• vom 13.12.2012, 17:00 Uhr

Gemeine


Zeitreisen

Vom Einimpfen und Auskampeln




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  • Mitgelesen Der Kampf gegen Weichselzopf, Pocken & Co. Aperçus
  • Ein mysteriöses Leiden zauste Maria Theresias Volk.
  • Eine Kommission ging dem Übel auf den Grund . . .

Ein Kartenwerk mit dem schönen Titel "Planiglob zur Übersicht der geographischen Verbreitung der vornehmsten (= vordringlichsten, Anm.) Krankheiten, denen der Mensch auf der ganzen Erde ausgesetzt ist", ließ medizingeschichtlich interessierte Gemeine-Mitglieder im September zur Lupe greifen. Die in Nro. 315 abgedruckte Weltkarte zeigte, von welchen Übeln der Mensch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geplagt war. Es stellte sich zunächst die Frage: Welche dieser Leiden sind mittlerweile passé? Immerhin hat die Medizin große Fortschritte gemacht.

Haarprobleme: Der "Wichtel" hunzte sowohl diese Bauern aus dem Gebiet der heutigen Ukraine (Bild: Dominique P. de la Flise, 1854; Dank u. a. an Dr. Kremser!) als auch den dänisch-norwegischen König Christian IV. (1577-1648, l. unten).

Haarprobleme: Der "Wichtel" hunzte sowohl diese Bauern aus dem Gebiet der heutigen Ukraine (Bild: Dominique P. de la Flise, 1854; Dank u. a. an Dr. Kremser!) als auch den dänisch-norwegischen König Christian IV. (1577-1648, l. unten).© Bild: Archiv Repro: Stefan Koch Haarprobleme: Der "Wichtel" hunzte sowohl diese Bauern aus dem Gebiet der heutigen Ukraine (Bild: Dominique P. de la Flise, 1854; Dank u. a. an Dr. Kremser!) als auch den dänisch-norwegischen König Christian IV. (1577-1648, l. unten).© Bild: Archiv Repro: Stefan Koch

Die gute Nachricht: Als "weltweit ausgerottet" gelten, so Klaus-Peter Josef, Tulln, seit Ende der 1970er-Jahre die Pocken. Doch viele der verzeichneten Krankheiten wüten nach wie vor, so Schwindsucht (Lungentuberkulose), Pest, Aussatz (Lepra), Gelbfieber, Cholera, Elephantiasis, auch Gicht, Kropf und Steinkrankheit. Vieles sei heute immerhin "gut bis wirkungsvoll behandelbar" - vorausgesetzt es sind die entsprechenden Medikamente vorhanden.


Pians und Syphilis
Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, wies auf die Schwierigkeiten hin, "die diversen Krankheiten ins heutige Sprachbild zu übersetzen".

An manchen Begriffen blieb das Auge vielleicht ratlos hängen: Was verbirgt sich etwa hinter dem Wort "Pians", das sich auf der alten Karte über fast ganz Afrika erstreckte? Dr. Manfred Kremser, Wien 18, beschreibt es als "Sonderform einer endemisch (also örtlich begrenzt auftretenden, Anm.) und nicht (allein) durch Geschlechtsverkehr übertragene Infektionskrankheit mit Erregern . . . aus der Syphilis-Familie . . . Schon Anfang des 19. Jahrhunderts erkannten europäische Forscher den Zusammenhang mit Fliegen als Überträgern, die sie Piansfliegen nannten." Die Krankheit konnte "erst im 20. Jahrhundert zunächst durch Paul Ehrlichs Entdeckung des arsenhältigen Salvarsan und dann durch Penicillin geheilt werden." Der Vergangenheit gehören aber auch gegenwärtig weder Syphilis noch Pians an.

