• vom 08.04.2018, 10:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Pflanzen stellen den Ursprung der Welt dar"




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Von Sonja Panthöfer

  • Der Philosoph Emanuele Coccia über die einzigartige Weise, wie Pflanzen das Antlitz der Welt geformt haben, seine Kritik an Veganern - und warum er Efeu hasst.

Eine Mischung von Natur und Kultur, von Menschlichem und Nicht-Menschlichem: der Fushimi- Inari-Taisha-Schrein in Kyoto, wo in Emanuele Coccia die Idee reifte, das Buch "Die Wurzeln der Welt" zu schreiben. - © Wolfgang Kaehler/LightRocket via Getty Images

Eine Mischung von Natur und Kultur, von Menschlichem und Nicht-Menschlichem: der Fushimi- Inari-Taisha-Schrein in Kyoto, wo in Emanuele Coccia die Idee reifte, das Buch "Die Wurzeln der Welt" zu schreiben. © Wolfgang Kaehler/LightRocket via Getty Images

"Wiener Zeitung": Geht Ihnen als Pflanzenfreund das Herz auf, wenn Sie Zimmerpflanzen auf der Fensterbank sehen?

Emanuele Coccia: Ehrlich gesagt, kommt es darauf an, um welche Pflanzen es sich jeweils handelt. Die Philosophin Hannah Arendt sagte einmal: "Es gibt nicht die Liebe zur Menschheit, sondern Liebe bezieht sich immer auf bestimmte Personen." Übertragen auf die Pflanzenwelt bedeutet dies, dass ich keine Liebe zu Pflanzen im Allgemeinen empfinde. Ich betrachte Pflanzen nicht als Objekte, die man als Deko auf die Fensterbank stellt.

Sondern?

Ich habe ein ähnliches Verhältnis zu ihnen wie zu Menschen. Bei bestimmten Pflanzen geht mir durchaus das Herz auf, bei anderen dafür umso weniger. Offen gestanden, gibt es sogar Pflanzen, die ich hasse.

Zum Beispiel?

Information

Emanuele Coccia wurde 1976 in Fermo (Italien) geboren. Im Alter von 14 Jahren besuchte er mehrere Jahre lang eine landwirtschaftliche Schule in Mittelitalien. Heute lebt und lehrt Emanuele Coccia als Professor für Philosophie an der "Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales" in Paris.

Zuvor promovierte er in Florenz und war zwischen 2008 und 2011 als Assistenzprofessor für Geschichte der Philosophie in Freiburg im Breisgau tätig. Sein Buch "Die Wurzeln der Welt" ist im Februar 2018 im Hanser-Verlag erschienen (aus dem Französischen übersetzt von Elsbeth Ranke). Dafür wurde Coccia 2017 mit dem Prix des Rencontres philosophiques de Monaco ausgezeichnet. "Die Wurzeln der Welt" wird derzeit in mehrere Sprachen übersetzt.


Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in München.

Efeu gehört zu den Pflanzen, die ich verabscheue! Mir liegt jedoch auch wenig an Rosen, was für viele Menschen komisch klingen mag. Eine Erklärung dafür liegt vielleicht in der speziellen Ausbildung, die ich in meiner Jugend erhalten habe. Seit dieser Zeit mag ich grundsätzlich Pflanzen lieber, die angebaut werden. Ich liebe alles, was auf Feldern wächst und gedeiht, also Nutzpflanzen. Aber ich kann auch Pflanzen etwas abgewinnen, die unauffällig unsere Wegesränder säumen, wie etwa der Löwenzahn. Diese Pflanze, die zu den Unkräutern gezählt wird, fasziniert mich vor allem deshalb, weil sie zugleich verletzlich und extrem lebensfähig ist.

Inwiefern war diese Ausbildung speziell?

Im Alter von 14 Jahren wurde ich auf eine Landwirtschaftsschule geschickt - und ich empfand diesen Ort irgendwo in der ländlichen Provinz Mittelitaliens zunächst als Exil. Als Stadtkind besaß ich keinerlei Bezug zu Pflanzen, und plötzlich drehte sich das gesamte Leben nur noch um deren Bedürfnisse und Erkrankungen. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, kommen mir als erstes endlose grüne Landschaften voller Felder und Bäume in den Sinn. Im Rückblick wurde mir bewusst: Der tägliche Kontakt mit diesen schweigenden Lebewesen hat meinen Blick auf die Welt nachhaltig geprägt.

Natur ist ein Megatrend, auch in der Welt der Bücher. Was unterscheidet Ihren Blick auf die Natur beispielsweise von jenem des Erfolgsautors Peter Wohlleben?

Es ist in der Tat ein großer Trend hin zur Natur zu beobachten, und es kommt gewiss nicht von Ungefähr, dass diese Mode von Deutschland ausgeht. Peter Wohlleben ist es mit seinen Büchern gelungen, die Ideen der deutschen Romantik wiederzubeleben, insbesondere den romantischen Kult um den Wald. Diese romantische Ader ist mir jedoch fremd. Als ich damals in diese mir völlig fremde ländliche Welt eintauchte, entdeckte ich eine paradoxe Wirklichkeit: Einerseits ernähren wir uns von Pflanzen und wir nutzen sie zur Körperpflege oder in Form von Naturheilmitteln. Andererseits gestehen wir ihnen selten ein Existenzrecht zu und es fällt uns außerordentlich schwer, Pflanzen als lebendige Wesen wahrzunehmen. Ich vertrete jedoch die Auffassung, dass Pflanzen genau der gleiche Status wie Tieren oder Menschen zukommt: Pflanzen sind Subjekte, Pflanzen sind die eigentlichen Erschaffer der Welt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-05 16:48:09
Letzte Änderung am 2018-04-05 18:11:17


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