• vom 04.08.2016, 17:30 Uhr

Gemeine


Geschichte im digitalen Zeitalter

Die Zukunft der Vergangenheit




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Von Christina Krakovsky

  • Quellenkritik ist das Um und Auf im Online-Universum.
  • Klickzahlen gehen oft vor Inhalt.

Das Wissen der Welt in drei Bänden - dafür zückten um 1880 nicht nur Gelehrte ihr Börsel. Heutzutage verlocken zahlreiche digitale Angebote zur Recherche. - © Bild: Archiv. Repro: M. Szalapek

Das Wissen der Welt in drei Bänden - dafür zückten um 1880 nicht nur Gelehrte ihr Börsel. Heutzutage verlocken zahlreiche digitale Angebote zur Recherche. © Bild: Archiv. Repro: M. Szalapek

Meter für Meter die zahlreichen kleinen, knarrenden Holzschubladen der Zettelkataloge abklappern, bändeweise Bibliographien durchstöbern, in die Untiefen der Archive abtauchen, zu den papierenen Zeugen vergangener Dezennien, behutsam in 200-jährigen Zeitungen blättern, kunstvoll gestaltete Initialen aus dem Mittelalter begutachten oder schlicht stapelweise Buchbestand sichten.

Dabei schlägt Bibliophilen das Herz höher. Aber im 21. Jahrhundert angekommen, gilt ein wachsender Fundus an Digitalisaten und Nachschlagewerken im Internet vielen als wichtigste Ressource.


Komfortabel vom Computer aus lässt sich die berühmte englischsprachige "Encyclopaedia Britannica" ebenso durchforsten wie die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin. Kein Wunder also, dass unter Historikerinnen und Historikern eine intensive Debatte zum Umgang mit digitalen Ressourcen entflammte (z.B. nachzulesen auf der Webseite "Clio online"; Link s. Kasten rechts. Ein ausführliches Handbuch zum Thema gibt es dort gratis als Download).

Über die zugrunde liegende Problematik grübelt nicht nur die Wissenschaft: Wie umgehen mit (Un-)Mengen an leicht zugänglichem Material? Wie die Archivalien bewerten? Nach welchen Kriterien die Weiten des Internets erforschen?

Verstecktes Wissen
Die Vorteile der Online-Kultur liegen auf der Hand: Mit jedem Gerät mit Internetzugang kann recherchiert werden. Die Nachteile sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ahnen lässt sich mitunter, dass historische Themen unzureichend aufgearbeitet sind. Einseitige Beschäftigung beherrscht gängige Plattformen und kontroverse Themen werden gern nur oberflächlich behandelt.

Das gängigste Werkzeug zur Informationsbeschaffung bietet die Suchmaschine Google. Diese sowie das Onlinelexikon Wikipedia, an dem grundsätzlich jeder mitarbeiten kann, gelten in Fachliteratur bereits als heimliche Leitmedien. Neu-tral sind die Ergebnislisten der Online-Suche nicht. Wesentlich für die Reihung der Einträge sind technische Kriterien, nicht inhaltliche. Neben Beschlagwortung wird auf Aktualisierungen geachtet. Interaktive Komponenten wie Kommentarfunktion, aber auch persönliche Daten spielen ebenso eine Rolle: Der eigene Standort sowie das bisherige und aktuelle Suchverhalten.

Was zählt, sind Parameter wie: häufig geklickt, gesendet, gemerkt - dadurch sind gewisse Informationen leichter auffindbar als andere. Die ausgefeiltesten Inhalte können durch solche dominierenden Selektionsprozesse leicht untergehen. Das Urteil der deutschen Kulturwissenschafterin und Gedächtnisforscherin Aleida Assmann fällt daher hart aus: Wir befinden uns "auf dem Weg von einer Gedächtniskultur zu einer Kultur der Aufmerksamkeit". Es geht um Oberfläche und Geschwindigkeit - wie im Supermarkt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-03 16:44:07
Letzte Änderung am 2016-08-03 17:09:52


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