• vom 05.07.2018, 15:00 Uhr

Gemeine


Blattmachen anno 1838

Wie man Indianer-Häuptling wird




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Von Andrea Reisner


    Der Mormone Joseph Smith spricht zu Ureinwohnern.

    Der Mormone Joseph Smith spricht zu Ureinwohnern.© Lithogr. (Ausschnitt): H. R. Robinson, ca. 1840 Der Mormone Joseph Smith spricht zu Ureinwohnern.© Lithogr. (Ausschnitt): H. R. Robinson, ca. 1840

    Rückt der Blattschluss näher, geht es in Redaktionen hektisch zu, heute wie vor 180 Jahren. Hier muss gekürzt, dort eine wichtige Meldung untergebracht oder umgeschrieben werden. Dass dabei Schnitzer passieren, gilt anno 2018 - leider! - ebenso wie 1838.

    Damals werkte "WZ"-(Haupt-)Redakteur Joseph Carl Bernard (ca. 1781- 1850) unter widrigen Bedingungen. Metternichs strenge Zensur kontrollierte Nachrichten aus dem Inland auf Punkt und Komma. Was nicht genehm war, durfte nicht erscheinen. Trotz Restriktionen wollte man jedoch interessanten Lesestoff bieten. Was tun?

    Bernard setzte auf Internationales. Exotisches gab es zum Beispiel aus den USA zu berichten. Von Indianern etwa. Oder von Demokratie.

    Für die Ausgabe vom 30. Oktober 1838 rückte Bernard eine tolle Meldung ins Blatt: "Im Staate Mississippi erregen die Mormonen-Indianer lebhafte Besorgnisse." Die "2000 Reiter", von "ihrem Häuptling J. Smith fanatisirt", stünden vor einem "Vertilgungskrieg" mit Weißen. Dies hätten "New Yorker Blätter vom 4. October" geschrieben.

    Mormonen-Indianer? Joseph Smith ein Häuptling? "Mormonen" mag ja ähnlich klingen wie "Schoschonen", doch die 1830 von Smith (1805-1844) gegründete Kirche ist kein Indianer-Stamm. Freilich, Verbindungen zu den Ureinwohnern gibt es. Für die Mormonen ist Amerika das Gelobte Land, die "Natives" spielen eine wichtige Rolle in ihrer Heiligen Schrift, dem "Buch Mormon". Doch wie kommt man darauf, sie seien selbst Indianer?

    Weltnachrichten waren damals nur über Umwege zu beschaffen. Agenturen gab es de facto nicht. Journalisten mussten auf internationale Zeitungen zurückgreifen. Doch die waren in Österreich verboten (Ausnahme: "Allgemeine Zeitung", Augsburg). Dass Bernard die zitierten New Yorker Blätter auf den Tisch bekam, ist so gut wie ausgeschlossen. Post aus Übersee traf mit wochenlanger Verzögerung über London ein. Vielleicht hatte die "WZ" dort einen Kontakt, sagen wir, einen Kaufmann, der Neuigkeiten per Brief an die kleine Redaktion schickte. Gut möglich, dass sich beim Übersetzen Fehler einschlichen.

    Ein dem Zeitreisenteam vorliegendes Blatt aus Utica/Staat New York brachte am 9. Oktober 1838 einen ähnlichen Text wie die "WZ", der sich wohl auf dieselbe Quelle bezog. Von Mormonen-Indianern ist dort keine Rede, auch nicht von einem "chief" names Smith (der im Bericht despektierlich als "deceiver", Betrüger, bezeichnet wird).

    Den seriösen Blattmacher Bernard wurmte das Missgeschick mit dem ganzen Artikel sicher. Erst recht, wenn er gewusst hätte, dass er 180 Jahre später noch einmal aufs Tapet kommt, und zwar durch den Journalisten
    Moritz Moser, der die Meldung ausgrub (Gratulation zum Fundstück!) und kürzlich per Online-Kurzbotschaftendienst Twitter wiederveröffentlichte.

    Und doch bietet der "WZ"-Bericht auch einen bemerkenswerten Satz, der in der US-Gazette wiederum fehlt: "die Weißen", schrieb unser Blatt, treibe "der bey den Hinterwäldlern zur Wuth sich steigernde Indianerhaß".

    Bernard wusste eben, wie man unter schwierigen Bedingungen gute und lebendige Zeitung macht.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-05 10:46:47
    Letzte Änderung am 2018-07-05 12:55:45


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