• vom 13.07.2007, 10:39 Uhr

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HANDVERLESEN Brigittenauer Geschichte(n) Unter die Lupe genommen

Eine Zeitreise zwischen den Brücken




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Von Richard Solder

  • Die Donau als Feind und Freund.
  • Wirtshäuser waren stumme Zeitzeugen.
  • Zeit zum Schmäh führen finden die Kellner vom Gasthaus Kopp in der Engerthstraße immer, auch wenn im Lokal was los ist (und das ist nicht selten der Fall). "Wos isn do heut passiert, in da Allerheiligengossn?" wird der Ober von einer älteren Frau gefragt, die sich zu Mittag ein Krügerl zur gebackenen Leber gönnt. Im Kopp weiß man, was im Grätzel passiert, und das seit Anfang der 1960er-Jahre. Hier wird getratscht, politisiert und, vor allem, gescherzt.

Anno 1889 gewann ein anderes Brigittenauer Wirtshaus historische Bedeutung. Ins "Ockermüller" in der Gerhardusgasse 40 lud der Leopoldstädter Gemeinderat Lorenz Müller Bürgermeister Dr. Karl Lueger. Sein Anliegen: Er wollte, dass die Brigittenau, die damals Teil der Leopoldstadt war, zu einem eigenen Bezirk abgetrennt wird. Schon lange kämpfte er, wie viele Bewohner, für diesen Schritt.


Der 20. Bezirk entsteht
Prof. Roland P. Herold, Museumsleiter des Bezirksmuseums Brigittenau, schreibt dazu in seinem Buch "Brigittenau - Von der Au zum Wohnbezirk": "Dieses Gespräch hatte Erfolg. Vielleicht war es die Atmosphäre in diesem kleinen Gasthaus - sicherlich auch der gute Tropfen, der zu einem solchen Gespräch gehört. Jedenfalls erlangte die Brigittenau ihre Selbstständigkeit, und am 24. März 1900 wurde sie zum 20. Wiener Gemeindebezirk."

Das Bezirksamt wurde gleich in der Nähe, am Brigittaplatz, installiert, "der Ockermüller" überlebte nur bis 1958. Heute erinnert daran ein Gedenkstein in der Gerhardusgasse beim Hannovermarkt, der Baum daneben stammt noch aus dem Gasthausgarten.

Wenn heute Lorenz Müller irgendjemanden "seinen Bezirk" zeigen könnte, würde er dies wohl im Kopp machen. Das Wirtshaus an der Ecke Engerthstraße/Donaueschingenstraße liegt in "Zwischenbrücken". So nennt man den Teil des 20. Bezirkes zwischen Nordbahnhof, Nordwestbahnhof und der Donau. Die "Brigittenaue" waren von diesem Gebiet bis zur Donauregulierung 1870 bis 1875 durch den mittleren Donauarm getrennt, das ganze (heutige) Bezirksgebiet bestand aus Inseln im Strom der verzweigten, wilden Donau. Wollte man etwa am Anfang des 19. Jh.s von der Leopoldstadt nach Floridsdorf, gelangte man nur über Brücken dorthin. "Zwischen den Brücken" entstanden Siedlungen, das "Innere Zwischenbrücken" mehr stadteinwärts gelegen, sowie das "Äußere Zwischenbrücken", das dem Durchstich der Regulierung zum Opfer fiel.

Kino im Gemeindebau
Allgegenwärtig in Zwischenbrücken ist der "Turm", wie der 1999 fertiggestellte, 202m in die Höhe ragende Millenium Tower von der lokalen Bevölkerung genannt wird. Das dazu gehörende Einkaufszentrum lockt vor allem junge Menschen von nah und fern an, das Kino wirbt mit der "größten Leinwand Österreichs". Es ist das letzte und einzige Kino in der Brigittenau. Das war nicht immer so: Bis zu neun "Lichtspieltheater" existierten einst, große wie das Vindobona (heute bekannt als Kabaretttheater), das Wallenstein oder das Winarsky im gleichnamigen Gemeindebau hatten für mehr als 300 bzw. 400 Besucher Platz.

