• vom 18.08.2018, 17:00 Uhr

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Update: 28.08.2018, 13:27 Uhr

Wälder

"Denkmalschutz für unsere letzten Urwälder"




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Von Mathias Ziegler

  • Fotograf Matthias Schickhofer hat etliche Wälder in ganz Europa erforscht. Er plädiert für naturnahe Forstwirtschaft und erklärt, warum sie langfristig mehr Ertrag bringt als intensive Abholzung.

"Der Wald ist eine Art große Kooperative, in der die Bäume untereinander und mit Pilzen ein riesiges Netzwerk bilden." - Matthias Schickhofer. - © Thomas Seifert

"Der Wald ist eine Art große Kooperative, in der die Bäume untereinander und mit Pilzen ein riesiges Netzwerk bilden." - Matthias Schickhofer. © Thomas Seifert

"Wiener Zeitung": Herr Schickhofer, wieviel Urwald gibt es noch in Österreich?

Matthias Schickhofer: Fast gar keinen mehr, das sind nur noch ein paar wenige Standorte, ein paar hundert Hektar. Aber es gibt noch relativ große Flächen von naturnahen Wäldern. Wobei das eine Etikettierungsfrage ist: Das Umweltministerium bezeichnet etwa zwei Drittel der heimischen Wälder als naturnah, weil die Bäume, die dort wachsen, den Standorten entsprechen und natürlich verjüngen. Dabei handelt es sich aber um überwiegend intensiv bewirtschaftete Wälder, in denen die Bäume mit 100 bis 130 Jahren geerntet werden. Ein voller Waldzyklus in einem typischen Fichten-Tannen-Buchen-Wald dauert jedoch 500 bis 600 Jahre. Diese letzten 400 bis 500 Jahre der Waldentwicklung, die dann besonders artenreich sind, gibt es bei uns also kaum noch.



Information

Matthias Schickhofer lebt und arbeitet als Kampagnenberater, Journalist, Buchautor und Naturfotograf in Wien. Er setzt sich seit Jahrzehnten für Umwelt- und Naturschutz ein, zuletzt besonders für die Urwälder in Rumänien. Für seinen Bildband "Unser Urwald. Die letzten wilden Wälder im Herzen Europas" (Brandstätter Verlag, 34,90 Euro) hat er jahrelang Wildnisplätze in fast ganz Europa bereist.

Mathias Ziegler ist Redakteur und stv. Chef vom Dienst bei der "Wiener Zeitung".

Zum Thema Urwald siehe auch: Was vom Urwald übrig blieb - Reportage aus einem kleinen Urwald in Österreich

Was bedeutet das für die Gesundheit des Waldes?

Die Evolution hat sich ja schon etwas dabei gedacht - wenn man das so sagen kann -, wenn sie einen so langen Erneuerungszyklus entwickelt hat. Gerade in den höheren Altersphasen des Waldes gibt es eine wahre Explosion bei der Artenvielfalt von Insekten, Pilzen und Mikroorganismen, die das Totholz abbauen und wieder andere Tiere wie etwa Spechte ernähren. Diese wiederum üben eine Art Schadenskontrolle in Bezug auf sogenannte Schädlinge aus.

Wenn nun im Zuge der Waldnutzung auch das gesamte Totholz ausgeräumt wird, geht viel an Biomasse verloren, und der Boden wird schlechter. Das hat Auswirkungen auf die Ökologie und die Gesundheit der Wälder. Vor allem die Bewirtschaftung in Form von sogenannten Altersklassen-Wäldern ist problematisch. Dabei wird eine Fläche abgeholzt und dann wieder aufgeforstet, sodass letztendlich lauter gleich alte Bäume dicht nebeneinanderstehen. Das sind dann extremst artenarme Bestände, die auch sehr anfällig für Störungen sind. Die sind alle gleich hoch und gleich dick. Wenn dann einmal der Sturm hineinbläst, fallen sie alle gleichzeitig um.

Kann man hier mit naturnaher Waldwirtschaft gegensteuern?

Der Begriff "nachhaltig" wird meist auf die sogenannte Mengen-Nachhaltigkeit bezogen, sprich: dass mindestens so viel nachwächst, wie gefällt wird. In einem modernen Verständnis geht es aber auch um die qualitative bzw. die ökologische Nachhaltigkeit. In einem natürlichen Wald sind die Bäume verschieden alt - und es gibt verschiedene Baumarten, die jeweils mit anderen Arten vergesellschaftet sind. Der Wald ist eine Art große Kooperative, in der die Bäume untereinander und mit Pilzen ein riesiges Netzwerk bilden. Wenn zu viele Bäume gleichzeitig umgeschlagen werden, sterben auch die Pilze weg. Es dauert oft lange, bis sie wieder einwachsen. Zudem sind die nachgepflanzten Bäume oft aus der Baumschule, also genetisch nicht angepasst. Und sie schwächeln, weil sie keine Pilzpartner im Boden haben. Das ist durch die Forschung belegt. Man könnte diese Bäume fast als Waisenkinder bezeichnen. Naturnahe Forstwirtschaft hingegen bedeutet, dass man nur einzelne Bäume herausholt und die Störungen minimiert. Der Wald hört nie auf, Wald zu sein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 16:17:54
Letzte Änderung am 2018-08-28 13:27:06


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