• vom 05.09.2018, 15:42 Uhr

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Update: 07.09.2018, 12:55 Uhr

Unser Blatt anno 1768

Hie Bibelleser, da Friedensstörer




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Von Alfred Schiemer

  • Was unser Blatt so alles vor einem Vierteljahrtausend im Köcher hatte.
  • Nicht nur 250 Jahre zurückgeblättert.

Suche nach Trost in der Heiligen Schrift (links); englische Flottenparade unter König Georg III. (rechts oben); Boston einst (rechts unten). – Bilder: Meister der Farbe, Leipzig 1908/Gestalten der Weltgesch., Hamburg 1936/Archiv

Suche nach Trost in der Heiligen Schrift (links); englische Flottenparade unter König Georg III. (rechts oben); Boston einst (rechts unten). – Bilder: Meister der Farbe, Leipzig 1908/Gestalten der Weltgesch., Hamburg 1936/Archiv



Alt-Freiburg : Münster (links), Universität (Mitte). - Wald, wie ihn Wien 1768 schützte (rechts). Bilder: Badische Heimat, 16. Jg., Karlsruhe 1929/Archiv.

Alt-Freiburg : Münster (links), Universität (Mitte). - Wald, wie ihn Wien 1768 schützte (rechts). Bilder: Badische Heimat, 16. Jg., Karlsruhe 1929/Archiv. Alt-Freiburg : Münster (links), Universität (Mitte). - Wald, wie ihn Wien 1768 schützte (rechts). Bilder: Badische Heimat, 16. Jg., Karlsruhe 1929/Archiv.

Was bisher geschah: "Warum Coffee gar so schädlich ist", klärte das Geschichtsfeuilleton im Juni anhand zweier Ausgaben unserer Zeitung aus 1768.

Wie aufmerksame Zeitreisende wissen, hatte das "Wienerische Diarium" die einst heikle Causa mit Mutterwitz angepackt. Es druckte die Warnung eines Experten vor dem lebensgefährlichen Bohnentrank ab - und ebenso einen preußischen Bericht, der bis auf den letzten Pfennig die verheerenden Folgen teurer Kaffee-Importe für die Handelsbilanz vorrechnete. Wer das Blatt genau las, ahnte jetzt, was wirklich schädlich war.

Gab es also vor 250 Jahren trotz k.k. Zensur gute, ja sogar kritische Publizistik? Ein einziges Beweisstück kann das nicht belegen. Prüfen wir daher heute genauer, durchstöbern wir einmal einen ganzen Monat journalistischer Produktion - machen wir Stichproben in den diversen "Diarium"-Nummern des im Jahre 1768 noch Herbstmonat genannten September.

"Spinning Jenny" , die erste Spinnmaschine, vor ca. 250 Jahren (Bild: Archiv).

"Spinning Jenny" , die erste Spinnmaschine, vor ca. 250 Jahren (Bild: Archiv). "Spinning Jenny" , die erste Spinnmaschine, vor ca. 250 Jahren (Bild: Archiv).

Unter Vermischte Neuigkeiten finden wir eine Meldung aus Londen, die in moderne Chronikrubriken passen würde: Eine Frau hinterließ ihrem Sohn eine alte Bibel, mit der Ermahnung (...), darinn (...) Hülfe zu suchen. Lange Zeit ignorierte der Filius das. Bis er in Not geriet, zur Bibel griff und im Buch zwei Wechselbriefe, jeden zu 500. (Punkt ist Stil der Zeit) Pfund Sterling, fand.

Zu dieser Notiz im Blatt vom 14. Herbstm. gesellt sich auf derselben Seite eine beängstigende Depesche aus dem Breisgau, der damals zum habsburgischen Vorderösterreich gehörte und nun Teil des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg ist. Die wichtigste Stadt des Gebiets, Freyburg, werde von einem Erpresser mit Universalbrand bedrohet, woferne ihm nicht (...) 300. fl. (= Gulden) insgeheim zugestellet würden. Eine Kirche sei von dem Übeltäter schon in Brand gestecket worden, die Obrigkeit habe inzwischen auf den Kopf dieses Mordbrenners 100. Ducaten gesetzt.

Auch andere Vermischte Neuigkeiten, so am 7. Herbstm. zu Ungewitter in Memmingen (einst freie Reichsstadt, nun Bayern) oder zu Schildkröten-Einfuhr von Amerika, zeugen vom breit gefächerten Nachrichtenangebot in der alten Zeitung.

Recht informativ wirkt das "Diarium" im September 1768 überdies durch spezielle Bekanntmachungen für den Wiener Raum.

Am 3. Herbstm. erfahren wir, es sei eine k.k. Verordnung an die Stadtthore angeschlagen worden, dessen (sic!) Innhalt eine (...) Waldordnung wegen Fällung des Holzes (...) sowie Abpechen (= Harzgewinnung) u.ä. betrift. Offensichtlich war bis dahin zuviel geschlägert worden.

Für Bücherfreunde wiederum wird in einer Beilage auf die Versteigerung einer Sammlung u.a. von Landkarten verwiesen. Catalogus dazu gratis (...) auf der Sailerstadt (= Seilerstätte)!

So weit, so schön - gute Blattgestaltung. Gab es aber in den k.k. Landen, deren Presse Kommentare verboten waren, kritischen Journalismus? Und nicht nur versteckt wie beim Thema Kaffee? Ein Gustostück scharfzüngiger Publizistik bot vor 250 Jahren die "Diarium"-Rubrik Staatssachen am 17. Herbstm. Dort zerpflückte man Londons Kolonialpolitik in Amerika. Zu Virginien (= Virginia) etwa hieß es, man müsse nicht fragen, ob der Erwerb durch Politik, oder den Degen, oder durch die gebrannten Wässer geschehen, die man an die (Ur-)Einwohner verkauft, oder durch alle drey Dinge zusammen.

Jenseits des Atlantiks, so der Text weiter, habe Britannien Herrschaft, an Größe gleich dem chinesischen Reiche erlanget, wolle aber noch mehr. Selbst die Kriegszüge des Xerxes seien dagegen vernünftige Unternehmungen gewesen; die Militärkosten explodierten, London versinke in Schulden. Das bedeute Verderben (...) gleich den Römern. Folglich überlasse man die Colonien besser sich selbst.

Wie kam diese Kritik durch die k.k. Zensur und ins "Diarium"? Mit einem Kunstgriff: Die Redaktion übernahm die Warnung an Englands König Georg III. der Londoner Presse, die relativ frei agieren konnte. Den Herrscher Britanniens kümmerte sieben Jahre vor dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg derlei Geschreibsel freilich wenig: Am 21. Herbstm. meldete unser Blatt, der Monarch bzw. der Hof werde weitere Soldaten übers Meer schicken - gegen die Einwohner zu Boston, die London nun als Friedensstörer sehe.

Übrigens nutzte unsere Zeitung die Periodika des Inselreichs auch, um über Neuerungen zu informieren. So am 28. Herbstm. mit der Schilderung einer Reise von Prinz von Travendahl u.a. nach Leedes zum Tuchmarkt und zu Manufacturen in Manchester. Ein Jahr zuvor war in Britannien die welterste Spinnmaschine ("Spinning Jenny") zum Einsatz gekommen. Sie sollte bald bis zu 20 Arbeiterinnen ersetzen . . .

Kopfnuss: Warum brachte das "Diarium" relativ wenige und auch kaum informative Inlandsberichte? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)


weiterlesen auf Seite 2 von 2




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 15:51:02
Letzte Änderung am 2018-09-07 12:55:54


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