• vom 04.05.2018, 08:30 Uhr

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Aeronautik

Platz da für den Ballon Blanchards!




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Von Alfred Schiemer

  • Wien musste auf Europas größten Luftschiffer warten.



Landung Blanchards (l.) bei Groß-Enzersdorf nahe Wien 1791. Aus zeitgen. 

Landung Blanchards (l.) bei Groß-Enzersdorf nahe Wien 1791. Aus zeitgen. © Stich (J. H. Löschenkohl) Landung Blanchards (l.) bei Groß-Enzersdorf nahe Wien 1791. Aus zeitgen. © Stich (J. H. Löschenkohl)

Kleine Fangfrage zum Einstand: Warum ging die "Wiener Zeitung" am 17. May 1788 überaus ausführlich auf die im Sommer des Jahres zu Braunschweig geplante Luftreise eines Franzosen ein?

Als eventuelle Hilfe zum Knacken dieser aeronautischen Nuss drei Auszüge aus dem alten "WZ"-Bericht.

Erstens: Hr. Blanchard, der seine Bemühungen, die Luftschiffahrt zu immergrösserer Vollkommenheit zu bringen, noch eifrigfortsetzt, hat (...) bekannt machen lassen, daß er zwischen den (sic!) 6. und 16. August zu Braunschweig seine 33. Luftreise unternehmen, und dabey eine neue wichtige Entdeckung zeigen werde.

Zweitens: Nachdem er nähmlich schon 15 Jahre lang auf Mittel gedacht, sich nach Art der Vögel in die Luft empor zu heben, (...) so ist es ihm (...) gelungen, künstlich verfertigte Flügel (...) zu erfinden, die einen Flächeninhalt von ungefehr 90 Fuß haben.

Drittens: Mit diesen Flügeln wird sich (...) Hr. Blanchard (...) empor heben, und die Richtung seines Fluges (...) versuchen.

Start in der frühen Aeronauten-Ära. Gay-Lussac in Paris 1804. 

Start in der frühen Aeronauten-Ära. Gay-Lussac in Paris 1804. © Abdruck in H. Kraemer, Das XIX. Jh. (...), Bd. 1, Berlin o. J. (1899?) Start in der frühen Aeronauten-Ära. Gay-Lussac in Paris 1804. © Abdruck in H. Kraemer, Das XIX. Jh. (...), Bd. 1, Berlin o. J. (1899?)

Damit zur Antwort auf die Fangfrage: Mit Flügeln durch die Luft zu steuern, war eine tolle Ankündigung - dafür hätten es jedoch nach damaligem Usus wenige Zeilen getan. Die einstige Redaktion unseres Blattes aber wusste mehr und kannte die Stimmung vieler Menschen im Land. Seinerzeit wollte das Wiener wie das auswärtige Publikum endlich wieder im Prater Himmelsstürmer sehen. Doch höheren Orts blockierte man das offensichtlich!

Das ferne Braunschweig galt mit dem angesagten Ausflug in die Wolken somit gleichsam als Traumstadt. Schließlich liebten Herr und Frau Österreicher schon im 18. Jh. Spektakel.

Aeronautische Sensationen bejubelte man im Raum Wien ab Jänner 1784, als über der Wieden eine unbemannte Luftkugel schwebte.

Bald kam allerdings das Verbot solcher Versuche im bebauten Gebiet (u.a. wegen möglicher Kollisionen mit Rauchfängen).

Ab Mitte 1784 zeigten daher Feuerwerker Johann Georg Stuwer bzw. Sohn Kaspar im Praterareal ihr Können als Luftschiffer (vgl. Zeitreisen März 2014).

Blick auf Alt-Braunschweig mit seinen Dächern und Parks.

Blick auf Alt-Braunschweig mit seinen Dächern und Parks.© Ill. Konv.-Lex., 2. Bd., Leipzig 1872 Blick auf Alt-Braunschweig mit seinen Dächern und Parks.© Ill. Konv.-Lex., 2. Bd., Leipzig 1872

Dabei gab es gefährliche Zwischenfälle. Am 25. August 1784 riss sich ein Fesselballon los, die unfreiwillig durch die Lüfte sausenden Insassen kamen mit dem Schrecken davon. 1785 brannte ein aufgestiegener Freiballon. Zum Glück landeten die Aeronauten in der Donau; sie wurden gerettet.

Die Behörden hatten jetzt arge Bedenken. Gefahren drohten nicht allein den Ballonfahrern, leicht konnte z.B. auch ein in Flammen geratenes Luftfahrzeug beim Absturz Feuersbrünste verursachen.

Kaiser Joseph II. (1780- 1790 Alleinregent in Habsburgs Landen) teilte diese Sorge. Er lehnte weitere Luftschifferei ab. Eigentlich.

Allerdings wusste der gern ins Volk hörende Monarch von der Begeisterung für aeronautische Spielerei. Zudem schätzte Joseph II. das Können Jean-Pierre Blanchards, der den Ärmelkanal 1785 per Ballon überquert hatte. Als der Franzose um einen Wien-Auftritt ansuchte, gab der Kaiser mit 2. Mai 1786 sein Placet.

Zweifelte der Landesherr später die Richtigkeit seiner Entscheidung an und wollte er von der Unternehmung nichts mehr wissen? Hintertrieben k.k. Ämter das Projekt, indem sie dilatorisch - die hohe Kunst des Hinhaltens und Aufschiebens ist bekanntlich austriakisches Patent - agierten?

Blanchard reiste jedenfalls weder 1786 noch 1787 in die Kaiserstadt.

Auch 1788 ließ er sich nicht blicken, er hatte ja seinen Termin in Braunschweig. Langsam glaubte niemand mehr in den Erblanden an das Kommen des Ärmelkanal-Bezwingers.

Als der ersehnte Luftakrobat doch noch nach Wien gelangte, schrieb man 1791. Joseph II. lebte nicht mehr; Leopold II., sein Bruder, trug nun die Kaiserkrone und war Regent im Land. Der inzwischen ca. 40 Jahre alte Aeronaut Blanchard hatte in der Residenzstadt keine Komplikationen mit k.k. Bürokraten, aber Probleme mit seinem Ballon und - dem Publikum. Der erste Teil seiner Visite endete mit einem Skandal. Fast nichts funktionierte, fast alles missglückte. Ob’s daran lag, dass der Meister seine Vorführungen ausgerechnet im nicht gerade witterungsbegünstigten März begann?

Am 6. Juli 1791 herrschte dann gutes Wetter und die wetterwendischen Zuschauer aus Wien und Umgebung vergaßen im Nu frühere Wutausbrüche. Vielmehr jubelten sie dem Luftschiffer frenetisch zu, der bravourös eine Donauüberquerung unternahm (übrigens ohne vogelähnliche Flügel, mit denen er 1788 als Ballonfahrer nur etwas Theater gespielt hatte).

Auch die "Wiener Zeitung" spendete Applaus; sie schrieb am 9. Juli 1791 zur Glücksstunde Blanchards drei Tage zuvor: Er erhob sich mit einem Luftballon, im Prater, gegen 12 Uhr Mittags, (...) blieb durch 14 Minuten sichtbar, und verschwand dann in den Wolken (...). Er erreichte die Erde um 1 Uhr in der Nähe der Stadt Groß-Enzerstorf (...), wo er (...) mit Musik empfangen, und mit (...) Ehrenbezeugungen in den Ort geführet (...) wurde.

Kopfnuss:Darf man mit einem Ballon fliegen?


weiterlesen auf Seite 2 von 2




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-03 09:36:39
Letzte Änderung am 2018-05-03 10:09:21


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