Sobald man das "Haus St. Teresa" betritt, fällt auf, wie neu und up to date sich hier alles anfühlt. In dem Pflegeheim der Caritas  in Wien Donaustadt ist man auf bunte schöne Farben und ein angenehmes Ambiente bedacht. Gleich im Foyer begrüßt einen ein Baum, auf den neue Mitbewohner Karten mit ihren Vorstellungen und Bedürfnissen hängen können; und die Einzelzimmer werden – im Rahmen der Möglichkeiten – individuell nach dem Geschmack der Bewohner adaptiert. 136 Menschen leben hier, viele von ihnen sind hochbetagt, zwei Drittel sind dement. Die Caritas ist bestrebt, dass dieses Heim ein Zuhause für sie ist. Nicht Menschen sollen in eine Einrichtung kommen, sondern Betreuer zu den Menschen, die hier leben. So erklärt es Michael Huber, der Leiter des Hauses. Auch wenn es klarerweise nicht mehr so läuft wie in den eigenen vier Wänden, soll die Selbstbestimmung beim Übersiedeln nicht auf der Strecke bleiben.

Der Lebensqualitätsbaum steht im Foyer des Pflegeheims St. Teresa der Caritas in Wien. Die Bewohnerinnen und Bewohner können hier formulieren, was Lebensqualität für sie bedeutet und auf Karten an den Baum hängen. Wer hier wohnt, soll sich zuhause fühlen. - © Christoph Liebentritt
Der Lebensqualitätsbaum steht im Foyer des Pflegeheims St. Teresa der Caritas in Wien. Die Bewohnerinnen und Bewohner können hier formulieren, was Lebensqualität für sie bedeutet und auf Karten an den Baum hängen. Wer hier wohnt, soll sich zuhause fühlen. - © Christoph Liebentritt

Es hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges weiterentwickelt in der Betreuung älterer Menschen. Das hat nicht nur mit klientenorientierten Pflegekonzepten zu tun, sondern auch mit den technischen Möglichkeiten, die zunehmend auch in den Gesundheits- und Pflegesektor Einzug halten.

Die öffentliche Diskussion ist bereits von spürbarer Skepsis bestimmt. Der Pflegeroboter ist zum Sinnbild für moralische und ethische Verwerfungen einer technikgestützten Pflege geworden, die manche – vielleicht nicht zu Unrecht – befürchten. Schließlich wird die Pflege wohl zunehmend auch von Kostendruck und Effizienzbestrebungen bestimmt sein. Darüber hinaus fehlen bereits jetzt Pflegekräfte und diese Lücke wird in den kommenden zehn Jahren noch deutlich größer werden.

Was bedeutet Digitalisierung in der Pflege aber tatsächlich? Besteht Anlass zur Sorge, Roboter könnten eines nicht allzu fernen Tages Pflegekräfte ersetzen?

Mehr Zeit für die Menschen

Im Donaustädter Pflegeheim ist der Einsatz digitaler Technologien bislang überschaubar. Neue Technologien, das wird schnell klar, haben hier ausschließlich einen Zweck: die Arbeit zu erleichtern. Die entsprechenden Lösungen muten dabei auf den ersten Blick ganz einfach an. Die EDV zur Verwaltung der Daten der Bewohnerinnen und Bewohner wurde zum Beispiel mobilisiert. Den Laptop mit diesen Daten können die Pflegerinnen und Pfleger auf einem eigenen Wagen in die Zimmer mitnehmen. Das erspart im Pflegealltag viele Wege und macht die Arbeit für die Mitarbeiter transparenter und sicherer. Es bleibt mehr Zeit für die Menschen, um die es geht.

Eine Sensoruhr, die das Pflegepersonal benachrichtigt, wenn eine Bewohnerin oder ein Bewohner des Pflegeheims sich dem Eingangsbereich nähert. Mehr als zwei Drittel der Bewohner im Pflegeheim sind dement und könnten sich in Gefahr begeben, wenn sie allein auf die Straße gehen. - © Christoph Liebentritt
Eine Sensoruhr, die das Pflegepersonal benachrichtigt, wenn eine Bewohnerin oder ein Bewohner des Pflegeheims sich dem Eingangsbereich nähert. Mehr als zwei Drittel der Bewohner im Pflegeheim sind dement und könnten sich in Gefahr begeben, wenn sie allein auf die Straße gehen. - © Christoph Liebentritt

Mehr als zwei Drittel der Bewohner im Haus St. Teresa sind von Demenz betroffen, manche stärker, andere schwächer. Das macht den Pflegebedarf intensiv. Der mit Demenz oftmals verbundene Bewegungstrieb erfordert besondere Betreuung und viel Aufmerksamkeit. "Wenn jemand hinaus auf die Straße geht, ist das mit einer großen Sorge verbunden", erzählt Huber. Im Haus Teresa hat man es mit einer digitalen Lösung als Gratwanderung zwischen Kontrolle und Freiheit geschafft.

