• vom 02.02.2018, 07:00 Uhr

Nachgelesen


Ein berühmter Wiener Antiquar

Büchertempel und Schlupfwinkel




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  • Streifzüge durch Buchhandlungen in der Kaiserstadt.

Ob alt, ob jung - gute Lektüre fesselt alle. Ganz besonders wohl bei einem Hinterhof-Antiquar mit noch unentdeckten Schätzen. - © Bilder: "Gartenlaube", Leipzig 1909; "Jung-Siegfried", 40. Bd. (daraus Abb. l. nach Werk von C. Spitzweg), Berlin 1929; Gemälde (Teile) aus ca. 1820 (G. E. Opiz) und aus 1843 (R. v. Alt)

Ob alt, ob jung - gute Lektüre fesselt alle. Ganz besonders wohl bei einem Hinterhof-Antiquar mit noch unentdeckten Schätzen. © Bilder: "Gartenlaube", Leipzig 1909; "Jung-Siegfried", 40. Bd. (daraus Abb. l. nach Werk von C. Spitzweg), Berlin 1929; Gemälde (Teile) aus ca. 1820 (G. E. Opiz) und aus 1843 (R. v. Alt)

Hereinspaziert, liebe Zeitreisende, aber bitte nicht gleich beim Eingang die Nase rümpfen! Ja, die alten Mauern, in die Sie Ihr Cicerone entführt, sind modrig. Nur: Wenn Sie tief Atem holen, erleben Sie eine Überraschung. Schnuppern Sie jetzt köstliches Aroma? Weihrauchspuren dringen aus Bänden ehrwürdiger Klosterbibliotheken, Geruch von Schnupftabak aus dicken Wälzern, Duft von Gewürzresten aus vergilbten gastronomischen Werken.

Bibliophilen (so den Lesenden im Bild oben) lacht ob dieser Mischung das Herz und Bibliomanen (so die Stöbernden im Bild unten) geraten in Ekstase.

Für welche Gruppe auch immer Sie, geneigte Neugierige, Sympathie hegen, wir sind jedenfalls mit schnellem Sprung in die Vergangenheit in dem Büchergewölbe Alt-Wiens gelandet. Konkret im Jahre 1841 in der Rauhensteingasse (die notabene damals ebenso die "Wiener Zeitung" beherbergte). Schauen wir uns um!

Sturm auf Bücherstand einst. - Rechts: Wiens Herz um 1840 mit Buchläden um jede Ecke.

Sturm auf Bücherstand einst. - Rechts: Wiens Herz um 1840 mit Buchläden um jede Ecke.© Repros: Philipp Aufner Sturm auf Bücherstand einst. - Rechts: Wiens Herz um 1840 mit Buchläden um jede Ecke.© Repros: Philipp Aufner

Der Inhaber des höhlenartigen Antiquariats ignoriert uns nicht einmal; er sitzt hinter Folianten-Bergen und liest. Wacker wühlen wir uns durch die Schatzkammer. Vier Riesenbände, je ca. tausend Seiten, lederüberzogene Einbände aus Holz, stechen uns ins Auge: Das "Basler Lexikon", eines der frühesten deutschsprachigen Nachschlagewerke, zweite verbesserte Auflage 1728/29. Ein guter Fund.

Leider haben wir bei der eilig angetretenen Zeitreise zu wenige Gulden eingesteckt - begnügen wir uns also mit kleineren Zimelien. Da wäre zum Beispiel, handlich und einbändig, Hübners Zeitungslexikon, 7. Auflage, Leipzig 1715. Ein Hinweis darin aufs (damals nur ein "n" aufweisende) "Wienerische Diarium", das seit 1780 "Wiener Zeitung" heißt, überzeugt. Diese Speziallektüre reservieren wir uns.

