• vom 07.07.2018, 10:30 Uhr

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Österreich-Ungarns Kolonialtraum

K.u.k. Oasen - eine Fata Morgana




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Von Alfred Schiemer

  • Für eine Kolonie der Monarchie warb man anno 1918. Das Ziel hieß Marokko.
  • Nicht nur 100 Jahre zurückgeblättert.

Schaut diese Marokkanerin von einst traurig? K.u.k. Soldaten (rechts oben mit Kriegsgefangenen 1914) blieben ihr erspart, weiße Herren (rechts unten mit Landesvertreter 1906) nicht. - © Bilder: Kurt Lampert, Die Völker der Erde, 2. Bd., Stuttgart etc. (vor 1908)/Patriotisches Bilderbuch, Wien 1914/Archiv

Schaut diese Marokkanerin von einst traurig? K.u.k. Soldaten (rechts oben mit Kriegsgefangenen 1914) blieben ihr erspart, weiße Herren (rechts unten mit Landesvertreter 1906) nicht. © Bilder: Kurt Lampert, Die Völker der Erde, 2. Bd., Stuttgart etc. (vor 1908)/Patriotisches Bilderbuch, Wien 1914/Archiv

Wüstenbewohner kennen den Spuk der Luftspiegelungen. So kommt es etwa, dass Menschen mit ausgedörrten Kehlen mitten in der Sahara plötzlich einem Trugbild aufsitzen, das ihnen zum Greifen nahe Brunnen und Palmen zeigt.

Ausgerechnet im letzten Lebensjahr Österreich-Ungarns tauchte ebenfalls ein phantastisches Oasenbild auf, freilich ohne physikalische Ursache. 1918 herrschte an den Fronten Tod und Elend, in der Heimat Hunger und Not. Aber eine Art Denkfabrik propagierte das Märchen von einer k.u.k. Kolonie in Nordwestafrika.

Eine u.a. von Ministern des Kaisers geförderte Publikation (unten Teilfaksimile des Titelblatts und darunter Wiedergabe eines Textteils von S. 31 der Druckschrift) schilderte die Vorzüge einer solchen Erwerbung in den glänzendsten Farben. Auswanderer, Landkäufer, Kolonialsoldaten, Beamte, Händler, Bankiers, Großunternehmer, alle würden profitieren.

Angeblich für den Frieden war diese Kolonialbroschüre.

Angeblich für den Frieden war diese Kolonialbroschüre.© Repro: Philipp Aufner Angeblich für den Frieden war diese Kolonialbroschüre.© Repro: Philipp Aufner

Blättern wir im vergessenen Text "Eine Kolonie für Österreich-Ungarn". Autor Leo Wessely meinte noch kurz vor Zerfall der Monarchie, "der zweckmäßige Standpunkt" sei: "Wenn wir am Ende des Krieges so günstig dastehen, daß wir fordern können, nun, dann wollen wir fordern!" Das entsprach Ansichten herrschender Kreise, die noch mit bescheidenem Zugewinn für das Donau-Imperium rechneten.

Den Dualismus bzw. den Streit der Reichshälften skizzierte Verfasser Wessely volksnah: "... gleichen wir einem alten, verdrießlichen Ehepaare, das nur Gewohnheit und das gleiche Geschäft zusammenhält".

Was hilft da? Nur ein Überseegebiet! Übertragen auf das Ehepaar hieße das, dass diesem "im höheren Alter ein Kindlein beschert" werde. Alles wende sich damit zum Besseren, "die gemeinsame Sorge" binde ja. Warum aber musste das Kind, die Kolonie, Marokko sein? Ganz einfach: Dr. Wessely sah das Territorium als "eine "res nullius", ein Niemandsland"; Frankreich habe dessen Großteil unter Rechtsverletzung okkupiert. Den Bewohnern des Kulturlandes, in dem z.B. Aristoteles-Kenner Averroes/Ibn Ruschd im 12. Jh. als Hofarzt wirkte, räumte er dennoch keine Mitsprache ein - sie waren nicht weiß.