Es gibt ein "Desorientierungssystem", das den Pflegekräften anzeigt, wenn sich jemand der Funkglocke im Eingangsbereich nähert. Die Bewohner tragen dafür eine Art schwarze Armbanduhr aus Plastik ohne Ziffernblatt und Zeiger. Huber: "Wir wollen die Leute nicht limitieren, sondern wir wollen wissen, ob sich jemand in einen Gefahrenbereich begibt." Über die Uhr am Arm gelingt dies. Die Betreuer werden automatisch informiert, sollte sich jemand potenziell in Gefahr begeben. "Darauf können wir reagieren und die Person begleiten", so Huber. Ein derartiges Eingreifen ist durch Datenschutz und Bewohnerrecht geregelt, eine Meldung an die Bewohnervertretung ist Pflicht.

Eine neue Generation von sensorverstärkten Krankenbetten, von denen bereits einige in Pflegeheimen der Caritas im Einsatz sind, ist eine weitere digitale Neuerung im Haus St. Teresa: Die Betten sind in der Lage, Feuchtigkeit zu messen. Bei Bewohnern mit Inkontinenz, die bettlägerig sind, kann Wundliegen, Dekubitus, wesentlich einfacher verhindert werden. Sobald es zu feucht wird, werden Pflegekräfte informiert und können die Bettwäsche wechseln. Niemand muss mehr unnötig gestört werden.

Michael Huber, Leiter des Hauses St. Teresa, ist überzeugt, dass Pflege immer "Beziehungsarbeit" sein wird. Eine Arbeit, die vom zwischenmenschlichen Kontakt geprägt ist. Dieser lässt sich durch Technik nicht ersetzen.

Michael Huber sieht Pflege als Beziehungsarbeit. Auch die Digitalisierung wird daran nichts ändern, ist der Leiter des Pflegeheims St. Teresa überzeugt. - © Christoph Liebentritt
Michael Huber sieht Pflege als Beziehungsarbeit. Auch die Digitalisierung wird daran nichts ändern, ist der Leiter des Pflegeheims St. Teresa überzeugt. - © Christoph Liebentritt

Der Pflegeroboter muss also noch warten, auch wenn er in den Diskussionen über Pflege und Digitalisierung sehr präsent ist. Diese Präsenz mag damit zu tun haben, dass in der aktuellen Diskussion zwei parallele Entwicklungen aufeinander treffen: Der erwartete Pflegekräftemangel und die rasant fortschreitende Digitalisierung, die es jeden Moment möglich zu machen scheint, dass jedwede menschliche Tätigkeit ersetzt wird.

Pflege attraktiver machen

In den kommenden Jahren wird es weit mehr hochbetagte und vor allem demente Menschen geben, die Pflege und intensive Betreuung brauchen werden. Eine Bedarfsprognose der Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren 327.000 Menschen in Österreich über 85 Jahre alt sein werden. In den kommenden zehn Jahren braucht Österreich 75.000 zusätzliche Pflegekräfte, so die Studie.

Der Pflegeberuf muss wieder attraktiv werden, meint die Pflegekoordinatorin der AUVA Inge Köberl-Hiebler. Nicht nur die Demographie ist ein Problem für die Betreuung von alten und hochbetagten Menschen, sondern auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege. - © Inge Köberl-Hiebler
Der Pflegeberuf muss wieder attraktiv werden, meint die Pflegekoordinatorin der AUVA Inge Köberl-Hiebler. Nicht nur die Demographie ist ein Problem für die Betreuung von alten und hochbetagten Menschen, sondern auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege. - © Inge Köberl-Hiebler

Inge Köberl-Hiebler, Pflegekoordinatorin der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA), bestätigt den steigenden Bedarf: "Die gesellschaftliche Entwicklung ist bekannt, die Menschen werden älter, und damit gibt es auch mehr pflegebedürftige Menschen. Darauf muss man auch bei der Ausbildung reagieren", sagt die Pflegeexpertin.

