• vom 14.07.2018, 16:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 19.07.2018, 15:09 Uhr

Porträt

Bollwerk gegen die Tristesse




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief





Aus einem Bauernhaus mit rissiger Fassade taucht der fünfjährige Eugen auf, daneben seine siebzigjährige Urgroßmutter Zinaida Coptu. Beide tragen ausgelatschte Sandalen und abgetragene Kleider: der Bursche einen schlabberigen Pullover, die Frau eine Kittelschürze mit Blümchenmuster, auf ihrem Kopf ein Wickeltuch. Nur ein Schneidezahn ist ihr geblieben, der immer wieder zum Vorschein kommt, wenn sie das immerselbe Wort wiederholt: "schlecht".

Gesundheit? Familie? Geld? Wetter?

Alles schlecht!

Zinaida Coptu wünscht sich Regen, damit die Ernte nicht verdorrt. Und dass ihre Enkelin, Eugens Mutter, die in Chisinau lebt, öfters zu Besuch kommt. Einmal pro Monat nimmt diese den Bus aus der eineinhalb Stunden entfernten Hauptstadt, um ihr Kind zu sehen. Immerhin schicken Coptus Kinder aus Italien jeden Euro, den sie entbehren können. Der kleine Eugen kennt seine Großeltern nur vom Bildschirm.

"In Moldau bleiben nur die ganz Jungen und die ganz Alten zurück", sagt sie. "Wir haben nichts. Können Sie uns nicht etwas geben?" Badan sucht nach tröstenden Worten: "Wir haben noch ein paar Kinderklamotten im Amt, Geld haben wir selbst keines."

Strategischer Plan

Ein paar Kilometer weiter, im Dorfzentrum und Kern von Badans Reich, zeigt sich eine Gegenwelt: Die Straße wird asphaltiert, die Zäune strahlen grün, die Häuser sind keine zehn Jahre alt. So auch das Rathaus, darin ihr Büro, die Kantine, der Kindergarten, das Heim für Waisen und Kinder aus schwierigen Familien, die Zahnarztpraxis, der Fitnessraum. Ein Komplex fünf moderner Gebäude, ausgestattet mit Computer, Kranken- und Kinderbetten, Spielzeug, Rollstühlen. Umgeben von einem Garten mit gepflegten Blumenbeeten, Rasen und bemalten Bordsteinen, einem Spielplatz und Lauben, die Schatten spenden.

"Während andere Dörfer sich auf Straßenbeleuchtung konzentriert haben, ging es uns um Bildungs- und Sozialeinrichtungen", erzählt sie. "Erst dann kommt die Infrastruktur und zum Schluss die wirtschaftliche Entwicklung." All das läuft nach einem strategischen Plan, den Badan mit Hilfe der Sponsoren erstellt hat - und an dem sie eisern festhält.

Schräg gegenüber des Rathauses, zwischen Busstation und Dorfkneipe, glänzt ein nagelneues Spiegelglas-Gebäude in der Sonne. Jahrelang hatte die Polizei Frauen von der Straße verscheucht, die Gurken und Tomaten aus ihren Gärten feilboten. Badan schrieb an die Hilfsorganisation USAid und ließ mit der Spende eine überdachte Markthalle bauen. Seitdem sind Polizei wie Frauen zufrieden. Aus Nachbardörfern erreichen die Bürgermeisterin Glückwunschbekundungen, in denen auch Neid mitschwingt.

Am nächsten Tag feiert Selemet den Tag, der an den Sieg über Nazi-Deutschland erinnert. Hunderte scharen sich am Hauptplatz um das Siegerdenkmal: Dorfpfarrer, Zahnarzt, drei Männer mit Gewehren, Dutzende alte Bewohner und 267 Schüler der Grundschule, die vor wenigen Jahren noch von sieben Mal so vielen Kindern besucht wurde. Die Bürgermeisterin schüttelt Hände, verteilt Küsschen, legt ihren Arm um trauernde Frauen, die ihre Männer und Söhne in Kriegen verloren haben. Nicht im Zweiten Weltkrieg, sondern in Afghanistan und der von Moldau abtrünnigen Republik Transnistrien.




zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 4




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 13:50:02
Letzte Änderung am 2018-07-19 15:09:39


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Worin Stephan Schulmeister irrt
  2. Waren, die an Wert gewinnen
  3. Endlose Gier
  4. "Mein Motto: Der Weg entsteht im Gehen"
  5. Tragödie am Genfersee
Meistkommentiert
  1. Tragödie am Genfersee
  2. Waldhüter und Korallengärtner
  3. Endlose Gier
  4. Waren, die an Wert gewinnen
  5. Worin Stephan Schulmeister irrt


Werbung