• vom 01.06.2018, 09:00 Uhr

Nachgelesen


Gesundheitswarnung 1768

Warum "Coffee" gar so schädlich ist




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Wie eine Beilage unseres Blattes die Gesundheit förderte.
  • Nicht nur 250 Jahre zurückgeblätter.

. . . sowie in Kaffeetassen für Maria Theresia und Gemahl. - © Bild: Gouache (Teil), 18. Jh.

. . . sowie in Kaffeetassen für Maria Theresia und Gemahl. © Bild: Gouache (Teil), 18. Jh.



Bohnengetränk im Häferl fürs Volk anno dazumal . . .

Bohnengetränk im Häferl fürs Volk anno dazumal . . .© Bild: Thekla v. Gumpert, Töchter-Album, Bd. 34, Glogau (1888) Bohnengetränk im Häferl fürs Volk anno dazumal . . .© Bild: Thekla v. Gumpert, Töchter-Album, Bd. 34, Glogau (1888)

Ob der Bohnenkaffee-Genießerin Maria Theresia am Sonnabend den 11. Brachm. (= Brachmonat bzw. Juni) 1768 ihr Leibblatt, das "Wienerische Diarium", aus der Hand fiel?

Immerhin wetterte an diesem Tag in der Zeitungsbeilage Gelehrte Beyträge ein Experte - diese Spezies bevölkerte schon damals den Blätterwald - gegen entsetzlichen Mißbrauch. Gegen das Trinken von echtem Kaffee nämlich.

Das mochte selbst die nervenstarke habsburgische Herrscherin aus der Fassung - pardon: aus der Contenance - gebracht haben. Schließlich hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, Maria Theresia hätte ohne ihr tropisches Elixier keine 40 Jahre lang dieses seltsame Sammelsurium namens k.k. Lande regieren können.

Einsammeln der Kaffeestrauchfrüchte, Darstellung aus 19. Jh. 

Einsammeln der Kaffeestrauchfrüchte, Darstellung aus 19. Jh. © Bild: E. Walther, Geogr. Charakterbilder, Eßlingen etc. (um 1890) Einsammeln der Kaffeestrauchfrüchte, Darstellung aus 19. Jh. © Bild: E. Walther, Geogr. Charakterbilder, Eßlingen etc. (um 1890)

Aber unter Umständen wusste die große Frau auf dem Thron an jenem Junitag des Jahres 1768 mehr. Vor allem ein Umstand spricht dafür, dass die Regentin die Hintergründe der Kampagne gegen den Original-Coffee kannte: Sie war aufmerksame Leserin des (notabene noch zu ihren Lebzeiten in "Wiener Zeitung" umbenannten) "Diariums".

Und in diesem Blatt erfuhr man bereits vor 250 Jahren bei genauer Durchsicht, auf welche Zusammenhänge es ankommt.

Auch in Sachen Coffee.

Aber der Reihe nach.

Zuerst zum eingangs erwähnten Gelehrte Bey-träge-Artikel. Umständlicher Titel im Stil der Zeit: Nutzen des warmen Getränks vom Rocken (= Roggen) im Vergleich eines (...) Getränks von den Coffeebohnen. Vorweg warnte darin ein (wie einst Gazetten-Usus) nicht namentlich genannter Autor davor, viel warmes Getränke zu konsumieren, weil es den Magen (...) sehr schwäche. Da "Diarium"-Leser aus Vermerken im Blatt wussten, dass nur Fachleute im Supplement Gelehrte Bey-träge publizierten, wog dieser Gesundheitstipp schwer.

Es kam im Text freilich noch dicker: Der überflüßige Genuß des warmen Getränks, besonders des Coffee, ist (...) in einen Mißbrauch ausgeartet, daß man (...) erstaunen muß.

