• vom 07.12.2018, 11:00 Uhr

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Aus Großmutters Nachlass

Waldweihnacht - gab’s die jemals?




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Von Alfred Schiemer

  • Was Postkarten, Bilder und Skizzen von einst erzählen.
  • Nicht nur 131 Jahre zurückgeblättert.

Gemalte Idylle - drinnen die von ihrer Oma betreute Enkelin mit geschenkter Puppe, draußen vorm Zimmer mit Lichterbaum neugierige Rehe. (Links: Ausschnitt eines Gemäldes von Walter MacEwen, 1860-1943, Wiedergabe nach "Meister der Farbe", 5. Jg., Leipzig 1908. Rechts: Alte Post- bzw. Ansichtskarte (um 1900?).

Gemalte Idylle - drinnen die von ihrer Oma betreute Enkelin mit geschenkter Puppe, draußen vorm Zimmer mit Lichterbaum neugierige Rehe. (Links: Ausschnitt eines Gemäldes von Walter MacEwen, 1860-1943, Wiedergabe nach "Meister der Farbe", 5. Jg., Leipzig 1908. Rechts: Alte Post- bzw. Ansichtskarte (um 1900?).



Heiliger Abend, Wien 1887: Wärmestube auf einem Bild von Wilhelm Gause (1853-1916).

Heiliger Abend, Wien 1887: Wärmestube auf einem Bild von Wilhelm Gause (1853-1916). Heiliger Abend, Wien 1887: Wärmestube auf einem Bild von Wilhelm Gause (1853-1916).

Rehe im Schnee vor dem Forsthaus, hinter dessen Fenster ein Christbaum erstrahlt - ist das nicht purer Kitsch? Die ganz rechts abgebildete Postkarte (nach modernen Begriffen eine Ansichtskarte) dürfte jedenfalls zu k.u.k. Zeiten etlichen Leuten gefallen haben.

Auch der 1878 geborenen Großmutter des Zeitreisenschreibers, die diese Darstellung einer Ruhe und Frieden atmenden Waldweihnacht bis an ihr Lebensende aufbewahrte. In einer mit Poststücken, Lichtbildern, Zeitungsausschnitten etc. gefüllten Pappschachtel.

Altgediente Gemeine-Mitglieder wissen um den abgegriffenen Schuhkarton, den der Enkel seit einem halben Jahrhundert als kostbares Erbe hütet und in dem er für Sie, verehrte Leserinnen und Leser, zuweilen kramt. Besonders vor dem großen Fest, das heute zum 19. Mal Thema des Geschichtsfeuilletons ist, beschließen wir doch hiermit dessen 19. Jahrgang.

Blick auf das K.k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie um 1890. Bild von Joh. Varrone (1832-1910) in "50 Ansichten...", Wien o. J. (1891).

Blick auf das K.k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie um 1890. Bild von Joh. Varrone (1832-1910) in "50 Ansichten...", Wien o. J. (1891). Blick auf das K.k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie um 1890. Bild von Joh. Varrone (1832-1910) in "50 Ansichten...", Wien o. J. (1891).

Manches aus dem Karton fand bis dato Eingang in die Zeitreisen. Warum aber gibt es erst nun den, sagen wir’s salopp, Reh-Firlefanz?

Ganz einfach: Weil wir, liebe Gemeine, einander inzwischen seit bald 20 Jahren kennen. Und Ihr Cicerone langsam gelernt hat, welche Illustrationen taugen und welche nicht.

Nur ein Beispiel: Einmal versah er eine Schilderung ärztlicher Kunst von anno dazumal mit dem grausigen zeitgenössischen Bildnis einer Bein-Amputation. Er erntete heftigen Einspruch. Zu Recht. Zeitreisen brauchen keine Schocktherapie.

