• vom 03.01.2019, 15:30 Uhr

Gemeine


Sensenindustrie im Land der Hämmer

Vom Dengeln, Wetzen und Mähen




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  • Wie blaue Sensen schwarze Grafen reich machten.
  • Den Rohstoff lieferte der steirische Erzberg.



Schnitterinnen mit Sichel, Sense und Rechen. Bild: Archiv

Schnitterinnen mit Sichel, Sense und Rechen. Bild: Archiv Schnitterinnen mit Sichel, Sense und Rechen. Bild: Archiv

Für manche Zeitreisende waren die im Oktober präsentierten Spezialfragen "a g’mahde Wies’n". Zum Beispiel für Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf: "Ist es Zufall?", wunderte sich der Tüftler Anfang Oktober 2018, als die Zeitreisen das Thema Sensen anschnitten - "vor etwa einem Monat habe ich mir eine neue . . . zugelegt." Und "wer eine ordentliche Sengst sucht, den zieht es in die Roßleithen (OÖ, Bez. Kirchdorf/Krems, Anm.) zur Firma Schröckenfux, die seit . . . 1540 Qualitäts-Sensen produziert." Mit einer solchen mäht Dr. Zemann seinen Obstgarten. Dengeln, also das Glätten der Schneide mit einem Hammer, und Wetzen, das Schärfen mit einem Stein, "verlernt man genauso wenig wie das Radfahren", so der Tüftler.

Einschneidende Technik

Um die Sense oder Sengst, wie man mancherorts sagt, drehten sich die anlässlich einer alten Oberösterreich-Karte präsentierten Spezialfragen in Nro. 388. Gesucht war u.a. die revolutionäre Erfindung, die ein Schmied aus Micheldorf, nicht weit von Roßleithen, 1584 machte (wobei zuweilen auch andere Jahreszahlen genannt werden). Dr. Harald Jilke, Wien 2, dazu: Es handelt sich um Konrad Eisvogel. Der Meister setzte "einen wasserbetriebenen Breithammer ein", statt wie bisher "das Sensenblatt händisch mit dem Fausthammer auszuschmieden". Dadurch wurden statt bisher einige Stück am Tag nun ca. 70 Sensen in höherer Qualität erzeugt. "Micheldorf entwickelte sich zum Zentrum der europäischen Sensenindustrie".

Schmieden mit wassergetriebenem Hammer (17. Jh.). Bild: Archiv

Schmieden mit wassergetriebenem Hammer (17. Jh.). Bild: Archiv Schmieden mit wassergetriebenem Hammer (17. Jh.). Bild: Archiv

Das Rohmaterial, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, kam vom steirischen Erzberg. Das dort gewonnene Eisen wurde "über Jahrhunderte . . . über die Enns verteilt, sodass sich hier und in der benachbarten Eisenwurzen die Kleineisenindustrie entwickelte, die eines der zentralen wirtschaftlichen Standbeine der Habsburgermonarchie war ("Waffenkammer des Kaisers"").

Schmutziges Geschäft

Mathilde Lewandowski, Payerbach: "Die Geschichte der . . . Sensenhämmer lässt sich bis ins 15. Jh. zurückverfolgen." Doch ab 1584 treten "die "blauen Sensen" . . . einen Siegeszug an".

Zu diesem Begriff ergänzt bereits erwähnter Zeitreisender Dr. Zemann: Je nach Stahlsorte ist "blau . . . die "Anlauffarbe" der Sensenblätter, wenn sie zum Härten von 290°C (dunkelblau) über 320°C (hellblau) bis 360°C (grau) erhitzt und anschließend schnell abgekühlt werden."

Die "Sensenherren oder Hammerherren" waren, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, "hochangesehen und sehr wohlhabend". Als "schwarze Grafen" wurden sie deshalb bezeichnet, weil die Arbeit an den Sensenhämmern Kleidung und Haut schwärzte. Sie "lebten feudal" und entwickelten "ihre eigene Standestracht".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-02 17:53:19
Letzte Änderung am 2019-01-02 18:34:56


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