• vom 29.04.2018, 10:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 29.04.2018, 10:46 Uhr

Interview

"Staubsauger waren Riesengeräte"




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Von Ingeborg Hirsch

  • Roswitha Muttenthaler, Kuratorin im Technischen Museum, über die Geschichte(n) von Haushaltsgeräten und "Smart Homes".



(Die Ausstellungskustodin) Roswitha Muttenthaler unter einer elektrischen Röhrentrockenhaube der Metallwaren-Erzeugung Ludwig Hofstädter in Wien, die im Zeitraum von 1930 bis 1950 produziert wurde und für den professionellen Einsatz in Frisiersalons gedacht war.

(Die Ausstellungskustodin) Roswitha Muttenthaler unter einer elektrischen Röhrentrockenhaube der Metallwaren-Erzeugung Ludwig Hofstädter in Wien, die im Zeitraum von 1930 bis 1950 produziert wurde und für den professionellen Einsatz in Frisiersalons gedacht war.© Michael Janousek (Die Ausstellungskustodin) Roswitha Muttenthaler unter einer elektrischen Röhrentrockenhaube der Metallwaren-Erzeugung Ludwig Hofstädter in Wien, die im Zeitraum von 1930 bis 1950 produziert wurde und für den professionellen Einsatz in Frisiersalons gedacht war.© Michael Janousek

"Wiener Zeitung": Frau Muttenthaler, wozu sammelt das Technische Museum Haushaltsgeräte?

Roswitha Muttenthaler: Das Technische Museum hat bereits kurz nach seiner Gründung elek-trifizierte Küchengeräte ausgestellt, das waren vor allem Spenden aus der Industrie. Heute haben wir einen anderen Zugang, weil Technik als Kulturentwicklung begriffen wird. Dadurch sind neue Bereiche entstanden, wie eben auch die Sammlung Alltag mit der Untergruppe Haushalt, wobei wir uns hier auf die Themen Kochen, Kühlen und Hygiene beschränken. Uns ist neben den Geräten auch der Kontext wichtig, also die Werbung und Gebrauchsanweisung und die persönliche Geschichte der Nutzung. Wir sammeln bis in die Gegenwart und sind daran interessiert, wenn uns jemand ein Gerät überlässt und uns erzählt, wie er es benutzt hat. Welche elektrischen Geräte fanden als erste in den Haushalt?

Die ersten weit verbreiteten Geräte in der Haushaltselektrifizierung waren das Bügeleisen und der Staubsauger, weil diese auch für kleinere Einkommen leistbar waren. In den 1930er Jahren verfügten 40 Prozent der Haushalte in Berlin über ein elektrisches Bügeleisen und ca. 20 Prozent über einen Staubsauger. Da es in vielen Häusern kaum Steckdosen gab, konnte man direkt an der Lampenfassung einen Stromdieb anbringen, das war ein Aufsatz anstelle der Glühbirne, an dem man diese Geräte anstecken konnte. Die komplette Durchsetzung der Elektrifizierung des Haushaltes inklusive Waschmaschine, Herd und Kühlschrank erfolgte - in Europa durch den Zweiten Weltkrieg verzögert - erst in den 1960er Jahren. Wir haben hier eine Reihe von Berichten, dass man bis dahin im Sommer nur winzige Mengen an Butter oder Milch offen gekauft hat, weil man sie nicht aufbewahren konnte und noch am selben Tag verbrauchen musste.

Information

Roswitha Muttenthaler hat Sozial- und Wirtschaftsgeschichte studiert und betreut den Sammlungsbereich Haushaltstechnik im Technischen Museum in Wien.
Am 2. Mai eröffnet die Ausstellung "Geliebt – gelobt – unerwünscht. Haushaltsdinge zwischen Wunsch und Wirklichkeit". In dieser werden Haushaltsgeräte aus dem Blickwinkel der Werbeversprechen und der späteren tatsächlichen Nutzung durch ihre Besitzer betrachtet.

Ingeborg Hirsch, geboren 1966, ist Biologin und arbeitet als freie Autorin und Lektorin in Wien.


Der Staubsauger ist ja ein gutes Beispiel dafür, dass Entwicklungen in verschiedene Richtungen gehen können, bis sich eine durchsetzt . . .

Ja, die ersten Staubsauger waren riesige Geräte mit ebenso großen Motoren, Pumpen und Gebläsen. Cecil Booth hatte in England als Erster die Idee, diese Staubsauger auf Wagen zu montieren. So ist man vor ein Privathaus vorgefahren und hat über die Fenster lange Schläuche eingeführt und Staub gesaugt. Gleichzeitig gab es für größere Gebäude, z.B. für die K&K Hofoper oder verschiedene Hotels, erste Zentralstaubsauger, die im jeweiligen Keller aufgestellt wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg erlaubt es der technische Fortschritt, so kleine Motoren und Gebläse zu bauen, dass sie in ein handliches Gehäuse passen. Diese Kleingeräte setzen sich durch, weil sie viel billiger sind und mobil in der Wohnung mitgenommen werden können. Erst in den 1990er Jahren wird die Idee des Zentralstaubsaugers wieder aufgegriffen, auch im Zusammenhang mit der Stauballergie-Debatte und dem Vorteil, Abluft und Motorenlärm in die Haustechnik im Keller auszulagern.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-26 18:06:30
Letzte Änderung am 2018-04-29 10:46:25



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