• vom 20.05.2018, 09:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 21.05.2018, 10:15 Uhr

Interview

"Wir dienen den Maschinen"




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Von Saskia Blatakes

  • Der Soziologe Harald Welzer über die Zumutungen digitalisierter Arbeits- und Lebenswelten und neue Abhängigkeiten.

Soziologe Harald Welzer: "Was mir keinen Spaß macht, wäre, meine eigene Bauchrednerpuppe zu sein . . ."
 - © Luizia Puiu

Soziologe Harald Welzer: "Was mir keinen Spaß macht, wäre, meine eigene Bauchrednerpuppe zu sein . . ."
© Luizia Puiu

"Wiener Zeitung": Stimmt es, dass Sie kein Smartphone haben?

Harald Welzer: Natürlich. Meine Zeit ist mir zu schade, um mich mit Dingen zu befassen, die für mein Leben völlig uninteressant sind. Ich habe auch keine Social- Media-Accounts und bin stolz darauf, noch keinen einzigen "Shitstorm" mitbekommen zu haben.

Information

Harald Welzer wurde 1958 in Hannover geboren. Er ist Soziologe, lehrt in Flensburg und Sankt Gallen und ist Mitbegründer der Stiftung "Futurzwei". Von 1988 bis 1993 war er Wissenschaftlicher Assistent am Fachbereich Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften der Universität Hannover. Anschließend war er dort bis 1999 als Dozent für Sozialpsychologie tätig.

In den Jahren 1994 bis 1995 sowie 1997 bis 1998 war Welzer Direktor des Instituts für Psychologie der Universität Hannover. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter "Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit" (Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2016) und "Wir sind die Mehrheit. Für eine Offene Gesellschaft" (S. Fischer, 2017).

Die von Harald Welzer gemeinsam mit Robert Misik kuratierte Ausstellung "Die Arbeit ist unsichtbar" ist noch bis 23. Dezember im Museum Arbeitswelt Steyr (Di–So 9–17 Uhr) zu sehen.
http://museum-steyr.at/

Saskia Blatakes, geboren 1981 in München, studierte Politikwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin in Wien.

Sie verschicken also keine Katzenvideos?

Ich verschicke keine Katzenvideos. Ich habe Katzen. Und die sind total analog und super, ohne dass sie gefilmt werden.

Sie treten seit Jahren in Fernsehsendungen auf und touren durch Theater, um Vorträge über gesellschaftliche Entwicklungen zu halten. Bei unserem letzten Treffen meinten Sie selbstkritisch, Ihr Job sei es, "vor den Gläubigen zu predigen". Macht Ihnen das noch Spaß?

Das kommt darauf an. Es gibt gute und schlechte Veranstaltungen. Was mir keinen Spaß macht, wäre, meine eigene Bauchrednerpuppe zu sein. Mir sind Kolleginnen und Kollegen ein Rätsel, die über Jahre hinweg die wortgleiche Powerpoint-Präsentation halten.



Ich habe zum Beispiel einmal den amerikanischen Starredner Richard Florida gesehen, der gern von Bürgermeistern und Regionalverbänden gebucht wird, um für viel Geld über urbane Entwicklung zu sprechen. Er zog diese ganze typische Show ab, spazierte auf und ab, zog seine Jacke aus und so weiter. Als er plötzlich den Faden verlor, wiederholte er wie eine hängengebliebene Schallplatte Wort für Wort die gleichen Sätze, bei denen er aufgehört hatte. Schrecklich. Ich habe kein Skript und halte meine Vorträge frei. Sie sind auch nicht im Detail vorbereitet. Manchmal kommt man ja beim Reden auf gute Ideen.

Sie hören sich also gerne selbst zu?

Ich höre am liebsten mir selbst zu (lacht). Ich widerspreche mir auch nicht, das ist ein großer Vorteil.

In Ihrem Buch "Die smarte Diktatur" schreiben Sie, die Digitalisierung schaffe neofeudale Verhältnisse. Übertreiben Sie da nicht?

Das Buch ist natürlich eher ein Essay als ein wissenschaftlicher Bericht. Ich schreibe über Wirkungen der Digitalisierung, über die nicht gesprochen wird. Von der Abschaffung der Privatheit über eine andere Form der Selbstwahrnehmung bis hin zum gesteigerten Rohstoffverbrauch. Es gibt viele Entwicklungen, die unsere Welt der liberalen Demokratie in atemberaubender Geschwindigkeit verändern.

"Harald Welzer findet das Internet doof" war dazu in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" zu lesen. Stimmt das?

Ja, das stimmt.

Im gleichen Artikel wird Ihnen unterstellt, Verschwörungstheoretiker zu sein, weil Sie Digitalisierung und Nationalsozialismus vergleichen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-17 16:24:59
Letzte Änderung am 2018-05-21 10:15:01


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