• vom 03.06.2018, 12:00 Uhr

Gemeine


Kraut und Rüben

Wo die wilden Mammuts wohnten




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    Windpassing/NÖ hat heute so viele Einwohner wie im Mittelalter. 

    Windpassing/NÖ hat heute so viele Einwohner wie im Mittelalter. © Kartenausschnitt 1823 aus DI Dr. Paulas Publikation Windpassing/NÖ hat heute so viele Einwohner wie im Mittelalter. © Kartenausschnitt 1823 aus DI Dr. Paulas Publikation

    Große Fische, riesige Seekühe und viele Muscheln" tummelten sich einst in jener Weinviertler Region, die Spurensucher DI Dr. Luzian Paula, Wien 3, seit vielen Jahren beforscht. Wo heute das Dorf Windpassing (Marktgemeinde Grabern) steht, wogte vor Urzeiten ein Meer. Später, als sich die Gegend in eine Tundrenlandschaft verwandelt hatte, streiften dort Mammuts und Wollnashörner herum, teilweise wohl schon auf der Flucht vor jagenden Urweinviertlern.

    Die Broschüre, die Tüftler DI Dr. Paula erstellte, beleuchtet vor allem die Siedlungsgeschichte von Windpassing. Wann diese genau begann, ist nicht bekannt. "Wintpozzingin" wurde anno 1108 erstmals urkundlich erwähnt. Der Ort musste damals aber bereits seit einiger Zeit bestanden haben.


    Wie DI Dr. Paula festhält, blieb Windpassing seit dem "11. Jahrhundert in seiner räumlichen Ausdehnung nahezu unverändert." Damals hatte das Dorf rund hundert Einwohner, heute hat das Dorf rund hundert Einwohner (106, um genau zu sein, Stand 2017). Hat sich in Windpassing seit dem Mittelalter gar nichts getan?

    Oh doch! DI Dr. Paula zeichnet es, u.a. anhand vieler Karten, eindrücklich nach. Von frühen bayerischen Siedlern, unter denen Hufen (Hofstellen) verteilt wurden, über die ersten dokumentierten Windpassinger (sie hießen u.a. Liebhart, Chunrat, Ratbar) bis hin zu den Spuren des Weinbaus, die die von Joseph II. 1784 erlassene Ausschankgenehmigung hinterlassen hat.

    *****

    Ein Zuckerl hatte auch Karlheinz Müller, Wien 4, parat: Er stellte den Zeitreisen einen Jahrgang des "Jahresboten. Prager Haus- und Kirchenkalender" aus 1855 zur Verfügung. Die Zusammenstellung besorgte Pater Wenzel Frost, Lehrdirektor am Prager Taub-stummeninstitut. Vermutlich werden auch seine etwa 200 Schützlinge den "Jahresboten" gelesen haben. Kalender waren in vielen Haushalten einst (neben der Bibel) der einzige Lesestoff. Was tischte man Habsburgs Untertanen vor 163 Jahren auf?

    Wir schlagen das in rot-schimmerndes Leinen gebundene Exemplar an einer beliebigen Stelle auf und sehen, dass der "Beginn der Irrlehren Luthers" vor damals 338 Jahren festgesetzt wurde. Nun gut, herausgegeben wurde das Werk eben vom "katholischen Verein mit fürst-erzbischöflicher Approbation".

    Auf S. 77 finden wir ein Gedicht über einen alten Herrn, der bei Schloss Schönbrunn spazieren geht, "Mit einer Miene, die so klar / Des Herzens Milde zeigt." An seiner Seite "Ein Kind, wie man die Engel malt, / Gar lieblich anzuseh’n." Der Bub will einem Soldaten eine Münze schenken, doch der nimmt sie nicht an. Endlich, mit Großvaters Hilfe, gelingt die gute Tat.

    Wer ist das ach so sanftmütige Duo? Die letzten Strophen enthüllen es: Der Alte ist der "gute" Kaiser Franz. Und der "Knabe, dessen kleines Herz / Von Milde schon beseelt - Franz Josef, der geliebte Fürst, / Der ritterliche Held!" Von diesen untertänigsten Versen blättern wir weiter zu einer interessanteren Rubrik mit praktischen Tipps, wie "die Gebäude . . . von Ratten zu befreien" oder "Maulwürfe zu vertreiben" sind.

    Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-30 12:52:06
    Letzte Änderung am 2018-05-30 17:09:56


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