• vom 16.02.2014, 13:00 Uhr

Zeitgenossen


Silvio Vietta

"Die Macht ist das Lockmittel"




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Von Hermann Schlösser

  • Der Literaturwissenschafter Silvio Vietta spricht über die Philosophie Martin Heideggers und fragt sich, warum Intellektuelle immer wieder anfällig für totalitäre Ideologien sind.

- © Robert Wimmer

© Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Herr Vietta, demnächst erscheint ein Notizheft im Druck, das Martin Heidegger in den Jahren 1945 bis 1946 geschrieben hat. Sie sind der Besitzer dieses Heftes. Worum handelt es sich da?

"Er hatte diese durchdringenden, intensiven Augen. Wenn Heidegger einen Raum betrat oder einen betrachtet hat, war das faszinierend." Silvio Vietta im Gespräch mit "extra"-Redakteur Hermann Schlösser.

"Er hatte diese durchdringenden, intensiven Augen. Wenn Heidegger einen Raum betrat oder einen betrachtet hat, war das faszinierend." Silvio Vietta im Gespräch mit "extra"-Redakteur Hermann Schlösser.© Robert Wimmer "Er hatte diese durchdringenden, intensiven Augen. Wenn Heidegger einen Raum betrat oder einen betrachtet hat, war das faszinierend." Silvio Vietta im Gespräch mit "extra"-Redakteur Hermann Schlösser.© Robert Wimmer

Silvio Vietta: Das ist eines von Heideggers "schwarzen Heften", die Aufzeichnungen vornehmlich privaten Charakters sind, wenn auch im Sinne der Abklärung seines eigenen Denkweges in der schwierigen Zeit. Sie werden jetzt als Abschluss der Heidegger-Gesamtausgabe erscheinen.


Im Vorfeld der Veröffentlichung wurde kolportiert, in diesem Heft komme Heideggers Antisemitismus eindeutig zum Ausdruck. Halten Sie als Kenner des Materials diese Darstellung für zutreffend?

Martin Heidegger, der umstrittene Denker.

Martin Heidegger, der umstrittene Denker.© Bettman/Corbis Martin Heidegger, der umstrittene Denker.© Bettman/Corbis

Ich bin einigermaßen irritiert über diesen Vorwurf. Antisemitismus ist ja eine dumme Ideologie, die einen Menschen allein aufgrund seiner Rassenzugehörigkeit abwertet. Und das gehört überhaupt nicht zu Heideggers Denkstil. Er war mit Juden befreundet, vor allem mit Hannah Arendt, mit der ihn ein Liebesverhältnis verbunden hat. Sie hätte sich mit ihm nach 1945 sicher nicht versöhnt, wenn er Antisemit gewesen wäre. Er hatte einen jüdischen Assistenten, dem er 1933 geholfen hat, nach England zu emigrieren, er hatte viele jüdische Schüler. Und er hat auch explizit am rassistischen Denken des Nationalsozialismus Kritik geübt.

Der Vorwurf rührt wahrscheinlich daher, dass Heidegger zum Nationalsozialismus eine sehr ambivalente Haltung eingenommen hat. Das wurde ihm nicht verziehen, und deshalb werden seine Schriften besonders streng auf NS-Anklänge untersucht.

Ja, das ist gewiss richtig.

Sie haben Martin Heidegger persönlich gekannt. Was war an ihm so faszinierend? Wenn man Fotos von ihm sieht, wirkt er nicht unbedingt charismatisch.

Nein, besonders stattlich war er nicht. Aber er hatte diese durchdringenden, intensiven Augen. Wenn er einen Raum betrat oder einen betrachtet hat, war das faszinierend. Und wenn er irgendwo sprach, zum Beispiel 1956 im Audimax in Wien, dann war der Raum voll und die Leute haben ihm gebannt zugehört. Heidegger konnte nämlich etwas, was nicht viele Philosophen können: eine Brücke schlagen zwischen der Philosophiegeschichte und der Welt, in der wir heute leben.

Die "Zeit", die über dieses "Schwarze Heft" als Erste berichtet hat, teilte unter anderem mit, dass Heidegger die Ehe Ihrer Eltern zerstört hat. Sehen Sie das auch so, oder ist das eine Meldung auf Klatschspaltenniveau?

So wie es in der "Zeit" formuliert war, ist es ein bisschen zu melodramatisch. Die Ehe meiner Eltern hatte schon vor der Bekanntschaft mit Heidegger eine große Krise; aber es ist schon wahr, dass Heidegger der auslösende Faktor dafür war, dass die beiden auseinander gingen. Meine Mutter stellte sich ganz in den Dienst der Arbeit für ihn. Sie hat seine Texte abgeschrieben, was nicht ganz einfach war, denn seine Handschrift war schwer zu lesen. Sie aber konnte das sehr gut und übernahm diese Aufgabe. Die Liebe zu Heidegger hat sie ganz eingenommen, und das hat dazu geführt, dass die Ehe meiner Eltern auseinander ging.

Haben Sie ihm das verübelt?

Nein. Ich bin sogar irgendwie dankbar, dass mir meine schwierige Jugend die Möglichkeit eröffnete, mit großen Geistern zusammenzukommen. In meinem Elternhaus waren immer interessante Leute, die ich - wenn auch noch ein bisschen aus der Froschperspektive - kennen gelernt habe. Auch Adorno gehörte dazu.

Ihr Vater war der Essayist, Romancier, Reiseschriftsteller und Dramaturg Egon Vietta. Er zählt heute nicht mehr zu den gelesenen Autoren. Aber zu seinen Lebzeiten war er in bildungsbürgerlichen Kreisen sehr bekannt. Welches seiner Bücher würden Sie heutigen Lesern empfehlen?

Also, ich finde seine Reisebücher sehr schön, "Romantische Cyrenaika" heißt eines, ein anderes "Zauberland Kreta". 1955, gegen Ende seines Lebens hat er noch ein interessantes Buch geschrieben, nämlich den Essay "Europa ist in Asien gebettet". Da geht es unter anderem um den Alexanderzug. Wie viele seiner Generation suchte mein Vater nach geistiger Erneuerung, und er fragte deshalb nach den Wurzeln Europas. Das hat ihm am Ende seines Lebens über Persien als Kulturbrücke auch den Weg nach Indien geöffnet. In der Nachkriegszeit hat er sich aber auch sehr darum bemüht, Autoren in Deutschland wieder bekannt zu machen, die von den Nazis verdrängt worden waren. Er hat sich mit dem Expressionismus beschäftigt, hat über Kafka, Trakl und Barlach geschrieben und als Dramaturg in Darmstadt dafür gesorgt, dass vergessene Stücke wieder auf die Bühne kamen.

In der NS-Zeit gehörte er zur "Inneren Emigration", d.h. er war kein Nationalsozialist, wollte aber auch kein Emigrant sein, weil das bedeutet hätte, Deutschland unwiderruflich zu verlassen. Einen Ausweg aus diesem Dilemma fand er wie andere Intellektuelle - etwa Stefan Andres, Eckart Peterich, Kasimir Edschmid - in Italien. Er schrieb Bücher über italienische Themen und war während des Zweiten Weltkriegs Herausgeber der Zeitschrift "Italien", die gewisse geistige Freiräume bot.

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Dokument erstellt am 2014-02-14 10:26:09
Letzte Änderung am 2014-02-14 15:50:09


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