Schon früher sei der Schade, den der Kaffee im Körper anrichte, gezeiget worden, doch gefruchtet habe das nichts. Allein nunmehr scheinen wir dem Zeitpunkt nahe gekommen zu seyn, da dieser Mißbrauch, wo nicht gänzlich, doch guten Theils abgeschaffet werden kann (...).

Endlich, endlich war also ein Wundermittel in Sicht!

Ehe die Zaubertinktur angepriesen wurde, gab es allerdings eine letzte Kaffee-Standpauke. Der Gelehrte Beyträge-Autor schilderte in Schreckensbildern die Zustände, in die jeder verfällt, der sich an das Coffeetrinken zu sehr gewöhnet hat.

Konkret hieß es: Es überfällt ihn (...) Angst, er blähet auf, die Winde plagen ihn, und kaum wird er durch (...) Aufstossen, oder (...) einen anderen Abgang (...) erleichtert. Ist dies nicht (...) Anzeige (...), daß die Verdauungskräfte leiden, und werden nicht unverdauete (...) Theile ins Blut gebracht (...)? Fazit: Der häufige Gebrauch hitziger Getränke erzeuget Blutflüsse, Schwindsucht, Wassersucht, Lähmung und andere furchtbare Übel.

Alles klar? Damit zur gesunden Alternative aus Ährengras, dem heute mit zwei "g" geschriebenen Rocken. Er schicket sich am besten dazu, um an die Stelle des Coffee zu tretten (...). Aus ganz logischem Grund: Der Rockentrank dient dem Magen besser, weil derselbe ohnedem (= ohnehin) mehr an den Rocken gewöhnet ist. Bleibt lediglich hinzuzufügen, dass der Getränke-Experte von 1768 hoch und heilig schwur, der neue Trank sei völlig unschädlich...

Wer das Bohnengetränk vor einem Vierteljahrtausend liebte und als "Diarium"-Abonnent von der Gefahr der Schwindsucht erfuhr, mag den Kopf geschüttelt haben. Und zur Erinnerung gekommen sein, dass Tage zuvor im Berlin-Bericht des Blattes Kaffee auch angegriffen worden war - aber irgendwie anders.

Wer dann zur schon abgelegten Zeitungsausgabe vom 4. Juni 1768 griff, stieß auf einen Zahlensalat aus dem Preußen des streng rechnenden Friedrich dem Großen: Wenn ein Mensch täglich nur 1. (Punkt ist Stil der Zeit) Loth (= rund 17 Gramm) gebrannten Kaffee verbraucht; so beträgt dieses jährlich 8. Rthlr. (= Reichst[h]aler) 20. Gr. (= Groschen) 10 Pf. (= Pfennig). Nun nehme man eine Provinz, in der 100000. Menschen jährlich so viel von (...) Caffee ausgeben; So gehen dadurch 887152. Rthlr. 18 Gr. 8 Pf. jährlich aus dem Lande (...).

Umgerechnet auf Preußen sind das Millionen Reichstaler, die ein riesiges Loch in die Handelsbilanz reißen!

Ergo war das, was preußisch Kaffee/Caffee bzw. österreichisch Coffee hieß, schädlich, Roggentrank hingegen gesund - für Merkantilisten, die möglichst keine Importe wollten.

Kopfnuss: Liest im Bild ganz links Franz I. Stephan (1708-1765, Kaiser ab 1745) Maria Theresia aus dem "Diarium" vor? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-30 12:34:12
Letzte Änderung am 2018-05-30 17:09:27


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Per Eilzug in die k.u.k. Kulturoase
  2. Warum Tiere keine Maschinen sind
  3. Forscher sucht Zeitreisende
  4. Der Kommentator des Philosophen
  5. Gute Zeiten, schlechte Zeiten . . .
Meistkommentiert
  1. Gute Zeiten, schlechte Zeiten . . .
  2. K.u.k. Oasen - eine Fata Morgana
  3. Zehn Küchen und ein Riesenkeller
  4. Forscher sucht Zeitreisende
  5. Predigt des rechnenden Denkers

Werbung





Werbung