• vom 06.04.2018, 06:00 Uhr

Nachgelesen


Vorschriften anno 1793

Im k.k. Paragraphen-Dschungel




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  • Viele Gesetze für Jung und Alt einst - plus ein Wegweiser.

Auch die Schule war ab dem späten 18. Jahrhundert streng reglementiert; die abgebildete Klassen-Szene ging kurz nach 1820 in Druck.  - © Zwoelf Blaetter Kinder-Bilder (...), 1 Heft für Knaben, Nürnberg o. J. (=ca. 1823). Repro: Philipp Aufner

Auch die Schule war ab dem späten 18. Jahrhundert streng reglementiert; die abgebildete Klassen-Szene ging kurz nach 1820 in Druck.  © Zwoelf Blaetter Kinder-Bilder (...), 1 Heft für Knaben, Nürnberg o. J. (=ca. 1823). Repro: Philipp Aufner

Zeitreisende mit guter Spürnase werden bei diesen Zeilen aus der "Wiener Zeitung" vom Sonnabend den 20. April 1793 wohl gleich die Witterung aufnehmen. Aus der kaiserlichen Burg wurde gemeldet:

Se. Majest. (= Seine Majestät) haben dem Hofkonzipisten (...) Joseph Kropatschek (...) die Gnade erwiesen, (...) eine grosse goldene Medaille sammt einer solchen Kette zu bewilligen, welche ihm zu Folge höchster Entschliessung am 19. April feyerlich umgehangen worden ist.

Kupferstich mit Gaben des Himmels in Werk mit k.k. Gesetzen, publiziert 1799.

Kupferstich mit Gaben des Himmels in Werk mit k.k. Gesetzen, publiziert 1799.© Oestreichs Staatsverfassung (...) von Joseph Kropatschek, Sechster Band, Wien o. J. (= 1799). Repro: Philipp Aufner Kupferstich mit Gaben des Himmels in Werk mit k.k. Gesetzen, publiziert 1799.© Oestreichs Staatsverfassung (...) von Joseph Kropatschek, Sechster Band, Wien o. J. (= 1799). Repro: Philipp Aufner

Kropatschek? Joseph Kropatschek? Durch den Juristentrakt der Tüftler-Gemeine, dem heute ein spezielles Kompliment gilt, dürfte inzwischen ein Raunen gehen: Ah, der - seinerzeit ein wichtiger Mann des Fachs!

Freunden altösterreichischer Druckwerke ist der Name ebenfalls ein Begriff: In schöne Austriaca-Bibliotheken gehört der guten Ordnung halber wenigstens ein Kropatschek-Einzelband.

Was keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereitet, hat Joseph K. doch Legionen von Büchern publiziert. Allein seine 1794ff gedruckte "Staatsverfassung" (links Kostproben aus deren 6. Teil) bringt es auf zehn Bände, mit Supplementen auf zwölf. Sein Kreisämter- "Commentar" umfasst fünf Bände, sein "Handbuch" josephinischer Gesetze 18, seine "Sammlung" von Gesetzen ab 1792 sogar 25...

Wir sehen: Der Hofkonzipist K. war fleißiger Kompilator. Aber nicht nur das. Er übte peinlichste Genauigkeit; jede in Druck zu gebende Gesetzeszeile überprüfte er. Das gesamte Werk birgt zudem (ausklappbar!) Formulare. Wer sich ein Bild vom (formell ab 1804, de facto schon früher existierenden) alten Staat Österreich und dessen Verwaltung machen will, greift getrost zum Kropatschek.

Kerkerfenster am Spielberg; r.: Graues Haus, Wien 1839.

Kerkerfenster am Spielberg; r.: Graues Haus, Wien 1839.© Die (...) Burg Spielberg, Brünn 1930. Repro: Philipp Aufner Kerkerfenster am Spielberg; r.: Graues Haus, Wien 1839.© Die (...) Burg Spielberg, Brünn 1930. Repro: Philipp Aufner

Profitiert hat Rechtskenner Joseph K. vom ungeheuren Schub moderner Staatlichkeit, der in der Ära Maria Theresias einsetzte. Nun wurde einfach alles in den Habsburgerlanden erfasst, geordnet, dekretiert, reglementiert, kontrolliert. Der Vorschriften-Wald wuchs sich zum Urwald aus. In wenigen Jahrzehnten bildete sich ein wahrer Paragraphen-Dschungel. Der hilfreiche Wegweiser in diesem Dickicht hieß Kropatschek.