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird es in Zukunft aber nicht nur mehr ältere Menschen geben, die Betreuung brauchen, sondern auch weniger jüngere Menschen, die diese Betreuung übernehmen könnten und dies auch wollen. "Der wachsenden Anzahl von pflegebedürftigen Menschen stehen immer weniger Jugendliche für Ausbildungen und somit in Folge potenzielle Pflege- und Betreuungskräfte gegenüber", heißt in der Studie von Gesundheit Österreich. Der Sozialstadtrat der Stadt Wien, Peter Hacker, hat unter anderem deshalb angekündigt, auch auf den Philippinen Pflegefachkräfte ausbilden zu wollen.

Pflegekoordinatorin Köberl-Hiebler plädiert dafür, den Pflege-Beruf für junge Menschen attraktiver zu machen, damit sie sich wieder dafür interessieren. Dort sei noch viel Potenzial, meint sie. "In der Praxis sehen wir, dass dieser Beruf nicht attraktiv dargestellt wird, und auch monetär dürfte es nicht das sein, was sich junge Menschen von ihrer beruflichen Zukunft erwarten." Eine 2016 erfolgte Novellierung des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes, das eine Diplomausbildung an Fachhochschulen vorsieht sowie die neu geschaffene Berufsgruppe der Pflegefachassistenz hätten die Situation bislang nicht gebessert, berichtet Köberl-Hiebler.

Kann die Digitalisierung Pflege anders gestalten und den Beruf vielleicht wirklich attraktiver machen?

Digitale Selbsthilfe

Nicht nur die Demografie lässt den Pflegebedarf steigen. Auch Pensionierungen und ein Rückgang der informellen Pflege durch Angehörige oder Freunde werden in den kommenden Jahren zum Mangel an Pflegekräften zusätzlich beitragen.

Michael Matzner wurde zum Entrepreneur, nachdem seine Mutter an Demenz erkrankt war. Mit der Betreuung allein überfordert, entwickelte Michael Matzner die Plattform Youtoo. Angehörige, Freunde, Freiwillige und Fachkräfte können sich so Aufgaben in der Pflege und Betreuung teilen. Youtoo hilft, den Stress in Grenzen zu halten und Pflegende aus der Isolation zu holen. - © Michael Matzner
Michael Matzner wurde zum Entrepreneur, nachdem seine Mutter an Demenz erkrankt war. Mit der Betreuung allein überfordert, entwickelte Michael Matzner die Plattform Youtoo. Angehörige, Freunde, Freiwillige und Fachkräfte können sich so Aufgaben in der Pflege und Betreuung teilen. Youtoo hilft, den Stress in Grenzen zu halten und Pflegende aus der Isolation zu holen. - © Michael Matzner

Hier setzt "Youtoo" von Michael Matzner an: 2014 erkrankte seine Mutter an Demenz. Der nunmehrige Social Entrepreneur stand voll im Berufsleben, als Einzelkind sah er sich mit der Pflegeaufgabe allein. Matzner suchte Abhilfe und entwickelte eine digitale Plattform, über die Angehörige, Freiwillige und Freunde eines pflegebedürftigen Menschen den Alltag – vom Arzt- und Friseurbesuch über Spaziergänge bis zur Reinigung der Wohnung – koordinieren können.

Matzner will Pflege wieder zu der sozialen und kooperativen Tätigkeit machen, die sie ist. "Bei ‚Youtoo‘ geht es darum, Menschen zu stimulieren, mit Personen im Alter in Kontakt zu treten und etwas Bereicherndes zu tun. Mein Gedanke war, die Digitalisierung für soziale Kontakte zu nutzen", erzählt er.

Die App ist ein großer Erfolg: Seit 2017 nutzt etwa das Ordensklinikum Barmherzige Schwestern Elisabethinen in Linz die App. Matzner erinnert sich, wie überrascht er anfangs über das Interesse war: "Ein Orden, der sich an einem Start-up beteiligt, das war damals unique." Mittlerweile aber, so sagt er, sei das Thema Digitalisierung auch in der Pflege angekommen.