• vom 01.02.2019, 08:00 Uhr

Nachgelesen


Bettelverbot

Versteckt, verdrängt, verleumdet




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Von Andrea Reisner

  • In Angern an der March gab 1825 ein Toter Rätsel auf.
  • Nicht nur 194 Jahre zurückgeblättert.



Die hässliche Fratze der Armut : Bettler (rechts Malerei aus 1771) wurden auch durch Bilder wie die Lithographie links (aus 1823) diffamiert. (Bilder: Schweizerische Nationalbibliothek, r./L. L. Boilly, 1761-1845)

Die hässliche Fratze der Armut : Bettler (rechts Malerei aus 1771) wurden auch durch Bilder wie die Lithographie links (aus 1823) diffamiert. (Bilder: Schweizerische Nationalbibliothek, r./L. L. Boilly, 1761-1845) Die hässliche Fratze der Armut : Bettler (rechts Malerei aus 1771) wurden auch durch Bilder wie die Lithographie links (aus 1823) diffamiert. (Bilder: Schweizerische Nationalbibliothek, r./L. L. Boilly, 1761-1845)

Zähne hatte er gar keine mehr, dafür einen langen schwarzen Bart und schwarze, jedoch nur wenig, Kopfhaare. Er war groß, abgemagert, ungefähr 66 Jahre alt und dem Anscheine nach ein Bettler. Im Markte Angern an der March, heute Bez. Gänserndorf/NÖ, kannte niemand die Mannsperson, die hier am 12. Februar 1825 starb.

Zwei Wochen später erschien im Amtsblatt der "WZ" eine penible Beschreibung des gerichtlich beschauten Toten. Seine Habseligkeiten waren schnell aufgelistet: Am Leibe trug er einen alten runden Filzhut, ein altes Hemd von grober Leinwand, eine kurze Bauernjacke und einen grauen mit vielen Flecken abgenähten Mantel, ohne Unterfutter und Kragen. An den Beinen hatte er abgeschnittene Stiefelröhren ohne Vorderfüße, diese waren in Leinwand gewickelt.

Im Hosensack fand man einen Kupferkreuzer und ein Taschenmesser.

Ob von den Leserinnen und Lesern der "Wiener Zeitung" jemand über diesen Todesfall nähere Auskunft zu erhalten wünschte? Wenn ja, möge man sich, so die Kundmachung, in den gewöhnlichen Amtsstunden hierorts, das heißt im Landgericht Angern, melden.

Von Schloss Angern (hier im 17. Jh.) ist heute nur ein Rest übrig. (Bild: J. M. Vischer, 1672)

Von Schloss Angern (hier im 17. Jh.) ist heute nur ein Rest übrig. (Bild: J. M. Vischer, 1672) Von Schloss Angern (hier im 17. Jh.) ist heute nur ein Rest übrig. (Bild: J. M. Vischer, 1672)

Anzunehmen ist, dass der Unbekannte Almosen heischend durch die Lande gezogen war. Dieses Schicksal teilte er mit unzähligen aufgrund von Krankheit, Alter oder Arbeitslosigkeit verelendeten Männern, Frauen und Kindern. Da und dort werden Bauersleute oder Kleinhäusler Unterschlupf gewährt oder eine milde Gabe wie etwa eine Mahlzeit gespendet haben.

Im gerichtlichen Protokoll sind zwar 2 leinene Brotsäcke erwähnt; von Essbarem, das darin verwahrt worden wäre, ist jedoch keine Rede.

Illegal handelten nicht nur die Notleidenden, die bettelnd herumstreiften, sondern auch jene, die sie beherbergten. Dennoch gab es vor allem auf dem Land immer wieder Beherzte, die "Vagabunden" vorübergehend aufnahmen.

Bettlern wehte ein eisiger Wind entgegen, nicht nur im Winter. Nahm man im Mittelalter Armut als gottgegeben hin, so sah man es in der Frühneuzeit schon anders. Die Habsburger verschärften die Lage der Menschen am Rande der Gesellschaft wiederholt durch Patente. (Viele dieser Bestimmungen wurden in unserem Blatt publiziert, z.B. 1732 das Kaiserl. Patent, die Bettler / und herum vagirende Leute betreffend; vgl. Zeitreisen, 27. April 2007).

Man dividierte die Bedürftigen auseinander, in arbeitsfähige und arbeitsunfähige oder fremde und einheimische. Die große Zahl der "Unwürdigen" bezichtigte man des Müßiggangs, des Betrugs, schürte Angst, indem man sie mit Seuchen und Kriminalität assoziierte. Kurz: Man bekämpfte die Armen, nicht die Armut.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-30 16:05:47
Letzte Änderung am 2019-01-30 16:38:46



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