• vom 20.04.2007, 13:09 Uhr

Nachgelesen


NACHGELESEN 95 Jahre zurückgeblättert und ca. 110 Jahre zurückgeschaut Von Alfred Schiemer

Viel Liebe, viel Leid: Frida und August




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • 1893 heiratete der Dichter Strindberg eine Mitarbeiterinder "Wiener Zeitung".
  • Gretna Green war das Ziel von so manchem Brautpaar in Nöten - aber Helgoland? Und doch heirateten im 19. Jahrhundert auf der Nordsee-Insel nicht wenige Leute, die mit Ehehindernissen kämpften.

Zum Beispiel am 2. Mai 1893 der schwedische Dichter August Strindberg und Frida Uhl, Tochter von "Wiener Zeitung"-Chefredakteur Friedrich Uhl.

Der Abstecher auf das stürmische Eiland geschah aber nicht etwa, weil Strindbergs Schwiegervater in spe sich gegen die Hochzeit ge-stemmt hätte. Der alte 1848er-Revolutionär und Freigeist Uhl hätte seinem geliebten Kind nie derlei Vorschriften gemacht; überdies sah er mit seinem intellektuellen Weitblick schon damals in dem Schweden einen der größten Literaten.


Warum also Helgoland? Herr Strindberg und - um in einstiger Diktion zu bleiben - Fräulein Uhl reisten dorthin, weil Paragraphen Probleme bereiteten.

Konkret ging es um das Eherecht in der westlichen Reichshälfte der Donaumonarchie. Die am 4. April 1872 geborene Maria Friderike Cornelia Uhl, die sich Frida nannte, war österreichische Staatsbürgerin und römisch-katholisch. August Strindberg - Geburtsdatum: 22. Jänner 1849 - besaß die schwedische Staatsangehörigkeit und wurde somit der lutherischen Kirche seines Landes zugezählt. Vor allem aber hatte er den Status eines Geschiedenen; in seiner Heimat war eine Ehescheidung relativ leicht möglich.

Nach österreichischem Gesetz konnte das Eheband nicht gelöst werden, wenn sich auch nur ein Gatte bei der Trauung zum römisch-katholischen Glauben bekannt hatte; es gab lediglich die Trennung von Tisch und Bett, die keine Wiederverheiratung erlaubte.

Außerdem durften römisch-katholische Ledige keinen (in welchem Land immer) geschiedenen Partner ehelichen.

Helgoland bot einen Ausweg. Auf der erst einige Jahre zuvor deutsch gewordenen Insel galt teilweise weiter englisches Recht . . .

Kaum waren die juristischen Hürden genommen, kriselte es freilich in der jungen Ehe.

Vater Uhl soll seiner Tochter sarkastisch gesagt haben, Genies seien nicht zum Heiraten da und Strindberg sei ein Genie.

Doch nicht allein die in sich zerrissene Persönlichkeit des Dichters machte ein Zusammenleben schwierig. Offensichtlich passten die beiden Charaktere nicht wirklich zueinander. Sie zogen einander an, stießen einander ab. Fridas Selbstsicherheit scheint dem Gatten, der Frauen misstraute, nur in der ersten Verliebtheit gefallen zu haben.

Frida entsprach ganz und gar nicht dem weiblichen Rollenbild der 1890er-Jahre: Bereits mit 18 schrieb sie für die "Wiener Zeitung" und war eine der ersten Journalistinnen in k.u.k Landen. Der sie fördernde liberale Vater und Chefredakteur stieß in der Residenzstadt, in der Pressewesen als Männersache galt, bald an Grenzen, kapitulierte aber nicht: Er schickte das junge Talent als Korrespondentin seines Blattes nach Deutschland. Die junge Frau blühte vollends auf.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-04-20 13:09:18
Letzte Änderung am 2007-04-20 13:09:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Forscher sucht Zeitreisende
  2. Per Eilzug in die k.u.k. Kulturoase
  3. Umbruch 1918 in der Bäckerstraße
  4. Der Kommentator des Philosophen
  5. Ausgelaugt und hängen gelassen
Meistkommentiert
  1. Gute Zeiten, schlechte Zeiten . . .
  2. K.u.k. Oasen - eine Fata Morgana
  3. Zehn Küchen und ein Riesenkeller
  4. Predigt des rechnenden Denkers
  5. Forscher sucht Zeitreisende

Werbung





Werbung