• vom 28.07.2018, 10:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 28.07.2018, 10:19 Uhr

Interview

"Das Wichtigste sind die Kindergesichter"




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Von Dagmar Weidinger

  • Die 92-jährige Wiener Zeichnerin Felicitas Kuhn ist eine der produktivsten Kinderbuch-Illustratorinnen.

"Es ist die Meinung von manchen Psychologen, dass man Kindern nichts vorgaukeln darf, das nicht stimmt. Aber eine Prinzessin soll halt anders aussehen als eine Hexe." - Felicitas Kuhn. - © Markus Ladstaetter

"Es ist die Meinung von manchen Psychologen, dass man Kindern nichts vorgaukeln darf, das nicht stimmt. Aber eine Prinzessin soll halt anders aussehen als eine Hexe." - Felicitas Kuhn. © Markus Ladstaetter

"Wiener Zeitung": Frau Kuhn, ich vermute, es sind nun bereits drei Generationen, die mit Ihren Illustrationen in Kinderbüchern aufwuchsen. Ihre Bücher sind nach wie vor unglaublich verbreitet. Ab wann war für Sie klar, dass Sie einmal Illustratorin werden wollen?

Felicitas Kuhn: Bald! Eigentlich gleich von Anfang an. Ich habe schon als Kind immer nur gezeichnet - vor allem Kinder und Blumen. Ganz am Anfang zeichnete ich auch Gewänder für meine Ankleidepuppen. Ich weiß gar nicht, ob es das heute noch gibt. Das waren diese kleinen Puppen aus Papier, denen man die verschiedenen Kleidungsstücke - ebenfalls aus Papier - überhängen konnte. Und ich machte kleine Bilderbücher für meine Puppen.

Information

Felicitas Kuhn ist die wohl produktivste österreichische Kinderbuchillustratorin des 20. Jahrhunderts. Generationen wuchsen mit ihren Märchen-, Kinder-, Blumen- und Zwergenbildern auf. Einige ihrer Werke wurden bis zu 900.000 Mal gedruckt. Neben Kinderbüchern illustrierte sie auch Schulbücher, Brettspiele, Spardosen, Kalenderrückwände und Glückwunschkarten. Durch die einprägsamen Gesichter und die kräftige Farbigkeit sowie die klare Formgebung haben ihre Bücher einen hohen Wiedererkennungswert.

Die heute 92-Jährige wurde am 3. Jänner 1926 als Tochter eines Zahntechnikers und seiner Assistentin in Wien Währing geboren. Ab 1940 besuchte Kuhn die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, die sie nach einer kurzen Unterbrechung wegen Kriegsdienst 1947 abschloss. 1950 heiratete sie den Werbegraphiker und Texter Helmut Kuhn. 1954 kam Sohn Christian auf die Welt.

Aktuell werden Illustrationen von zwei deutschen Verlagen neu aufgelegt. (Esslinger: "Das Sandmännchen ist da", "Märchen der Brüder Grimm" und "Mein großes Vorlesebuch"; Schwager & Steinlein: "Meine schönsten Kindermärchen").

Dagmar Weidinger, geboren 1980, Kunsthistorikerin, schreibt als freie Journalistin für diverse österreichische Zeitungen und Magazine.

Vielleicht war es auch ein Antrieb für mich zu zeichnen, dass mir die Bilder in den Büchern, die ich hatte, oft nicht gefielen. Die Gesichter waren so ausdruckslos und die Prinzessinnen nicht hübsch. Als Kind habe ich mir dann gedacht: Eine Prinzessin muss doch schön sein!

Sie haben offensichtlich schon sehr früh einen sehr starken Drang zum Zeichnen verspürt. Wann und von wem wurde Ihr Talent entdeckt?

Das war meine gute Mutter. Sie sah das sehr früh und zog daher Erkundigungen ein, wo ich eine Ausbildung in diese Richtung machen könnte. Dabei stieß sie auf die Graphische, wo ich dann ab 1940 war. Mein Vater starb, als ich vier Jahre alt war, sodass sie mich und meine Schwester alleine aufziehen musste. Sie war also sehr zielstrebig darin, einen Beruf für uns zu finden.

In dem Zusammenhang scheint es fast erstaunlich, dass Ihre Mutter Sie in eine künstlerische Richtung gehen ließ. Woher hatte sie dieses für die Zeit bestimmt ungewöhnliche Kunstverständnis?

Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Meine Mutter selbst machte ja nichts Künstlerisches; sie assistierte meinem Vater, der Zahntechniker war, in der Ordination. Der Einzige in der Familie, der auch künstlerisch tätig war, war mein Großvater. Er leitete die Silber- und Goldschmiedeabteilung in der Wiener Werkstätte. Da gibt es vielleicht ein bisschen eine Verbindung. Aber was die Unterstützung meiner Mutter betrifft, haben Sie natürlich Recht, das war in der Tat etwas Besonderes, denn das Zeichnen war ja nichts recht Aussichtsreiches. Es wäre etwas Anderes gewesen, in ein Büro zu gehen oder die Handelsschule zu besuchen - so etwas war schon damals viel sicherer. Eine künstlerische Ausbildung bietet keine Garantie, dass man davon leben kann.

Hatte Ihre Schwester eigentlich eine ähnliche Berufung?

Nein. Sie wurde Buchhalterin und war in ihrem Beruf sehr zufrieden. Jeder hat eben einen anderen Lebensweg.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 16:26:39
Letzte Änderung am 2018-07-28 10:19:30


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