• vom 02.03.2018, 06:00 Uhr

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Metternichs Sturz 1848 und die größte Ausgabe der Wiener Zeitung

Der Lenz, der acht Tage früher kam




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  • 1848 scheiterte nur scheinbar: Kind der Revolution sind die Grundrechte.

Viele Frauen waren 1848 aktiv (links: Kolporteurin). - Mitte (von oben): Militär schießt am 13. März auf Demonstranten, Gegengewalt der Arbeiter in den Vororten, k.k. Rache am revolutionären Wien im Oktober. - Rechts: Die Bauernbefreiung blieb. - © Bilder: Moritz Smets, Geschichte der ... Monarchie, Wien etc. 1878/W. Christian, Allg. Weltgeschichte, Fürth 1898. Repro: Moritz Szalapek

Viele Frauen waren 1848 aktiv (links: Kolporteurin). - Mitte (von oben): Militär schießt am 13. März auf Demonstranten, Gegengewalt der Arbeiter in den Vororten, k.k. Rache am revolutionären Wien im Oktober. - Rechts: Die Bauernbefreiung blieb. © Bilder: Moritz Smets, Geschichte der ... Monarchie, Wien etc. 1878/W. Christian, Allg. Weltgeschichte, Fürth 1898. Repro: Moritz Szalapek



Wetten, dass niemand auf die Jahreszahl kommen wird? Aber raten Sie nur, liebe Zeitreisende: Wann ging das Bild des von seinen Ketten befreiten österreichischen Bauern (siehe Tableau) erstmals in Druck?

Nun, es geschah nicht während des großen Frühlingssturms in k.k. Landen. Und auch nicht zwei Jahrzehnte später, als Grundrechte endlich verfassungsmäßigen Rang besaßen. Ebenso wenig erfolgte die Veröffentlichung vor fast einem Jahrhundert, als Habsburgs Thron zerbrach.

Vielmehr wurde die Darstellung des freien Bauern an die hundert Jahre nach der März-Revolution publiziert - auf dem Titelblatt des Bauernbund-Kalenders für 1948 (erschienen Ende 1947 im Österreichischen Agrarverlag, Wien). Im Vorwort dieses Bandes feierte übrigens ein Staatsmann das Aufbegehren der Untertanen im 19. Jahrhundert.

Fischhof (links oben) rief auf, Metternich (rechts, Mitte) ging - die Krone taktierte und betrog.

Fischhof (links oben) rief auf, Metternich (rechts, Mitte) ging - die Krone taktierte und betrog.© Bilder: Spamers Ill. WEltgeschichte IX (3. Aufl.), Lepzig 1897/zit. Werk/Archiv. Repros: Moritz Szalapek Fischhof (links oben) rief auf, Metternich (rechts, Mitte) ging - die Krone taktierte und betrog.© Bilder: Spamers Ill. WEltgeschichte IX (3. Aufl.), Lepzig 1897/zit. Werk/Archiv. Repros: Moritz Szalapek

Er nannte 1848 "denkwürdig (...), war es doch die erste große Kundgebung des österreichischen Volkes für die freie Gestaltung seines (...) Lebens auf demokratischer Grundlage." Und mit Bezug auf die einstigen "großen Bauernaufstände" sah er die Schicksalswende für das Landvolk so: "Seit Jahrhunderten vergewaltigtes Recht bekam wieder Geltung." Der, der das schrieb, war selbst Bauer. Er hieß Leopold Figl.

Ein Kalender-Autor widmete Bauernbefreier Hans Kudlich einen Beitrag. Von "fast vierzehn Millionen (...) Robotbauern" im k.k. Reich, also Zwangsbefohlenen, berichtet er. Von der "Kamarilla" (der Hofpartei). Vom Niederwalzen der Wiener Revolution. Von Exekutionen: Im Stadtgraben "hauchen die Apostel der Freiheit (...) ihr Leben aus". Auch Kudlich, dem Radikalen von 1848, droht der Tod. In letzter Minute glückt die Flucht. Nie wieder sieht er die Heimat.

Was notabene den Kudlich-Schilderer lange Lebensjahre mit der "WZ"-Redaktion verband, soll später aufs Tapet kommen.