Vielmehr wollen wir gemeinsam versuchen, in frühere Epochen einzutauchen - mit Gespür für unsere Freud und Leid erlebenden Vorfahren. Ein Unterfangen, bei dem alte Texte der 1703 als "Wiennerisches Diarium" gegründeten "Wiener Zeitung" helfen können. Ebenso viele Bilder der Zeit.

Stücke aus dem Karton der Großmutter bewährten sich im Geschichtsfeuilleton, konnte und kann der Enkel doch zudem aus Gesprächen mit ihr berichten. Aufmerksame Zeitreisende erinnern sich wohl, dass die starke Frau aus dem Waldviertel als armer Leute Kind nie Geschenke am Heiligen Abend erhielt. Ihr Leben lang beging sie jedoch gern still und mit etwas Wehmut das Lichterfest. Ist die Vermutung vermessen, dass sie (wie offenbar zahlreiche andere ihrer Generation) die von uns belächelte Waldweihnachts-Karte rührte?

Somit zu den anderen Illustrationen auf dieser Seite, die nach altem Zeitreisen-Brauch aus "Vorkriegsware", also aus Büchern vor 1914 (siehe Bildlegenden) stammen. Die Malerei mit Puppe schien gut zur Postkarte zu passen. Die Museums-Ansicht unten fand sich in einem Wien-Band aus 1891. Mit Wilhelm Gauses Holzschnitt (links) aber hat es seine eigene Bewandtnis.

Denn Kunstinteressierte assoziieren mit Gause gern Gemälde wie "Hofball in Wien". Was den Eindruck erweckt, der im selben Jahr wie Kaiser Franz Joseph verstorbene Künstler sei gewissermaßen in der Hocharistokratie zu Hause gewesen. Doch er war überall daheim. Seine von den Zeitreisen z.T. wiedergegebene Wärmestuben-Xylographie ist kein Einzelstück, den Alltag der Entrechteten betrachtete der Meister immer wieder.

Die traurigen Gesichter im Asyl der Notleidenden wurden am Heiligen Abend 1887 konterfeit. Das ist ein guter Grund, in der "Wiener Zeitung" bzw. in ihrer Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom Dezember dieses Jahres nach weihnachtlichen Meldungen zu suchen. Hatte unser eher in gehobenen Kreisen gelesenes Blatt auch vor 131 Jahren Raum für die Ärmsten oder nur für Hofnachrichten?

Unsere Redaktion war wie Wilhelm Gause überall daheim. Am Montag, 5. December, hieß es in der "Wiener Abendpost": Der "Gemeinnützige Verein zur Bekleidung armer Schulkinder" habe in den Harmoniesälen (bis 1890 auf Wiens Schottenbastei) 103 arme Kinder mit vollständiger Winterkleidung versehen. Gewürdigt wurde dies als Act der Humanität.

Franz Joseph bekam am Mittwoch, 21. December, Platz: Se. (= Seine) Majestät der Kaiser geruhten heute Mittags (...) die Weihnachts-Ausstellung im österreichischen Museum (= das einstige K.k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie) zu besichtigen. Fazit: Se. Majestät geruhten Allerhöchstsich (sic!) über die Exponate sehr lobend auszusprechen (...).

Bitte zu erwägen: In einer Ära, in der für den Monarchen das Wort "sich" der Hofstil-Schöpfung Allerhöchstsichweichen muss, dürfte eine Waldweihnachtskarte als allerhöchstlieblich durchgehen - selbst wenn es ein solches Fest im Forst nie gegeben haben sollte.

P.S. Unser Blatt schrieb zudem am Dienstag, 27. December, über Geschenke Sr. (= Seiner) Majestät des Kaisers an drei ungarische Magnaten. Welche, um in Hofsprache zu bleiben, hochlöblichen Präsente waren das? Nun, das ist die eventuell leicht zu erratende...

...Kopfnuss: Was sandte Franz Joseph zum Fest 1887 als Zeichen allergnädigster Anerkennung drei magyarischen Adligen? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-12-06 09:37:46
Letzte Änderung am 2018-12-06 10:12:36


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