• vom 01.07.2018, 10:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Der wesentliche Faktor ist innere Ruhe"




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Von Dagmar Weidinger

  • Der Therapeut Franz Ritter und der Journalist Martin Tauss über die Schnittstellen von Psychotherapie und Buddhismus - und die Gefahren gegenseitiger Verkürzungen und Abzweigungen.

"Das ist mehr als Therapie, das sind Grundlagen für ein geglücktes Leben . . ." - © Markus Ladstaetter

"Das ist mehr als Therapie, das sind Grundlagen für ein geglücktes Leben . . ." © Markus Ladstaetter

"Wiener Zeitung": Bei meiner Recherche bin ich auf das Buch "Eastern Dharma, Western Drama" gestoßen. - Herr Tauss, Herr Ritter, was Sie verbindet ist, dass Sie sich beide sowohl für den östlichen Dharma, also die Lehre Buddhas, als auch das persönliche Drama, das in westlichen Psychotherapien aufgearbeitet wird, interessieren. Mir scheint, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich von genau dieser Schnittstelle angesprochen fühlen. Wie sind Sie beide eigentlich dazu gekommen?

Information

Martin Tauss, geboren 1973 in Wien, studierte zunächst Medizin, dann Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Er promovierte 2002 mit einer interdisziplinären Arbeit an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und Drogenforschung ("Rausch Kultur Geschichte", StudienVerlag 2005). Seit 1994 ist er Journalist; zehn Jahre arbeitete er bei einer Agentur im Medizin- und Pharma-Bereich. Seit 2013 leitet Tauss das Wissenschaftsressort der Wochenzeitung "Die Furche". Zudem ist er Mitglied am Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund Freud-Privatuniversität (SFU). Er hat 18 Jahre eigene Erfahrung mit buddhistischer Meditationspraxis und hält im Juli beim Medicinicum Lech einen Vortrag zum Thema "Buddhismus und Heilkunst".

Franz Ritter, geboren 1947 in Wien, arbeitete einige Jahre im Marketing, bis er 1984 die Psychotherapieausbildung absolvierte. 1980 kam es zur ersten Begegnung mit Naikan, einer östlichen Therapiemethode, die er seit 1985 auch unterrichtet. Er hat langjährige Praxis in Zen und Achtsamkeitsmeditation (Satipatthana), gründete das buddhistische Zentrum Scheibbs und leitete einige Jahre eine Gesprächsgruppe zum Austausch von Dharma-Lehrern und Psychotherapeuten im Buddhistischen Zentrum am Wiener Fleischmarkt. 1986 rief er das "Neue Welt Institut" ins Leben, das seit 2012 in Neunkirchen (NÖ) beheimatet ist. Ritter arbeitet als Psychotherapeut mit gestalttherapeutischen, bioenergetischen und systemischen Ansätzen sowie als Imago-Paartherapeut.

Dagmar Weidinger,
geboren 1980, Kunsthistorikerin, schreibt als freie Journalistin für österreichische Zeitungen und Magazine.

Martin Tauss: Ich erinnere mich an ein kleines rororo-Taschenbuch über den Buddha, das ich als Unterstufenschüler in die Hand bekam. Das Interesse hat mich also schon sehr früh gepackt. Mit 16 Jahren landete ich dann bei Hermann Hesses Roman "Siddharta", der mich sehr ansprach. Konkret wurde es allerdings vor 18 Jahren, als ich durch Zufall auf die Yoga-Gruppe von Harald Tichy stieß, der Dharma-Lehrer und Psychotherapeut ist. Hier wurde mir die buddhistische Lehre von Anfang an in der Doppelgestalt mit der westlichen Psychologie vermittelt. Ich habe diese Verbindung also quasi mit der Muttermilch aufgesogen (lacht).

Franz Ritter: Die Muttermilch ist ein sehr gutes Bild. Der Dharma wird ja nicht selten mit der Muttermilch verglichen. Bei mir war es so, dass ich - angetrieben durch ein spirituelles Interesse - 1968 mit 21 Jahren zu einem Kreis "junger Wilder" um den damaligen Professor Hungerleider in der Buddhistischen Religionsgemeinschaft stieß. 1975 waren wir soweit, ein eigenes Meditationszentrum zu gründen, das spätere Buddhistische Zentrum Scheibbs, dessen erster Leiter ich wurde. Dort liefen schon bald drei Fäden für mich zusammen: Einerseits traf ich in Scheibbs meinen ersten buddhistischen Lehrer, andererseits besuchte ich parallel eine gruppenpädagogische und eine gestalttherapeutische Ausbildung.

Bevor wir uns der Schnittstelle zur Therapie zuwenden, würde mich noch interessieren, welcher buddhistischen Richtung Sie beide sich zugehörig fühlen?

Ritter: Jenseits von allem. Ich tue mir auch schwer damit, mich wirklich Buddhist zu nennen. Ich zähle zu viele verschiedene Strömungen zu meinem geistigen Hintergrund: Buddhismus, Daoismus, christliche Mystik, Yoga. Mein wichtigster Lehrer war wohl der Arzt Walter Karwath. Er hat den Buddhismus transformiert und das Buch "Buddhismus für das Abendland" geschrieben. Darin entwirft er das Modell eines sozialen Buddhismus, dem ich mich sehr verpflichtet fühle. Auf meinem Weg begegnete ich aber vielen weiteren Meistern, vor allem in Japan und China. Ich habe das immer gebraucht, mich in die Gegenwart solcher "erleuchteten" Personen zu begeben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 17:19:58
Letzte Änderung am 2018-06-28 17:41:22


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