Vorerst blicken wir mit einer vergilbten "Wiener Zeitung"-Ausgabe auf die geschichtsträchtigen Märztage 1848. Denn als einzige noch bestehende Gazette des Landes war die "WZ" damals mit dabei. Als Zeitzeugin wie als Akteurin.

Aber auch als größtes Blatt seiner bisherigen Geschichte: Erstens wegen des Super-Seitenformats von ca. 56cm Höhe mal 36,5cm Breite (das ist etwa ein Viertel höher sowie ca. ein Fünftel breiter als die Zeitungsseite, die Sie, geneigte Leserinnen und Leser, in der Hand halten). Zweitens jedoch vor allem wegen des unglaublichen Verkaufserfolgs von "WZ"-Numero 74 vom Dinstag (kein Druckfehler, sondern alte Schreibweise) den 14. März des Revolutionsjahres.

Warum balgte man sich auf den Straßen um Numero 74 und riss Kolporteuren das Blatt aus der Hand? War’s ein journalistisches Husarenstück? Zeitreisenden sei hier exklusiv das Rezept eines gewissen Dr. Moriz Heyßler (1814-1882) verraten: Man nehme drei Druckzeilen (nicht vier, bitteschön!) und stelle sie diskret in die Mitte der Titelseite. Ohne Überschrift. Oben abgetrennt vom restlichen Text durch eine kurze Linie (Setzer sagten "Spitz" dazu).

Und dann nehme man noch diesen Satz: Der geheime Haus-, Hof- und Staats-Kanzler Fürst v. Metternich hat seine Stelle in die Hände Sr. (= Seiner) Majestät des Kaisers niedergelegt.

Alles klar? Noch etwas: Der Lenz begann 1848 in Wien nicht wie üblich am 21. März, sondern acht Tage früher am 13. mit dem Ausbruch der Revolution - aber Versammlungs- oder Pressefreiheit fehlten trotzdem.

Am 13. März starben sogar friedliche Demonstranten im Geschoßhagel des k.k. Militärs. Die "Wiener Zeitung"-Ausgabe für 14. März stand noch unter Zensur. Doch die Zeilen zu Metternichs Abgang waren offiziell, ja amtlich. Das war die Chance der Redaktion.

Neues aus Wien las Berlin in Zitaten aus "Wiener Zeitung"-Texten.

Neues aus Wien las Berlin in Zitaten aus "Wiener Zeitung"-Texten.© Bild: WZ-Archiv. Faksimile: Moritz Szalapek Neues aus Wien las Berlin in Zitaten aus "Wiener Zeitung"-Texten.© Bild: WZ-Archiv. Faksimile: Moritz Szalapek

Die Freiheitsrede des wackeren Arztes Adolf Fischhof an aufbegehrende Wiener am Vortag, das Gemetzel an ihnen durfte mit keiner Silbe erwähnt werden. Die Bekanntmachung aus der Hofburg aber kam ins Blatt und hatte so doppeltes Gewicht. Zu Hause wie im Ausland, das im 1848er-Geschehen von da an (z.B. in Berlin, vgl. Faksimile links) die "WZ" als erste Quelle schätzte.

Die Publikation von Metternichs Fall schlug wie eine Bombe ein. Die Krone gab nach, so bei der Pressefreiheit, spielte aber falsch. Erstes Opfer des Throns war die nur bis Juni frei agierende "WZ". Im Oktober folgte Wiens Niederwalzung. Was blieb nach der Katastrophe?

Immerhin die 1849 bestätigte Bauernbefreiung. 1867 wirkte der große Freiheitskampf weiter nach: Der Hof musste Grundrechten und Verfassung zustimmen. 1918 bzw. 1920 erhob schließlich die Staatsordnung der Republik das Volk zum Souverän. Habsburgs Kanonen konnten die 1848er-Ideale nicht zerschießen, nur deren Realisierung hinauszögern.

P.S. Über Kudlich schrieb Franz Stamprech, der 1955-1971 die "WZ" leitete.

Kopfnuss: Was war der erwähnte Moriz Heyßler 1848?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-28 13:08:40
Letzte Änderung am 2018-02-28 14:26:05


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