Krankhafte Dreadlocks
Ein heute wenig bekanntes Übel namens "Weichselzopf", zuweilen auch "Wichtelzopf" genannt, prangte über der Weichselregion im heutigen Polen. Was ist darunter zu verstehen? Herbert Beer, Wolfpassing, zu den Symptomen: "Massive Zusammenballung verfilzter Kopfhaare zu einem unentwirrbaren Geflecht, ähnlich den . . . Dreadlocks", jedoch unfreiwillig. Im 19. Jahrhundert kam der Weichselzopf "noch in den Donauländern und in Polen vor, woher die lateinische Bezeichnung "Plica polonica"" rührt. Er geriet "in den Fokus der Medizin, da er häufig von Hauterkrankungen begleitet war und mit in den ärmeren Bevölkerungsschichten verbreiteter mangelnder Hygiene einherging."

Doch auch höchsten Kreisen war die "Plica" nicht fremd. Gerhard Toifl, Wien 17: "Die wohl bekannteste Person" mit einem Weichselzopf "war der dänisch-norwegische König Christian IV. (1577-1648). Seine Frisur, die, um dem König zu schmeicheln, am Hof imitiert wurde, hatte die Form eines "Schweineschwanzes", der von der linken Seite seines Kopfes herabhing und mit einer roten Schleife verziert war."

Aufklärung per Kamm
1770 kam auch Maria Theresia diese Plage zu Ohren, da ihr im Zuge der Hausnummerierung aus dem österreichischen Teil Schlesiens davon berichtet wurde. Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Abergläubische Personen schrieben es dem unheilvollen Wirken von Zwergen, also "Wichteln" zu." Es wurden "die königlich schlesischen Behörden durch Hofkanzleidekret vom 12. Jänner 1771 angewiesen, eine "Commission in loco zwischen dem Politico und Militari, mit Zuziehung dasiger verständiger Medicorum" einzusetzen", um Ursachen und Heilmittel zu finden und - vor allem - den Aberglauben zu bekämpfen.

Der Plan: Die Wichtelzopf-Kommissare sollten mehrere erkrankte Personen finden und sie zur Untersuchung nach Wien bringen. Allein bei näherer Examination vor Ort (mit Kampel) löste sich das Haargewirr auf. Bereits erwähnter Zeitreisender Dr. Zemann zitiert aus dem von der Kommission erstellten "Wichtelzopf-Protokoll": ". . . daß nach mühesamer Auskamplung der an der Spitze der Haare angepichten Unraths die Zöpfel von selbst hinweg gefallen, und die also gereinigte Haare durch den Kampel vollkommen schön, und trocken zu sehen gewesen sind."

Grund für die Verfilzung war keine Seuche, sondern mangelnde Haarpflege (ein Proband hatte laut Bericht z. B. "seine Haare 20 Jahre nicht gekämpelt und 19 Jahre nicht gewaschen"). Als Therapie war den vermeintlich Befallenen angeraten worden, sich geweihtes Öl ins Haar zu schmieren und das Kämmen tunlichst zu vermeiden. Freilich rief diese Behandlung jene Symptome erst hervor, die sie eigentlich bekämpfen sollte.

Wissenschaftlich dokumentiert hat dieses Kabinettstück Theresianischer Aufklärungsarbeit der Historiker und Zeitreisen-Autor Dr. Anton Tantner. Gemeine-Mitglied Dr. Zemann empfiehlt den unterhaltsamen Aufsatz mit dem Titel "Wahrheitsproduktion durch Auskampelung. Zum Kampf gegen den Wichtelzopf" (im Band "Wien und seine WienerInnen", hrsg. von M. Scheutz und V. Valeš, Böhlau, Wien, Köln, Weimar 2008, sowie online auf tantner.net zu finden).

Kranke im Mittelalter: Beulenpest oder Pocken?

Kranke im Mittelalter: Beulenpest oder Pocken?© Bild: Archiv Repro: Stefan Koch Kranke im Mittelalter: Beulenpest oder Pocken?© Bild: Archiv Repro: Stefan Koch

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-12-13 14:26:07
Letzte Änderung am 2012-12-13 15:51:17



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