• vom 13.07.2007, 12:03 Uhr

Zeitgenossen

Update: 06.10.2009, 16:18 Uhr

"Bildung braucht auch Verführung"

Wolfgang Kos




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer und Julia Urbanek

  • Wolfgang Kos, der Direktor des Wien Museums, erklärt, wie er sich eine zeitgemäße Museumskultur vorstellt, spricht über den Karlsplatz als interessanten Standort und erinnert sich an seine alte Liebe, die Popmusik.

"Wir sollten immer auch Heutiges reflektieren" - Wolfgang Kos im Gespräch mit Brigitte Borchhardt-Birbaumer (rechts) und Julia Urbanek. Fotos: Robert Newald

"Wir sollten immer auch Heutiges reflektieren" - Wolfgang Kos im Gespräch mit Brigitte Borchhardt-Birbaumer (rechts) und Julia Urbanek. Fotos: Robert Newald



Wiener Zeitung:Herr Direktor Kos, Sie planen für das Frühjahr 2008 eine Karlsplatzausstellung. Früher haben Sie gesagt, der Karlsplatz sei nicht mehr zu retten. Sehen Sie das heute anders?

Wolfgang Kos: Der Karlsplatz ist ein schwieriges Terrain, aber das sind oft die interessantesten. Es geht darum, jenen Ort in Wien zu thematisieren, wo sich die meisten Wege der Menschen kreuzen. Das ist ein Kraftpunkt, und zwar seit 2000 Jahren. Die Ausstellung wird "Am Puls der Stadt" heißen. Viele sagen: Karlsplatz, ach, dort will ich gar nicht hin! Wir als Museum müssen uns hier behaupten. Dieser Platz ist auch einer der vergebenen Möglichkeiten. Die Besten sind hier gescheitert - selbst Otto Wagner mit seinem Stadtmuseum, in dem wir uns heute sehr wohl fühlen würden.

Vom 19. Juli bis zum 7. Oktober wird im "Wien Museum" die Ausstellung "Am Gänsehäufel. Ein Strandbad wird hundert" zu sehen sein: Die Geschichte des Bades wird dabei von seinen "alternativen" Anfängen bis zum Einsatz als Wien-Image rekonstruiert. Foto: Wien Museum

Vom 19. Juli bis zum 7. Oktober wird im "Wien Museum" die Ausstellung "Am Gänsehäufel. Ein Strandbad wird hundert" zu sehen sein: Die Geschichte des Bades wird dabei von seinen "alternativen" Anfängen bis zum Einsatz als Wien-Image rekonstruiert. Foto: Wien Museum Vom 19. Juli bis zum 7. Oktober wird im "Wien Museum" die Ausstellung "Am Gänsehäufel. Ein Strandbad wird hundert" zu sehen sein: Die Geschichte des Bades wird dabei von seinen "alternativen" Anfängen bis zum Einsatz als Wien-Image rekonstruiert. Foto: Wien Museum

Also doch ein nicht zu rettender Platz?


Der Platz ist dann nicht zu retten, wenn man ihn zu einem Wald werden lässt. Ich habe mich im Rahmen der Neugestaltung des Karlsplatzes dafür eingesetzt, dass die Büsche geschnitten werden. Jetzt ist wieder Weitblick möglich.

Mit "Kinetismus", "Schiele und Rössler", "Marie-Luise von Motesiczky" haben Sie auch erfolgreiche Kunstausstellungen gezeigt. Wollen Sie das fortsetzen?



Selbstverständlich. Kunst ist für uns immer ein Thema, weil das Museum eine zumindest partiell hochkarätige Kunstsammlung hat. "Schiele und Rössler" war letztlich auch eine Ausstellung über die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen eine Karriere wie die Schieles entstehen konnte. Trotzdem sind monografische Ausstellungen dieser Art die Ausnahme in unserem Programm.

In Wiener Kunstmuseen wird über verschwimmende Profilgrenzen gestritten, jeder macht alles. Gilt das auch für das Wien Museum?

