• vom 26.06.2009, 15:01 Uhr

Zeitgenossen

Update: 26.06.2009, 15:05 Uhr

"Ich bin ein unverbesserlicher Optimist"

Kandeh Yumkella




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Von Gunther Neumann

  • Kandeh Yumkella, der Generaldirektor der Unido, spricht über bedenkliche Entwicklungsmythen, grüne Chancen durch die Krise, die Zukunft der Globalisierung und sein Leben als UN-Funktionär in Wien.

Kandeh Yumkella. Foto: Nambou Mounikou

Kandeh Yumkella. Foto: Nambou Mounikou

Wiener Zeitung: Die Globalisierung scheint derzeit herbe Rückschläge zu erleiden. Linke Aktivisten und nationalistische, protektionistische Kreise triumphieren, dass neoliberale Finanzmärkte, der Freihandel, ja der Kapitalismus gescheitert seien.


Kandeh Yumkella: Schütten wir nicht das Kind mit dem Bade aus. Ja, wir durchleben eine Finanzkrise. Aber zwei Jahrzehnte Globalisierung haben hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt. Insbesondere die Asiaten haben von technologischen Fortschritten, der Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und von freieren Märkten profitiert. Wir können diese Erfolge nicht in Frage stellen. Gleichzeitig sind Fehler passiert. Das ist menschlich. Manche entwickelte Industriestaaten müssen wieder eine gesunde Balance zwischen Finanzmärkten und dem Produktionssektor herstellen, der in den letzten Jahren etwas vernachlässigt wurde. Aber gerade Entwicklungsländer brauchen zur Armutsbekämpfung Handel und Know-How. Nutzen wir die Krise als Nachdenkpause über neue Klimaziele, die Verbreitung sauberer Technologien und für eine grüne industrielle Revolution.

Wie will die Unido den Herausforderungen bei den angesprochenen Themen Klimawandel, Grüne Energie und Technologietransfer begegnen? Wo liegt überhaupt der Mehrwert internationaler Organisationen? Immer mehr Menschen scheinen diese skeptisch zu betrachten.

"Afrika muss im Wettbewerb bestehen können" - Generaldirektor Kandeh Yumkella im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Gunther Neumann. Foto: Mikhail Evstafyev

"Afrika muss im Wettbewerb bestehen können" - Generaldirektor Kandeh Yumkella im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Gunther Neumann. Foto: Mikhail Evstafyev "Afrika muss im Wettbewerb bestehen können" - Generaldirektor Kandeh Yumkella im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Gunther Neumann. Foto: Mikhail Evstafyev

Kandeh Yumkella. Foto: Nambou Mounikou

Kandeh Yumkella. Foto: Nambou Mounikou Kandeh Yumkella. Foto: Nambou Mounikou

Wir, und damit meine ich alle Experten im Bereich Entwicklung, müssen uns wieder auf ein gesundes Maß an Bescheidenheit besinnen. Und dabei Dogmen vermeiden. Eine Zeitlang war bei der Definition von Entwicklungszielen jedwede Industriepolitik verpönt. Es wurde nur von Grundbedürfnisbefriedigung gesprochen. Heute ist die Sicherung ganzer Industrien ein Kernbereich nationaler Politik, nicht nur in den klassischen Industrieländern. In den letzten Jahren war der Begriff Wirtschaftswachstum tabu. Jetzt ist Wachstum plötzlich wieder en vogue. Und die Rolle des Staates wird wieder neu bewertet.

Wir sollten pragmatisch vorgehen. Ideologiefrei betrachtet, haben alle Akteure ihre Rollen: der Privatsektor, NGOs, Staaten und auch multilaterale Institutionen. Wären manche offensichtlich globale Themen nicht so schwierig zu verhandeln, dann würden wir zum Beispiel nicht schon so lange über Klimawandel debattieren. Wir brauchen einen multilateralen Mechanismus für regulative Standards. Um alle, auch die leiseren Stimmen zu hören, und um zu einem globalen Konsens für schmerzhafte, aber nötige Maßnahmen zu kommen. Auch, um umweltfreundliche Technologien für möglichst viele Menschen verfügbar zu machen. 1,6 Milliarden Menschen leben ohne elektrischen Strom, 2,5 Milliarden von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Wie können wir diese Milliarden aus der Armut führen? Die Unido hilft sowohl dem Privatsektor als auch Entwicklungs- und Reformländern bei der Strategieentwicklung und der Verbesserung ihrer oft schwachen Verwaltungsstrukturen.

Bedeutende Länder wie die USA haben der Unido Ineffizienz vorgeworfen und sind deshalb aus ihr ausgetreten. Ihre Organisa- tion musste Budget und Personal drastisch reduzieren.

Ja, auf weniger als insgesamt 600 Angestellte in Wien und in 30 Länderbüros. Nach einem rigorosen Sparprogramm sind wir heute schlanker und effizienter denn je. Wir konzentrieren uns auf drei Schlüsselbereiche: Erstens Armutsbekämpfung durch produktive Beschäftigung, zweitens Befähigung zum Handeln lokal und weltweit, drittens Energie und Umwelt.

Stichwort schwache Verwaltungsstrukturen: Was sagen Sie den Regierungen von Ländern, die sich um Auslandsinvestitionen bemühen, ohne aber, um es milde zu formulieren, die Kriterien von Transparency International zu erfüllen? Die also korruptionsanfällig sind.

Korruption gibt es überall. Aber die Ärmsten bezahlen den höchsten Preis und leiden am meisten unter den Konsequenzen: durch fehlende staatliche Dienstleistungen, mangelnde Gesundheitsversorgung, schlechte Schulen. Ich bin auch zu meinen afrikanischen Kollegen sehr direkt: Wir haben im 21. Jahrhundert die Verpflichtung, auf unserem Kontinent Bedingungen sicherzustellen, die langfristige Investitionen ermöglichen. Korruption behindert jede Art von Wirtschaft, aber Klein- und Mittelbetriebe sind am schlechtesten gerüstet, damit umzugehen. Und da diese Betriebe den Wachstumsmotor in Entwicklungsländern verkörpern, sind die Auswirkungen auf die Ärmsten fatal.

Afrikanische Länder werden noch immer gerne als Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung dargestellt, oder als Leidtragende von Naturkatastrophen und Bürgerkriegen, weit seltener als verantwortliche Akteure.

Ja. Asiaten planen langfristig, über zehn, zwanzig Jahre. Aber auch Afrika hat, was erfolgreiche Reformen bei der Verwaltung und der Korruptionsbekämpfung anbelangt, Erfolgsbeispiele, beispielsweise Ghana, Tansania, Uganda. Solche Länder sollten belohnt werden. Sie haben Investitionen verdient, etwa in die Infrastruktur, um über verbesserte Verkehrsverbindungen auch das Innere des Kontinentes für einen globalen Markt zu öffnen. Die internationale Gemeinschaft sollte uns dabei helfen, ebenso ehrgeizige wie nachhaltige Ziele zu entwickeln. Wir waren in Afrika allzu lange mit Feuerwehraktionen beschäftigt. Aber gerade im Infrastrukturbereich sind großzügige Summen nötig.

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Dokument erstellt am 2009-06-26 15:01:53
Letzte Änderung am 2009-06-26 15:05:00


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