Weiter geht die Bücherjagd. Franz von Gretzmillern? Wer ist das? Zu Beginn seiner "Geschichte Oesterreich’s" (Wien 1808ff) finden sich Arimasper, Sauromaten... Wie? Was? Dem ist nachzugehen. Wir greifen zu. Detto hat es uns ein 16-seitiges Werkchen angetan, das der k.k. Zensur zum Trotz Demokratie-Geschichte liefert: "Urtheil über den Martin Joseph Prandstätter" und andere Richtersprüche (Wien 1795). Der Beamte P., Gegner von Habsburgs Willkür, starb 1798 im Kerker.

- - - Unsere Büchermixtur ist fertig, wir wollen zahlen. Der aufgestörte Antiquar ist jedoch unwirsch. Er stiert, brummt bei "Hübner", murmelt zu "Gretzmillern", legt den "Prandstätter" seufzend weg und verdreht die Augen. Höflich fragen wir nach dem Preis, Ladeninhaber Franz Gräffer aber knurrt: "Gar nichts, ich geb’ keinen Band her." Auf Nachfragen schreit er einfach: "Nein, auf keinen Fall!" Wir sind sauer und gehen.

Vorbesteller des Nibelungen-Buchs 1841: J. Bernard.

Vorbesteller des Nibelungen-Buchs 1841: J. Bernard. Vorbesteller des Nibelungen-Buchs 1841: J. Bernard.

Kopfschüttelnd werfen wir einen letzten Blick auf den Bücher-Schlupfwinkel in der Rauhensteingasse und stapfen zur Wollzeile, wo Herr Marcus Greif in seinem Gewölbe mit alten Druckwerken residiert.

Als wir ihm vom Erlebnis bei seinem Kollegen berichten, lächelt er: Ja, beim Gräffer komme es manchmal vor, dass der sich von schönen Stücken nicht trennen könne. Mit solch verständnisvollen Worten vertreibt uns der Händler ungewollt aus seinem Reich. Denn, wer weiß, vielleicht sträubt sich auch die Greif’sche Laune gegen Verkäufe. Seltsame Zustände herrschen 1841 bei den Wiener Antiquaren!

Ergo stöbern wir nun in einer gewöhnlichen Buchhandlung vor 177 Jahren.

Von derlei Buchläden hat Alt-Wien zu dieser Zeit 27. Zwei schmücken den Stephansplatz (Doll, Gerold), zwei den Graben (Seidel, Braumüller), drei die Singerstraße (Haas sel. Witwe, Mayer, Mechitaristen).

Wir aber bleiben in der Wollzeile und sichten bei Schaumburg und Comp. ein Werk, das über das Erscheinungsjahr 1841 hinaus mit edlen Holzschnitten begeistert: die bei Wigand (Leipzig) verlegte neuhochdeutsche Festausgabe des Nibelungenliedes. Die beigebundene Liste der einst so wichtigen Vorbesteller nennt unter Firma Schaumburg und Comp. übrigens Joseph Bernard, den "Wiener Zeitung"-Chefredakteur. Und unter Firma F. Volke den Sprecher der "WZ"-Verlegerfamilie Michael von Rambach.

Man sieht: In unserem Blatt schätzte man gute Bücher über alles. Sowie deren Vermittler. Einen von ihnen, Jakob Dirnböck (1787-1858; Laden in der Herrengasse), würdigte unsere Gazette Jahre später, am 18. Februar 1858, in einem Nachruf als Nestor der Wiener Buchhändler, der auch ein wahrer Vater der Armen war. Zudem hieß es, D. habe Alservorstadt-Gründe bebauen lassen, ohne die neue Gasse gemäß Usus nach sich zu benennen. Lieber habe er dafür einen verehrten früheren Bewohner der Gegend auserwählt - Beethoven.

P.S. Die bei Gräffer genannten Werke sind nicht belegt. Sie passen aber gut zu dem großen, schrulligen und zuweilen nicht verkaufenden Antiquar.

Kopfnuss: Welche erwähnten Buchhandlungen gibt es heute noch als Verlage?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-31 14:05:16
Letzte nderung am 2018-01-31 14:15:00



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