Unser Glück ist, dass wir von Haus aus alles machen müssen. Darum müssen wir besonders gut überlegen, was wir machen. Dieses panoramatische Erscheinungsbild ergibt sich aus den Sammlungen. Jede Ausstellung, egal zu welchem Spezialthema, ist letztlich eine Auseinandersetzung mit den Veränderungen des Lebens der Menschen in Wien. Wir wollen offene Angebote machen. Und haben das Glück, dass es - auch auf Bundesebene - keine historischen Museen gibt, die sich mit Stadtgeschichte befassen. Deshalb ist das Profilsuchen nicht so verkrampft. Es ergibt sich eher von selbst. Egal, was wir historisch bearbeiten, es sollte immer auch Heutiges reflektieren. Unser Slogan "Neues aus der Vergangenheit" gefällt mir immer besser. Ihre Ausstellungen unterscheiden sich auch deshalb von anderen, weil sie gegen die glatte Ikonisierung gerichtet sind und kritisches Potenzial zulassen. Wie weit kann man gehen, ohne das Publikum zu verschrecken?

Man kann überraschend weit gehen.

Das Publikum ist also mündiger, als man glaubt?

Vor allem ist es sehr offen, wenn eine Vertrauensbasis besteht. Ich habe eher Probleme gehabt, eine Brücke zum avancierteren Museumspublikum zu schlagen. Das Museum lag nicht am Parcours der Snobs unter den Ausstellungsgehern. Es klingt platt, aber wenn man das Gefühl hat, darüber informiert zu werden, wie die Menschen hier früher gelebt haben, gibt es plötzlich einen Sog an Identifikation und ein erhöhtes Interesse an Themen, die einen als Stadtbewohner betreffen. Das spürt man als Museumsleiter. Manchmal gelingt das schlechter, manchmal besser, wie etwa bei der "Sinalco-Epoche". Dort fanden die Menschen ihre eigene Welt wieder - bis hin zur eigenen Sentimentalität.

Ist der Wiener ein besonderer Nostalgiker?

Es geht bei Ausstellungen wie "Die Sinalco-Epoche" nicht um Nostalgie, sondern um etwas, was ich "Heimat der Dinge" nennen würde. Etwa um subjektive Gefühle und Assoziationen, die ein Cocktailglas auslöst.

Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Themenwahl vor? Zurzeit wird eine Sommerausstellung über düstere Elendsdarstellungen gezeigt.

Aber nicht deshalb, weils heiß ist, sondern weil es ein wichtiges Thema ist. Ich wollte mit "Ganz unten" endlich eine Ausstellung mit einem internationalen Städtevergleich machen. Und die Ausstellung ist nicht düster, sondern ziemlich erhellend.

Ihre Themen sind weit gespannt - von der Mode bis zum Wirtshaus. Wo sind Ihre Grenzen?

Das Museum darf nur das tun, was es kann, wobei sich ein klarer, möglichst schmaler Blick auf ein Thema empfiehlt. "Ganz unten" etwa behandelt ein breites Thema, hat aber ein sehr präzises Konzept. Ausstellungen wie "Im Wirtshaus" sind gefährlich, denn da kann man viel dranhängen. "Alt Wien" war paradigmatisch - eine Ausstellung, die sich um die Frage drehte: "Warum ist Wien so rückbezüglich?"

Hat die Fülle der Exponate in der "Alt Wien"-Ausstellung das Museum und das Publikum nicht ein wenig überfordert?

Das Publikum war, glaube ich, am wenigsten überfordert, wir haben hohe Aufenthaltszeiten registriert. Das ist nicht automatisch ein Qualitätszeichen, aber in diesem Fall war es gut so. Ich setze auf den mündigen Besucher, der entscheidet, auf welche Ausstellungsdetails er sich einlässt. "Alt Wien" war eine heftige Anstrengung für das Museum und alle Mitarbeiter. Mir war wichtig, rasch nach meinem Amtsantritt eine große Ausstellung zu machen, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Wenn Sie als Direktor in ein Museum kommen, wo Sie kompetente Mitarbeiter vorfinden, deren Arbeitsstile Sie noch nicht kennen, ist es gut, gemeinsam eine große Expedition zu machen: im Sinne von "auf den Berg müss ma jetzt hinauf". Manche haben das als belebend empfunden, manche eher als anstrengend.

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Dokument erstellt am 2007-07-13 12:03:19
Letzte Änderung am 2009-10-06 16:18:00


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