Wien an der Donau
Ob man die Architektur nun mag oder nicht, eines haben die modernen Bauten an der Donaupromenade auf jeden Fall bewirkt: Der Bezirk ist der Donau noch ein Stück näher gerückt. Gegenüber der S-Bahnstation Handelskai tummeln sich frisch verliebte Paare und Grüppchen von Jugendlichen, ein Großvater zeigt seinem kleinwüchsigen Enkel die langgezogenen Donaufrachtschiffe, die mit ihren bunten Fahnen und exotischen Namen vor Anker liegen oder gemächlich vorbeischwimmen.

Wenn man in Wien allzu selten den Eindruck bekommt, in einer Stadt am Wasser zu leben, hier hat man so ein Gefühl.

Dadurch, dass die Donauüberschwemmungen jahrhundertelang eine stete Gefahr für die Wiener darstellten, orientierten sich die Bewohner mehr weg vom Strom als ihm zu. Erst seitdem man Ende des 19. Jh.s den Fluss in seine Schranken weisen konnte, war ein Leben mit und an der Donau überhaupt denkbar. Allein vom Hochwasser von 1862 waren 80.000 Menschen in ganz Wien betroffen, in der Brigittenau mussten 234, in Zwischenbrücken 89 Häuser geräumt werden. Darauf folgten schließlich Taten. Nach der ersten Donauregulierung konnte am 18. April 1875 der erste Schlepper durch den neuen Durchstich fahren. Hochwasser 1880, 1883 und 1899 machten aber klar, dass dieser erste Schritt nicht reichte. Trotzdem folgte die zweite Regulierung erst zwischen 1972 und 1988. Ärgern müssen sich die Brigittenauer manchmal trotzdem noch über den nahen Strom, wenn etwa bei Hochwasser Keller unter Wasser stehen.

Namensgeberin Brigitta
Dreht man der Donau nördlich vom Handelskai, bei der Floridsdorfer Brücke, den Rücken zu, kann man einen Koloss nicht übersehen: Mit 1467 Wohnungen ist der soziale Prachtbau am Friedrich-Engels-Platz die zweitgrößte Wohnanlage des "Roten Wien". Vorbei an diesem Riesen und an weiteren kommunalen Wohnbauten gelangt man zum historischen Herz des Bezirkes, der Brigittakapelle. 1651 vom italienischen Baumeister Filippo Lu(c)chesi erbaut und der heiligen Brigitta geweiht, war die Kapelle namensgebend für die Brigittenau und lange das einzige Gotteshaus in der Gegend.

Hier wurde auch seit dem Beginn des 18. Jh.s jährlich der Brigittakirtag gefeiert. Das Kirchenweihfest entwickelte sich rasch zum Volksfest, das die Massen aus Wien anlockte und das Grillparzer in "Der arme Spielmann" beschrieb. Von fünf am Morgen bis neun Uhr abends dauerte offiziell die Festlichkeit, für die meisten länger.

Feste, Feiern, Frohsinn
Aber nicht nur dort wurde getanzt, musiziert, getrunken und herzhaft geschmaust. Der Bezirk hatte schon große Vergnügungsstätten, bevor er überhaupt ein eigener war: Im "Kolosseum", einem "Vergnügungsetablissment" in der Gegend der heutigen Zrinyigasse, fanden in den 30er Jahren des 19. Jh.s im Prunksaal Bälle statt. Nach einem Ausbau hatte es dazu einen Garten mit 45 Attraktionen zu bieten, darunter ein Karussell, eine Eisenbahn, eine Teich-Schifffahrt und Schauplätze für Vorführungen.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-07-13 10:39:01
Letzte Änderung am 2007-07-13 10:39:00

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