• vom 04.09.2014, 16:00 Uhr

Gemeine


Genossenschaften

Mit Garantie zum Konsumgenuss




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  • "Gara" als Kreditanstalt ab den 1920er-Jahren.
  • Geld für Zähne und Motorräder.

Für Sammler gaben Genossenschaften Reklamemarken heraus, u.a. mit Kaffee- oder Eis-Sujets.

Für Sammler gaben Genossenschaften Reklamemarken heraus, u.a. mit Kaffee- oder Eis-Sujets.© Quelle: Reklamemarkensammlung Univ.Prof. Dr. Schweiger, WU Wien (www2.wu.ac.at/werbung). Für Sammler gaben Genossenschaften Reklamemarken heraus, u.a. mit Kaffee- oder Eis-Sujets.© Quelle: Reklamemarkensammlung Univ.Prof. Dr. Schweiger, WU Wien (www2.wu.ac.at/werbung).

Gemeinsam sind wir stark - so könnte man den Grundgedanken formulieren, der Genossenschaften zugrunde liegt. Diese waren Gegenstand der äußerst kniffligen Spezialfrage in der Rubrik ZERLESEN der Nro. 334.


Die Stärke einer Gemeinschaft wird aber auch regelmäßig durch die Gemeine bewiesen, in der jeder ein Stückchen beiträgt. Die Mosaiksteinchen werden dann zu einem größeren Geschichtsbild zusammengesetzt. Chapeau an dieser Stelle an alle Zeitreisenden!

Besonderes Lob gilt den Spezialtüftlern, die zu den Begriffen "Gara" und "Stafa" recherchierten. Diese Abkürzungen wurden in einer Annonce in der "Wiener Zeitung" 1928 zu Teilzahlungsmöglichkeiten im Großkaufhaus genannt.

Die erste Buchstabenkombination löst Herbert Ambrozy, Wien 7, mit Hilfe des "Lehmann", einem Adress-Verzeichnis von Wien, erschienen 1859 bis 1942. (Die Bände werden von der Wienbibliothek online zur Verfügung gestellt.) "Laut Lehmann . . . steht Gara für "Garantie-Gesellschaft der öffentlichen Angestellten m.b.H.", eine im Handelsregister eingetragene Firma mit der Anschrift "VII. Mariahilfer Str. 120 (Zentralpalast)", so der Spurensucher.

Ab 1925 ist im Verzeichnis unter "Gara" zunächst die "Schutzverband-Garantie Gesellschaft der Abgebauten m.b.H.", also entlassener Bediensteter, mit Sitz "Hofburg" aufgelistet. Ein Jahr danach findet sich der spätere Name und ab 1927 die Adresse in Wien 7.

Allerdings bezeichnete Gara, wie Dr. Manfred Kremser, Wien 18, festhält, auch die "Kreditvereinigung von Angestellten und selbständig Erwerbenden reg. Gen.m.b.H." mit Gründungsjahr 1923. Die registrierte Genossenschaft war Tochter der "Großeinkaufsgesellschaft für österreichische Consumvereine" (GÖC). Der genaue Zusammenhang zwischen den beiden als "Gara" bezeichneten Institutionen ist unklar. Vielleicht liegt eine Umbenennung vor, oder aber "Gara" war die Abkürzung für jegliche Garantiegesellschaft. Weitere Spurensuche erwünscht!

Kaufen auf Kredit
Volkmar Mitterhuber, Baden, merkt zu "Gara" an, dass "das aus dem Italienischen stammende Substantiv "gara" . . . soviel wie Wettbewerb, Wetteifer, Wettkampf und Wettlauf" bedeutet. Diese Assoziation zum Italienischen ist nicht so weit hergeholt. Man bedenke, dass sich an der gleichen Adresse wie die Gara im Rundbau auf der Mariahilferstraße seit 1911 das "Erste Wr. Warenmuster- u. Kollektiv-Kaufhaus" befand. Dieses wurde nach dem Betreiber, der "Staatsangestellten-Fürsorge-Anstalt", auch Stafa genannt. Bis heute hält sich aber der italienisch angehauchte Name "La Stafa".

Mitte der 1920er-Jahre kaufte die GÖC über ihre Tochter, die "Arbeiterbank", das Kaufhaus. Die Bank (später: BAWAG) ging aus dem 1912/13 gegründeten "Kreditverband österreichischer Arbeitervereinigungen" hervor. Gründungsvater des Verbandes war übrigens der spätere Staatskanzler Dr. Karl Renner (1870-1950).

Außerdem war die Arbeiterbank ab 1925 Gesellschafterin der Gara. Deren Funktion wird im GÖC-Geschäftsbericht beschrieben: "Das Unternehmen widmete sich der Aufgabe, das Kreditbedürfnis der öffentlichen Angestellten und Privatangestellten in der Weise zu befriedigen, dass es für den Einkauf in den genossenschaftlichen Warenhäusern zu günstigen Bedingungen Einkaufsscheine ausgab". Auf Nachfrage der Zeitreisen erläutert hierzu Mag. Florian Jagschitz vom Fachbereich für Genossenschaftswesen an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Uni Wien: "Durch die "Gara" war es den Genossenschaften möglich, ihren Grundsatz der Barzahlung zu umgehen, da nicht sie, sondern eine "externe" Firma den Kredit an die Genossenschaftsmitglieder vergab." Das "Gebot" der Barzahlung war gegen exzessives Anschreiben eingeführt worden.

Konkurrent Zwieback
Die größten Einnahmen der Gara kamen in den späten 1920er-Jahren übrigens durch Kredite für den Ankauf von Motorrädern. Als dieser Geschäftszweig ab Anfang der 1930er-Jahre weniger einbrachte, erweiterte die Gara ihr Spektrum: Direktor Hans Lenz schrieb im März 1932 an die Arbeiterbank: "Ich erhoffe mir aus den Finanzierungen von Zahnarbeiten und Elektrokochern, den grössten Teil des Ertragsausfalls hereinzubringen."

Im Geschäftsbericht der Gara aus 1926 war zu lesen, dass sie bis zu diesem Jahr das einzige Unternehmen ihrer Art war, "welches Warenkredite an Bundesangestellte finanzierte". Danach wurden ähnliche Kreditvermittler u.a. von Gerngroß, Zwieback und Herzmansky gegründet.

Konkurrenz erhielt die Gara später auch in Form der "A.B.C." Kreditfinanzierungsstelle, die in Verbindung mit den sozialdemokratischen Gewerbetreibenden stand. Und von der Vereinigung "Kaufleute und Detaillisten Wiens" (KDW).

In seiner umfangreichen Zündholzschachtel-Sammlung (siehe Seite VII dieser Ausgabe) fand Manfred Bermann, Wien 13, Spuren von Genossenschaften in Deutschland: z.B. eine Schachtel der Edeka aus den 1930er-Jahren (der "Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler", E.d.K., daraus entstand Edeka) oder eine der "GEG = Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine GmbH" aus derselben Periode. Die GEG "besaß u.a. zwei Streichholzfabriken".

weiterlesen auf Seite 2 von 2




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-04 10:23:04
Letzte Änderung am 2014-09-04 11:17:25


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