• vom 15.04.2018, 15:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.04.2018, 11:05 Uhr

Interview

"Meine Sichtweise ist für viele eine Provokation"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (19)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Stefan May

  • Saranam Mann, der Enkel von Heinrich Mann, über Tantra, freie Sexualität, das Erbe von 1968, die Visionen seines Großvaters - und über sein Verhältnis zu den Nachkommen von Thomas Mann.

Betreibt die älteste Tantra-Schule Europas in Berlin: Saranam Mann. - © privat

Betreibt die älteste Tantra-Schule Europas in Berlin: Saranam Mann. © privat

"Wiener Zeitung": Herr Mann, Sie sind der Sohn der Heinrich Mann-Tochter Leonie und des tschechischen Schriftstellers Ludvik Askenazy. Ihre Kindheit haben Sie in der Tschechoslowakei verbracht, später haben Sie an der Berliner Filmhochschule studiert. Wie kamen Sie zu Tantra?

Saranam Mann: Ich war inspiriert von den 68ern. Und als sich mein bester Schulfreund und meine damalige Freundin ineinander verliebten, habe ich zugestimmt, dass wir zu dritt sind. Aber während unseres Beziehungsalltags wurde mir nach und nach bewusst, dass ich nicht liebesfähig genug bin, und nach fünf Jahren ist diese Beziehung auseinander gegangen, weil ich nicht mehr damit umgehen konnte, dass ich nicht genug liebe. Später wurde mir klar, wie unreif wir alle drei für diese Beziehung waren, trotzdem hat es mich angesteckt, ich fand es toll, zu dritt zu sein. In dieser Zeit der Trennungsphase lernte ich Tantra kennen, erst einmal durch Bücher. Ich dachte, das ist ein anderer Weg, um lieben zu lernen.

Information

Saranam Mann wurde 1956 als Ludvik Mann in Prag geboren. Seine Eltern sind die Tochter von Heinrich Mann, Leonie, und der tschechische Schriftsteller Ludvik Askenazy. Im Gefolge des "Prager Frühlings" übersiedelte die Familie in den Westen.

In Berlin studierte Mann an der Berliner Filmhochschule DFFB. Doch bevor er sich dem Film widmete, wollte er mehr über Sexualtherapie wissen und wandte sich dem indischen Tantra zu. Er nahm den Tantra-Namen Saranam an und betreibt heute mit seiner Familie und Freunden ein Institut in Berlin-Schöneberg, das sich als älteste Tantra-Schule Europas bezeichnet.

Seine Philosophie stützt sich unter anderem auf Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Soeben hat er in Kooperation mit dem Berliner Verlag Rot & Licht ein Buch unter dem Titel "Hautgeflüster – der zärtliche Weltfrieden" herausgebracht. Darin will Saranam Mann mit essayistischen Texten und erotischen Fotos die Philosophie des Tantra bekannter machen.

Stefan May wurde 1961 in Wien geboren, studierte Rechtswissenschaften, lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin und Wien.

Sie haben aber ursprünglich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen.

Mein Vater kam aus dem Zweiten Weltkrieg und ist dann Pazifist geworden. So bin ich in einem pazifistischen Haushalt aufgewachsen. Als ich später Film studiert habe, dachte ich mir, dass ich meine Kunst dem Guten im Menschen widmen und versuchen will, die Menschen zu motivieren, Ungerechtigkeit und Krieg zu lassen. Mit dem Angebot, eine dreijährige Ausbildung zum Sexualtherapeuten zu machen, sagte ich mir aber, bevor ich Künste mache, will ich zuerst einmal dieses Thema durchdringen.

Was war das Überraschende, das Neue an Tantra?

Das liebevolle Umgehen mit sinnlichen Bedürfnissen jenseits inhuman starrer Beziehungskonzepte. Da geht es um die menschlichen Sehnsüchte nach Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität. Das spürte ich ja als Pubertierender, als junger Erwachsener durchaus. Wobei ich aber merkte, die großen Liebesräusche erlebe ich irgendwie noch nicht so intensiv, wie ich das manchmal in der Literatur gelesen hatte, auch in den sexualaufklärerischen Büchern. Das Thema hat mich dann in den Anfängen meiner tantrischen Experimente so tief inspiriert, dass ich mir dachte, das könnte ich lernen. Je mehr Lust ich im Körper erlebe, desto feinfühliger wird mein Herz, desto liebevoller fühle ich mich. Und plötzlich fing ich an, mich viel tiefer zu verlieben als vorher. Dass ich in einem Selbsterfahrungsseminar auf einmal alle Menschen liebe, die dort sind, 20 Teilnehmer, das war unglaublich berührend für mich, dass das geht.



weiterlesen auf Seite 2 von 4




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 16:42:16
Letzte Änderung am 2018-04-16 11:05:20


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein fast perfekter Mord
  2. Der alte Goethe, der Göthé hieß
  3. Ein Haus voll Bücher
  4. Freiwillig in die Einsamkeit
  5. Das Ende des Allein-Seins
Meistkommentiert
  1. Freiwillig in die Einsamkeit


Werbung