• vom 04.04.2013, 15:05 Uhr

Gemeine


Kraut & Rüben

Sprießlwerk und Doppelgänger




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  • Zusammengelesen - Kraut und Rüben

Über fünf längst abgebrochene Brücken konnten Leserinnen und Leser der Zeitreisen in der Februar-Nummer gehen - gedanklich zumindest. Die im SPUREN GELESEN der Nro. 320 präsentierten Wiener Bauwerke ließen Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, frohlocken: "Eine Delikatesse!" Auf den ersten Blick mag es zwar "ein arges Sprießlwerk" sein, aber Kenner müssen "das sichtbar gewordene Wechselspiel von Zug und Druck einfach genießen." Danke für die Blumen und nochmalige Verneigung vor Mag. Susanna Michner, Wien 9, die das Blatt zur Verfügung stellte!

Neptunisches Antlitz: Emerich Ranzoni (1823-1898)

Neptunisches Antlitz: Emerich Ranzoni (1823-1898)© Bild: Archiv. Repro: Iris Friedenberger Neptunisches Antlitz: Emerich Ranzoni (1823-1898)© Bild: Archiv. Repro: Iris Friedenberger

Auch Rudolf Handl, Mödling (willkommen in der Gemeine!), studierte das Tableau, und bemerkte eine Verwechslung. Unten rechts war ein auf dem Stich als "Franz Josef Brücke" bezeichnetes Bauwerk dargestellt; im redaktionell beigefügten Text wurde es als Donaubrücke beschrieben, was aber allein seiner kleinen Dimensionen wegen stutzig machte. Tüftler Handl setzt zu des Rätsels Lösung an: "Zu dieser Zeit (im letzten Drittel des 19. Jh.s, Anm.) gab es . . . mehrere . . . Brücken", die "Franz Joseph" im Namen trugen. Eine führte über die Donau (am Standort der heutigen Floridsdorferbrücke), eine über den Wienfluss (Kaiser-Franz-Josephs-Brücke, nun befindet sich dort die Kennedybrücke) und eine über den Donaukanal. Letztere trug den klingenden Namen Kaiser-Franz-Josephs-Regierungs-Jubiläumsbrücke; bald hieß sie Heiligenstädterbrücke.


Doch um keine der drei handelte es sich bei dem im Kunstwerk als "Franz Joseph Brücke" bezeichneten Übergang . . . Dkfm. Herbert Wöber, Wien 14 (im Vormonat irrtümlich zum "DI" ernannt - Entschuldigung!), geht der Sache auf den Grund: Auf dem Bild war die Kaiser Josephs Brücke zu sehen, ab 1920 Schlachthausbrücke, an deren Stelle jetzt die Stadionbrücke den zweiten mit dem dritten Bezirk verbindet. Chapeau den aufmerksamen Spurensuchern!

*****

Szene aus Carol Reeds Film "Der dritte Mann" (1949): Zwischen Schutthaufen und alten Statuen lauert britische Militärpolizei nachts in der tristen Wiener Innenstadt einem Penicillin-Hehler auf. Mit versteinerten Gesichtern beobachten die Häscher einen riesenhaften Schatten, der, über eine Hausmauer wankend, sich nähert . . . Rechts im Bild taucht plötzlich der einstige "WZ"-Chefredakteur Friedrich Uhl auf, und schaut verdutzt von der Leinwand.

Natürlich trat Uhl (gest. 1906) nicht in persona vor die Kamera, sondern in Stein gehauen, als Neptun am Michaelerplatz. Zeitreisende wissen, dass sein Schwiegersohn, Bildhauer Rudolf Weyr, ihn als Modell nahm. Doch möglicherweise war er nicht der einzige bärtige Alte, der dem Künstler als Vorbild diente.

Mag. Margaret Anne Gottfried-Rutte, Wien 6, berichtet: "Mein Onkel, der Kupferstecher Prof. Hans Ranzoni d. J. (1896-1991) hat mir einmal erzählt, dass sein Großvater Emerich Ranzoni für den Neptun am Michaelerplatz Modell gestanden habe." Emerich Ranzoni (1823-1898) war, wie der etwa gleichaltrige Uhl, Schriftsteller, Journalist, Kulturmensch. Dass die beiden einander kannten, ist nicht unwahrscheinlich. Ob sie wohl schmunzelnd darüber diskutierten, wer dem Meeresgott ähnlicher sah?

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-04-04 12:08:04
Letzte Änderung am 2013-04-04 15:04:43


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