• vom 22.04.2018, 09:30 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Als Kind sah ich mich als Priester oder Papst"




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Von Irene Prugger

  • Der Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller über die Macht von Kränkungen, die öffentlichkeitswirksamen Fälle von Jack Unterweger und Franz Fuchs - und seine frühen Berufswünsche.

Reinhard Haller: "Der seelische Teil des Menschen rückt wieder vermehrt in den Mittelpunkt, nachdem die Medizin sich in den letzten 50 Jahren hautpsächlich um rein körperliche Belange kümmerte." - © Prugger

Reinhard Haller: "Der seelische Teil des Menschen rückt wieder vermehrt in den Mittelpunkt, nachdem die Medizin sich in den letzten 50 Jahren hautpsächlich um rein körperliche Belange kümmerte." © Prugger

"Wiener Zeitung": Herr Doktor Haller, wie nehmen Sie die erste Einschätzung eines Menschen vor? Verlassen Sie sich auf Habitus, Mimik, Händedruck, Blickkontakt, Kleidung usw. oder schauen Sie immer gleich auch ein bisschen in die Seele?

Reinhard Haller: Auch Psychiater können nicht in andere Menschen hineinsehen, deshalb geht es mir vor allem um die emotionale Atmosphäre, die Ausstrahlung eines Menschen und den Flow, der sich in einem Gespräch entspinnt. Das ist aber meistens kein bewusster Vorgang, sondern geschieht automatisch bei der zwischenmenschlichen Begegnung.

Die Vorstellung, dass Psychologen und Psychiater mehr über uns wissen als andere Menschen, birgt eine gewisse Faszination. Woher, glauben Sie, rührt diese Faszination? Trauen wir uns selber nicht?

Reinhard Haller im Gespräch mit Irene Prugger.

Reinhard Haller im Gespräch mit Irene Prugger.© Prugger Reinhard Haller im Gespräch mit Irene Prugger.© Prugger

Information

Reinhard Haller wurde 1951 in Mellau im Bregenzerwald geboren. Nach seinem Studium der Medizin und Psychiatrie habilitierte er sich an der Universität Innsbruck mit dem Thema "Psychische Störung und Kriminalität". Von 1983 bis Ende 2017 leitete er als Chefarzt die psychiatrisch-psychotherapeutische Klinik Maria Ebene in Vorarlberg, die auf die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert ist. Seine Praxis für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Feldkirch betreibt er auch nach seiner Pensionierung weiter.
Bei seiner Tätigkeit als Kriminalpsychiater und Gerichtssachverständiger wird er regelmäßig mit der Begutachtung spektakulärer Verbrechen betraut (u.a. Gutachten in den Fällen des Sexualmörders Jack Unterweger, des "Bombenhirns" Franz Fuchs und des Amokläufers von Winnenden).
Neben rund 400 wissenschaftlichen Arbeiten zu den Themen Sucht, Suizid, Depression und forensische Psychiatrie publizierte Reinhard Haller mehrere Sachbuchbestseller wie "Das ganz
normale Böse", "Nie mehr süchtig sein" und zuletzt "Die Macht der Kränkung" (ecowin-Verlag).

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Stams in Tirol.

Fast jeder Mensch möchte über seine verschatteten Anteile und Abgründe Bescheid wissen, denn auch sie machen wesentlich unser Menschsein aus, nicht nur die Fassade, die wir nach außen gern zeigen. Psychiater spiegeln in der Therapie verdrängte Persönlichkeitsanteile und bringen zur Sprache, was oft als unsäglich empfunden wird. Das ist der erste Schritt zur Heilung. Die Faszina-tion mag auch daher rühren, dass nun wieder vermehrt der seelische Teil des Menschen in den Mittelpunkt rückt, nachdem die Medizin sich in den letzten 50 Jahren fast hauptsächlich somatisch orientierte und um rein körperliche Belange kümmerte. Dennoch muss man leider sagen, dass Psychiater kein gutes Image in der Öffentlichkeit haben. Es wird ihnen häufig unterstellt, sie hätten diesen Beruf nur ergriffen, weil sie selbst neurotisch sind und dringend einen Psychiater brauchen.

Warum haben Sie diesen Beruf gewählt?

Als Kind sah ich mich als Priester oder Papst, als Jugendlicher wollte ich aus einem starken Gerechtigkeitsempfinden heraus Rechtsanwalt werden, was mir heute noch gefallen würde. Ich zog auch die Germanistik in Betracht, weil ich einen Hang zum Geschichtenerzählen habe. Als ich mich für das Medizinstudium entschied, war mein Ziel von Beginn an das Berufsbild des Psychiaters, und das ist gut gewählt, denn ich kann alle diese Bedürfnisse darin verbinden: Die Hilfestellung bei emotionalen Problemen und das Kümmern um die Seele deckt meine "seelsorgerischen" Ambitionen ab, meine Tätigkeit als Gerichtsgutachter kommt meinem Gerechtigkeitssinn entgegen und in meinen Büchern kann ich mich auch dem Geschichtenerzählen widmen.

Ihr Talent zum Geschichtenerzählen machte Ihre Bücher zu Bestsellern, Ihre Vorträge werden von Menschen geradezu gestürmt, große Säle sind meistens bis zum letzten Platz besetzt, wenn Reinhard Haller auftritt. Das hat Ihnen aber auch von mancher Seite den Vorwurf eingebracht, ein "Populärwissenschafter" zu sein. Stört Sie das?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-20 15:06:25
Letzte Änderung am 2018-04-20 15:27:22


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