Zur geplanten Neuaufteilung gab sich der Quasi-Kolonialpionier eher bescheiden: "Ganz Marokko können wir nicht für uns beanspruchen, da die älteren spanischen Ansprüche befriedigt werden müssen und das Deutsche Reich (...) Vorkaufsrecht hat". Ausgenommen die Madrid unterstehende Mittelmeerküste, wäre das Gebiet teils Wien, teils Berlin zuzuschlagen.

Was den Marokkanern blühen würde, sagte Wessely ungeschminkt. Seine Losung lautete, "daß die Besetzung Menschenleben kostet". So "wie in Bosnien" 1878, als sich tausende Einheimische verzweifelt gegen Habsburgs Truppen wehrten.

Dieser "Angelpunkt" bereitete der Kolonialpropaganda Probleme. Wesselys in der Reihe "Flugschriften für Österreich-Ungarns Erwachen" publizierte Abhandlung trug ja den Vermerk "Im Kriegsjahr 1918" und damals wuchs die Friedenssehnsucht täglich.

Blicke auf Alt-Marokko (v. l. neben Karte): Kamelreiter; Feigenkaktus; Rabat; Bab Doukkala (mit Atlasgebirge); Salé; Oase.

Blicke auf Alt-Marokko (v. l. neben Karte): Kamelreiter; Feigenkaktus; Rabat; Bab Doukkala (mit Atlasgebirge); Salé; Oase.© Bilder: "Seydlitz", Breslau 1914 (3)/Archiv Blicke auf Alt-Marokko (v. l. neben Karte): Kamelreiter; Feigenkaktus; Rabat; Bab Doukkala (mit Atlasgebirge); Salé; Oase.© Bilder: "Seydlitz", Breslau 1914 (3)/Archiv

Ein Überseegebiet nach dem Krieg ließ sich anpreisen - jedoch nicht, dass im Weltkrieg eingesetzte Männer dann in Marokko kämpfen müssten. Daher ventilierte der Broschüren-Autor, dass man "für eine Kolonialtruppe Freiwillige sucht". Alle, die "Abenteuer" wollten, seien willkommen. Im Übrigen sei das Vorhaben eben "eine Friedensbürgschaft"...

Aber spätestens am 19. Juli 1918 ahnten viele in der Monarchie, der Krieg würde weder mit akzeptablem Frieden noch mit "Friedensbürgschaft" enden. Denn die "Wiener Zeitung" brachte es amtlich: Franz Frh. Conrad von Hötzendorf (1852-1925), der Heerführer Österreich-Ungarns, ging. Im Februar 1917 als Chef des Generalstabs enthoben, stand er noch einer Tiroler Heeresgruppe vor und war führend am letzten Großangriff der k.u.k. Armee (2. Piave-Schlacht, Juni 1918) beteiligt. Der Kampf gegen Italiens Truppen endete mit einer Niederlage.

Kaiser Karl kaschierte Conrads Fall: Das in der "WZ" abgedruckte Allerhöchste Handschreiben teilte der Form nach Lob aus, jedoch wurde Conrads Bitte um Enthebung stattgegeben. Die Erhebung in den erblichen Grafenstand half da nicht. Selbst militärisch völlig Uneingeweihte wussten somit jetzt, wieviel es in der Armee geschlagen hatte.

P.S. zur "Flugschriften"-Reihe, in der die Kolonialbroschüre erschien: Mitarbeiter waren u.a. k.k. Minister J. M. Baernreither; k.k. Finanzminister a.D. v. Engel; k.k. Justizminister a.D. F. Klein; kgl. ung. Ministerpräsident a.D. G. v. Lukács; k.k. Minister a.D. K. Urban; Erster Bürgermeister von Wien R. Weiskirchner; k.k. Minister a.D. H. v. Wittek.

P.P.S. Das Soldatenbild oben ist von Maximilian Liebenwein (1869-1926).

Kopfnuss:Wie machten k.u.k. Soldaten 1914 (Bild oben) Gefangene mit dem Fez als Kopfbedeckung? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-05 10:25:54
Letzte Änderung am 2018-07-05 10:59:03


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