreis nominiert. Ihr neuestes Sachbuch heißt "Die Beziehungsformel – Endlich glücklich lieben" (Verlag Ueberreuter). Das Gespräch fand in ihrer Praxis in Wien statt.

Saskia Blatakes, geboren 1981 in München, studierte Politikwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin in Wien.

Ich verstehe Leid gut, vielleicht besser, als solche, die noch nie Leid erfahren haben. Deshalb glaube ich, dass sich viele Menschen, die Leidvolles erfahren, bei mir wohlfühlen. In meiner Doktorarbeit habe ich mich dann spezialisiert auf den Umgang mit schwerstkranken, sterbenden und hirntoten Menschen. Jahrelang haben sich meine Studien um langes Sterben gedreht. Das war sicher mein Verarbeitungsprozess, weil es bei meinem Mann keinen Abschied gab, sondern eine abrupte Trennung. Auf diese Weise habe ich mich selbst therapiert.

Wie beeinflusst Sie das heute?

Es hat meine ganze Sichtweise auf das Leben verändert. Ich lebe nach dem Carpe-Diem-Prinzip. Das versuche ich auch meinen Klienten zu vermitteln: Es kann an Traumata passiert sein, was will - wir leben hier und jetzt und können es uns so schön machen, wie wir wollen. Das ist eine große Freiheit. Wir dürfen nicht in die Opferrolle kommen - und schon gar nicht darin steckenbleiben. Man sollte nicht den Weltschmerz beklagen, sondern sich trauen, zu leben. Wenn ich gut zu mir selbst bin, kann ich gut zu den Menschen in meinem Umfeld sein. Diese Glücksmomente zu kultivieren, darum geht es im Leben. Der Tod meines Mannes hat mir gezeigt: Es ist nicht die Dauer, sondern die Qualität, mit der wir leben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-15 17:15:00
Letzte Änderung am 2018-03-16 14:49:58


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