• vom 07.07.2018, 17:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Kontraste fördern die Erholung"




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Dazu gibt es zwei klassische Theorien: die Psychophysiologische Stressreduktionstheorie von R. Ulrich und die Attention Restoration Theorie von R. und S. Kaplan. In zweiterer geht es um die "Erholung" erschöpfter kognitiver Ressourcen für die Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und für selbstregulative Fähigkeiten. Die kognitiven Ressourcen jedes Menschen ermüden im Verlauf des Tagesgeschehens, da wir uns konzentrieren müssen, um das zu erledigen, was wir erledigen wollen oder müssen. Sind die Ressourcen nach einer gewissen Beanspruchung erschöpft, werden wir müde, schweifen ab oder reagieren auf "Störungen" häufig gereizt oder aggressiv. Auch steigt das Stresserleben an, da wir gefühlt nicht mehr die Energie haben, mit "Stressoren" adäquat umzugehen.

Finden wir nun keine Ruhe und Erholung, kann das zu einem chronischen Zustand werden, mit sehr negativen Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden, z.B. eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten, Burn-out, Tumorwachstum, Herz-Kreislauferkrankungen, eine allgemein erhöhte Mortalität etc. Dadurch entsteht auch ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe, der mittlerweile auch von Krankenkassen und Konzernen thematisiert wird. Die Attention Restoration Theorie geht nun davon aus, dass uns Umwelten, die wir als kohärent, intuitiv verständlich und kompatibel zu dem, was wir gerade machen, erleben, gut tun.

In anderen Worten: Umwelten, die uns faszinieren und uns das Gefühl vermitteln, weit weg vom Alltag zu sein, initiieren aktiv psychologische Prozesse zur Erholung erschöpfter kognitiver Ressourcen. Das geschieht hauptsächlich dadurch, dass wir in solchen Umwelten keine "direkte Aufmerksamkeit" brauchen, da sich fast alles intuitiv ohne Konzentration erschließt. Unsere Aufmerksamkeit wird durch Umweltreize geleitet, wir verlieren uns in dem, was uns umgibt. Dadurch können die Ressourcen ruhen, die wir sonst im Alltag benötigen, um unsere Ziele zu verfolgen und um ablenkende Reize auszublenden, z.B. Hintergrundmusik, die uns bei einem Gespräch stört.

Gibt es so etwas wie die ideale Erholungslandschaft überhaupt?

Viele Studien zeigen, dass es in relativ naturbelassenen Umwelten schneller und besser zu Erholungsprozessen kommt als in urban geprägten Umwelten. Daher herrscht oft die Meinung vor, dass "Natur" und Wald uns an sich gut tun. Das ist allerdings nur die "halbe Wahrheit", denn es zeigt sich in neueren Studien auch, dass zum Beispiel körperliche Aktivität eine große Rolle spielt: Je physisch aktiver ich in meiner Freizeit bin, desto besser erholt fühle ich mich auf psychischer Ebene. Außerdem lassen sich "Naturerleben" und ein gewisses Mindestmaß an Aktivität selten in der Realität trennen, sodass die Erholungseffekte oft eine Kombination aus mehreren Faktoren sind.

Darüber hinaus kann die jüngste Forschung auch zeigen, dass das Erleben von Kontrasten zwischen den Lebensbereichen, in denen wir mit Stress und Herausforderungen konfrontiert sind, und solchen Bereichen, die wir zur Erholung nutzen, einen starken Einfluss auf das Erholungserleben haben: Je stärker die Kontraste sind, desto besser erholen wir uns. Und umgekehrt: Wenn wir in einer noch so schönen und prinzipiell erholungsförderlichen Umwelt sind, aber aus irgendeinem Grund keinen Kontrast zum Stress erleben, setzt auch keine psychische Erholung ein. Fühle ich mich durch intensive Herausforderungen im Sozialleben, etwa durch Partnerschaftsprobleme gestresst und ermüdet, hilft beispielsweise Schlaf nicht unbedingt. Ein Kontrasterleben im sozialen Bereich wäre hier vermutlich erholungsförderlicher, etwa Zeit mit Freunden verbringen, um Kraft zu schöpfen und Herausforderungen aktiv angehen zu können.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 09:34:50
Letzte Änderung am 2018-07-06 09:48:29


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