• vom 01.09.2018, 10:00 Uhr

Zeitgenossen


Porträt

Leidenschaft für Fahrstühle




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Veso, der Chef einer kleinen Liftfirma, hat ihm alles beigebracht, was man über Lifte wissen muss, und mittlerweile weiß Christian alles über diese sperrigen und voluminösen Ungetüme: "Viele fuhren mit Schubknopfsteuerung, dem ersten Selbstfahrersystem. Die Messingknöpfe wurden bei Betätigung aus der Kabine hinaus gedrückt. In jedem Stockwerk war versetzt ein Schleifholz angebracht, dort wurde der Knopf wieder in die Grundstellung geschoben und der elek-trische Kontakt gelöst."

"Aufzug" hießen die Dinger übrigens, weil die Benutzung nur in Richtung "Aufwärts!" gestattet war. Oben angekommen, musste der Lift wieder retour geschickt werden, er kannte nur zwei Zustandsarten: In der Ausgangsposition oder im Stockwerk.

Kabine mit Spiegel

Später, als die Steuerungen komplexer wurden, hatten die Kabinen meist einen Schwingboden, der einen Schaltkontakt betätigte und ein wenig absank, wenn man ihn betrat. Neben der Technik war das vielleicht ein Grund, warum sich die Leute anfangs davor gefürchtet haben. Um ihnen die Benutzung schmackhafter zu machen, wurden die Kabinen mit Sitzgelegenheit, Spiegel, edlen Hölzern und aufwändig gestalteten Glasfenstern ausgestattet, durch welche die Fahrgäste Bezug zum Stiegenhaus um sich herum hatten, was angenehmer war, als in einem Schacht zu fahren. Stuck und Ornamente sollten den Stand zeigen, welchem die Hauseigentümer angehörten.

Unfälle gab es in der Anfangszeit trotzdem immer wieder, aber nicht wegen mangelnder Sicherheit ("Die Teile würden noch hundert Jahre lang problemlos fahren!", sagt Christian, "während manch neue Anlage schon nach zwei Jahren eine neue Platine braucht!"), sondern weil die Leute das Benutzen nicht gewohnt waren. Das war übrigens auch der Grund für die Unfälle, welche 2006 zu jenem Gesetz führten, das den alten Liftanlagen in Wien den Garaus machte.

Die Beletage rückte im Laufe der Zeit immer weiter hinauf, und heute gilt das Penthouse mit Privatlift (gerne auch für den Porsche Cayenne) als Statussymbol schlechthin, was innerstädtisches Wohnen angeht. Status war aber auch früher schon wichtig, wie Franz erzählt: "Im 4. Bezirk hat sich vor dem Ersten Weltkrieg ein Reicher einen Aufzug einbauen lassen, der nur bei ihm im dritten Stockwerk stehen blieb, die anderen konnten ihm beim Fahren bestenfalls zuschauen."

Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte man aber meist noch einen Aufzugswärter, der die Anlage bediente, es war der Portier, den man über das im Stiegenhaus angebrachte Klingelbrett rufen musste, der konnte den Aufzug über Seile steuern. Der Gast des Hauses wollte bedient werden, und der Hausmeister war darüber verständlicherweise oft grantig. In einem einschlägigen Buch, das Christian gelesen hat, wird das dann so beschrieben: "Haben’s geläutet?", rief der Portier scheinheilig in den 3. Stock, als die feine Dame endlich keuchend dort oben angekommen war.

Kostenloser Abbau

Anfangs teilen sich zwei große Firmen den Wiener Markt auf, Wertheim und Freissler, man bot "Katalogware" mit Standardfabrikaten an, erzählt Christian, aber es gab natürlich auch welche, wo der Architekt mitplanen wollte und die Anlagen in Absprache mit ihm gefertigt wurde. "Diese Kabine hier", sagt Christian und deutet auf die zweite Kiste in der Halle, "ist von der Firma Freissler, das Original Firmenschild ist da oben." Die Anlage stammt aus dem Jahr 1935 ("Aus einem der seltenen Zwischenkriegshäuser, die kein Gemeindebau sind", sagt Franz) und war 80 Jahre lang nicht in Gebrauch, die Sitzbank ist von Mäusen zerfressen. "Der ist außen nicht so nobel", sagt Christian, "weil er in einem Schacht von Mauerwerk umgeben und nicht im Stiegenhaus in der Spindel angebracht war." Es gab eben eine Zeit, da wollte man die moderne Technik vor den Leuten verstecken.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 14:24:00
Letzte Änderung am 2018-08-31 14:56:48


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