• vom 04.08.2016, 15:30 Uhr

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  • Neue Forschung zur Rolle der Serben in Wien ab 1600.



Zeitungen, Spiele und Rauchwaren gehörten zu den Annehmlichkeiten, die Wiens Cafés, wie jenes "Zum Griechen", zu bieten hatten.

Zeitungen, Spiele und Rauchwaren gehörten zu den Annehmlichkeiten, die Wiens Cafés, wie jenes "Zum Griechen", zu bieten hatten.© Bild: A. Simic (2015) n. Lithographie 1839, Foto: Dr. W. Fried Zeitungen, Spiele und Rauchwaren gehörten zu den Annehmlichkeiten, die Wiens Cafés, wie jenes "Zum Griechen", zu bieten hatten.© Bild: A. Simic (2015) n. Lithographie 1839, Foto: Dr. W. Fried

Über den "Umweg der Unternehmensgeschichte eines Altwiener Kaffeehauses" hat Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Rohrbach einen weiteren Mosaikstein in der Beleuchtung der Geschichte der Serben in Wien gesetzt. Der Zeitreisende ist Gemeine-Mitgliedern vor allem durch seine Recherchen zur Versicherungsgeschichte (vgl. u.a. Nro. 227) bekannt.

In einem aktuellen Artikel (aus dem in der Folge zitiert wird) hält der Autor fest, dass die "wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen der Serben in der österreichischen Geschichtswissenschaft" bisher nur wenig Beachtung fanden. Ganz im Gegensatz zur Geschichte der Griechen in der Stadt.

Geröstete Historie

Das Kaffeehaus, das der Universitätsprofessor für seine Forschungen näher betrachtet hat, heißt heute "Café-Restaurant Vienne". Es wurde 1829 unter anderem Namen gegründet - dazu später mehr. An seiner Adresse "Fleischmarkt Nr. 20/22 (alte Nummern 689- 693), betrieb bereits . . . 1678 W. Radlmayer sein "Gast- und Wirtshaus zum Weißen Ochsen"."

Dieses wurde "Ende der 1780er-Jahre . . . in ein größeres Haus nahe der Hauptmaut (nun Hotel Post) verlegt". Die Hauptmaut (siehe Bild unten) befand sich an der jetzigen Adresse Postgasse 10, Ecke Dominikanerbastei 11. Es war jene Einrichtung, wo ankommende Waren zu verzollen waren und auch sonstige Gebühren von Ankommenden auf dem Donaukanal erhoben wurden. Im 19. Jahrhundert wurde sie als "Hauptzollamt" in die Vorstadt Weißgerber verlegt.

Damit zurück in die Innere Stadt, wo das spätere "Vienne", das diese Bezeichnung seit 1998 trägt, 1829 als Café "Zum Griechen" eröffnet wurde. Und zwar an der Stelle der Gebäude, in denen der "Weiße Ochse" zu finden war. Diese wurden Anfang des 19. Jh.s baufällig und 1823 niedergerissen. In den folgenden drei Jahren errichtete Ernst Koch dort das "vierstöckige, bis heute erhaltene Wohn- und Handelshaus Fleischmarkt Nr. 20/22".

Adlige und "Raizen"

"Dem Café war de facto seit der ersten Stunde durch seinen Standort . .. eine besondere kulturhistorische Entwicklung beschieden." Es befand sich nicht nur an einer wichtigen Verkehrs- und Handelsroute, sondern auch in der Nähe von "zwei griechisch-serbisch orthodoxen Gotteshäusern, aus denen sich Gäste und Eigentümer des Lokals rekrutierten". Der Autor der Abhandlung betont, dass die "Griechen . . . für die Serben Glaubensbrüder, Kooperationspartner" waren. "Nicht selten entstanden auch familiäre Bindungen." Bereits seit dem 17. Jahrhundert gab es diese "kontinuierlichen (Geschäfts)-Partnerschaften".

Rund hundert Jahre später bildeten "Griechen, Serben und Aromunen (auch W(a)lachen; Herkunft umstritten, wahrscheinlich aus dem Gebiet der antiken römischen Provinz Macedonien, Anm.) im Rahmen des Wiener Kulturmosaiks eine besondere Schicht von Wissenschaftern, Künstlern, Großkaufleuten und Ban- kiers, deren Vertreter auch rasch in die höchsten gesellschaftlichen Schichten . . . aufsteigen konnten". Teils bis in den Adelsstand, entweder "aufgrund militärischer Verdienste" oder wegen "ihres Großgrundbesitzes sowie besonderer Leistungen in Wirtschaft und Wissenschaft".

Ein in diesem Zusammenhang - auch in den Zeitreisen - immer wieder zitiertes Beispiel ist "der Großhändler griechisch-makedonischer Abstammung, Simon Georg Sina der Ältere (1753-1822), der um 1800 mit seiner Familie nach Wien übersiedelt war". Seinen Reichtum hatte er mit Tabak-Handel erlangt. Er war es auch, der die Häuser Nr. 689-693 bzw. die Grundstücke am Fleischmarkt kaufte und an seinen Sohn Georg Simon (1783-1856) übertrug. Dieser wurde später der Besitzer des Cafés "Zum Griechen". Er galt "nach Salomon Rothschild (gest. 1855) als der zweitreichste Mann Österreichs".

Die wirtschaftlichen Erfolge und Bestrebungen der Einwanderer führten aber auch zu "lebhafter Konkurrenz österreichischer Kaufleute". So strebten "Serben und Armenier eine Art Monopol des Donauhandels zwischen der Kaiserstadt und dem Osmanischen Reich an", wie eine "für den Zeitraum von 1663-1681 erstellte Handelsbilanz für den Export und Import zwischen Buda und Wien einerseits sowie Belgrad und Wien andererseits" zeigt.

Doch nicht alle Serben waren reiche Kaufleute. Vor allem nach der Türkenbelagerung 1683 kamen "einfache vor den Osmanen geflohene Handwerker oder Bauern, die später z.T. Dienstboten oder Lieferanten der Großhändler wurden".

Die Skepsis, die in der Bevölkerung herrschte, lässt sich u.a. durch folgendes Zitat verdeutlichen, das Historiker Carl von Peez 1915 in einem Text veröffentlichte. Demnach berichtete am 31. März 1671 der kaiserliche Gesandte Philipp Beris aus Belgrad: "Man möge sich sehr vor den Raizen hüten, welche sich in Wien in festen Häusern niedergelassen haben und durch Hoffreiheiten Schutzgenossen geworden sind."


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Dokument erstellt am 2016-08-03 16:47:06
Letzte Änderung am 2016-08-04 10:54:32


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