• vom 10.09.2010, 14:40 Uhr

Zeitgenossen

Update: 04.04.2012, 15:06 Uhr

Daniel Glattauer

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Von Irene Prugger und Gerald Schmickl

  • "Ich habe einen Drang zum Happy-End"
  • Der Wiener Schriftsteller Daniel Glattauer über seinen Weg zum internationalen Bestseller-Autor, sein sportliches Interesse an Verkaufszahlen, das neue Buch über seinen Neffen Theo - und warum ihn sein Status als "Frauenversteher" ärgert.

"Wiener Zeitung": Herr Glattauer, beginnen wir mit einer auf die Literatur bezogenen Variante der beliebtesten und dümmsten Sportreporterfragen: Wie fühlt man sich als Bestsellerautor?

Daniel Glattauer: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, man gewöhnt sich an angenehme Zustände ja sehr schnell. Und meint dann, es wäre immer schon so gewesen. Der Erfolg kam bei mir allerdings nicht über Nacht, sondern hat sich sozusagen eingeschlichen und wurde von Buch zu Buch größer. Ich hatte also genügend Zeit, mich darauf einzustellen. Das schützt vor Größenwahn. Aber es ist natürlich schon ein gutes Gefühl, erfolgreich zu sein und eine so große Leserschaft zu haben.


Verfolgen Sie die Verkaufszahlen Ihrer Bücher mit einem gewissen sportlichen wie auch finanziellen Interesse?

Ja, ich gebe zu, ich verfolge sie so regelmäßig und analytisch wie Fußballtabellen. Das ist das Spannende an Teil zwei der schriftstellerischen Tätigkeit: In Teil eins schreibt man das Buch, bei Teil zwei entlässt man es auf den Markt und beobachtet, wie es sich dort schlägt. Ich sehe das durchaus als sportlichen Wettkampf.

Verändert sich das Schreiben, wenn statt ein paar tausend Lesern ein Millionenpublikum auf neue Bücher wartet?

Ich glaube nicht, dass sich meine Art des Schreibens dadurch verändert hat. Ich weiß heute nicht besser als früher, wie man schreiben muss, um erfolgreich zu sein. Gäbe es dafür eine Regel, hätten wir nur noch Bestseller. Einmal klappt´s, dann wieder nicht. Man weiß das nie so genau. Bei mir gibt es, selbst wenn es um ernste Themen geht, immer ein Augenzwinkern, eine heitere Note, und das wird auch in Zukunft so sein. Es hat allerdings, unabhängig vom Erfolg, schon eine Entwicklung gegeben, die mir selbst auffällt: Ich schreibe nicht mehr gar so wortverspielt wie früher. Eventuell habe ich mich vom Unterhaltungsschreiber zum Beziehungsschriftsteller gemausert. Beziehungen und, damit verbunden, das genaue Beobachten und Beschreiben von Menschen haben mich immer interessiert - und werden auch weiterhin im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen.

Weder Unterhaltungsschreibern noch Beziehungsschriftstellern wird in der österreichischen Literaturszene ein wichtiger Stellenwert zugesprochen . . .

Das stimmt. Früher hat mich das auch verletzt. Ich habe mich gefragt, warum ich von dieser Seite derart ignoriert werde. Kulturjournalisten haben einen hohen, elitären Anspruch an die Literatur. Oft gilt in diesen Kreisen der Versuch, etwas einfach, witzig und pointiert zu beschreiben, schon als Vergehen. Ich selbst habe großen Respekt vor klugen Büchern, bevorzuge aber als Schreibender und Leser eher einen leicht lesbaren Stil. Mein Ignoriertwerden hat wohl auch mit meinem Beruf als Journalist zu tun gehabt. Ich wurde von vielen Kritikern lange Zeit nicht als Schriftsteller wahrgenommen, sondern als Journalist, der nebenbei halt Bücher schreibt. Und ein Journalist, der es wagt, die Seiten zu wechseln und Journalismus mit Schriftstellerei zu vermischen, ist in der österreichischen Kulturszene nicht gern gesehen. Das hat auch mit der Kleinheit und Enge des Landes zu tun: Jeder darf nur einen Beruf haben. Kulturjournalisten scheinen dann besonders irritiert zu sein, wenn einer von ihnen nun das macht, worüber sie schreiben.

Daniel Glattauer. Foto: Andreas Pessenlehner

Daniel Glattauer. Foto: Andreas Pessenlehner Daniel Glattauer. Foto: Andreas Pessenlehner

Sie sind ja einer der wenigen Journalisten, der seine Leserzahlen durch Bücher immens vervielfacht hat. Bei den meisten, die ebenfalls die Seiten wechseln, ist es jedoch umgekehrt - sie erreichen mittels Zeitung mehr Publikum!

Das rührt vielleicht daher, dass ich meinem Metier im Grunde treu geblieben bin. Ich habe zwar mit dem Imagewechsel zu kämpfen gehabt, aber die Tätigkeit des Schreibens hat sich bei mir nicht wesentlich verändert. "Theo" zum Beispiel war für mich nicht hauptsächlich eine literarische, sondern eine journalistische Herausforderung. Ich wollte dieses Kind, meinen Neffen, von der Geburt, ja von der Frühgeburt an so ehrlich und aufrichtig wie möglich beschreiben. Die Lust, mich in andere Menschen hineinzuversetzen, hatte ich auch schon bei meiner journalistischen Arbeit. Erst in meinen längeren Texten über Theo, die in dem Buch ebenfalls enthalten sind, ist er von einer realen Person zu einer Art Kunstfigur geworden.

Wie geht´s Theo damit, dass er nun eine öffentliche Figur ist, dass sein Name auf T-Shirts und Papiersackerln prangt und seine Geschichte nun wieder neu aufgelegt wurde?

Es geht ihm gut damit. Das beruhigt mich sehr. Nicht auszudenken, wenn er das Theo-Projekt abgrundtief peinlich finden würde, jetzt, wo es erst so richtig populär wird. Theo ist bald sechzehn, pubertär, ein bisschen scheu und natürlich auch verletzlich. Es hat ihn gekränkt, als er ein paar böswillige Postings auf der "Standard"-Homepage gelesen hat, die ihm unterstellen, ein langweiliges oder schrecklich obergescheites Kind zu sein. Auch ich finde das unfair. Die Kritik müsste ja auf mich abzielen. Aber sonst geht es Theo mit unserer Geschichte sehr gut. Er hat es immer genossen, alljährlich vor Weihnachten fotografiert zu werden, und bei unseren Interviews ging es immer lustig zu. Ich habe ihm kürzlich einen Anteil an den Tantiemen für das Theo-Buch zukommen lassen, weil er ja sozusagen Mitautor ist. Das hat ihm natürlich auch gefallen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-09-10 14:40:37
Letzte Änderung am 2012-04-04 15:06:31


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