Die einstige Normenflut verschonte auch nicht die jungen Untertanen, die die Schulbank drückten. Da Kinder mit juristischen Wälzern kaum etwas anfangen können und diese Lektüre überdies zu kostspielig gewesen wäre, wählte die Obrigkeit einen simplen Weg zur Vermittlung der Vorschriften - das Lesebuch wurde zum Gesetzbuch.

So finden sich zum Beispiel auf den ersten acht Seiten des für die zweite Klasse der Volksschulen auf dem Land bestimmten Lesestoffs, der lange Zeit in den k.k. österreichischen Erbstaaten in Gebrauch stand, ellenlange Listen mit Ge- und Verboten.

Anfangszeilen in Lesebuch für Volksschüler der Monarchie.

Anfangszeilen in Lesebuch für Volksschüler der Monarchie.© Aus Lesebuch II. Cl. f. d. Landsch., o. J. Repro: Philipp Aufner Anfangszeilen in Lesebuch für Volksschüler der Monarchie.© Aus Lesebuch II. Cl. f. d. Landsch., o. J. Repro: Philipp Aufner

Besonders auffallend dabei: Statt Ordnungsregeln gab es Schulgesetze(vgl. Faksimile in der 2. Spalte). Früh übt sich, hieß offensichtlich die Devise.

Im ersten von vier Abschnitten wird u.a. verspäteten Schülern gedroht: Wehe dem, der sich durch Lügen helfen will! Jede Lüge wird scharf bestrafet. Abschnitt Nro. II besagt nicht zuletzt: Gehorsam ist eine unerläßliche Pflicht eines jeden Schülers. Nro. III betont zum Kirchenbesuch gleich zweimal den Vorrang der Knaben vor den Mädchen. Nro. IV verbietet u.a. den Kindern untereinander Vorwürfe wegen erlittener Strafen.

Deftige Zeilen bilden der Schulgesetze dickes Ende. Denn jeder Schüler, welcher dagegen handelt, wird (...) mit dem (...) Stehen auf einem abgesonderten Platze (...), mit dem Schandorte oder (...) mit der Ruthe, oder mit dem Stäbchen bestrafet (...).

Das Strafsystem des Obrigkeitsstaats fing im Klassenzimmer an. Von der Zeit an lernten die Untertanen Zucht und Ordnung kennen. Erwachsene zuweilen gar im Kerker des Brünner Spielbergs (bis 1855) oder ab 1839 in Zellen des Wiener Kriminalgerichts ("Graues Haus", nun Straflandesgericht); zudem galt die von Joseph II. für Zivilpersonen abgeschaffte Todesstrafe ab 1795 wieder (s. auch S. III).

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Nachschrift des Zeitreisenschreibers: Seine aufmerksamen Leserinnen und Lesern bekannte Großmutter war als Jahrgang 1878 ein echtes Kind der Monarchie. Neben ihrem Bett hing der alte Spruch "Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht!" Der aufmüpfige Enkel buchstabierte vor 60 Jahren als Abc-Schütze erstmals diese Worte und protestierte sofort. Doch der kleine Ruhestörer beeindruckte die geliebte Oma nicht; ihr Leben war von Kaiser und Krone geprägt. Freilich fehlte dem Knirps das Wissen, dass die Großmutter quasi halbe Republikanerin war - "Bürger" hieß es ja, nicht "Untertan". Das war Frucht der 1867er-Grundrechte, die einen großen Schritt vorwärts für unser Land bedeuteten.

 

Kopfnuss: War Hofkonzipist K. 1793 hohen Rangs?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-04 13:51:09
Letzte Änderung am 2018-04-04 14:51:15


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