Es herrscht ein reges Kommen und Gehen an diesem sonnigen Dienstagvormittag direkt nach den Weihnachtsferien in der Kaffeefabrik in der Wiener Favoritenstraße. Die Studentinnen und Studenten der nahen TU bestellen sich vor Beginn ihrer Kurse noch einen Kaffee, Angestellte der zahlreichen Büros und Betriebe der Umgebung gönnen sich einen schnellen Espresso in der Kaffeebar und Rösterei.

Morgens überwiegt in der Kaffeefabrik die Laufkundschaft: Die meisten haben es eilig und nehmen ihren Kaffee mit – oft im Einwegbecher.

Wiener Lösung mit Mehrwegbecher und Lastenrad

84 Millionen Coffee-to-go-Becher sind nach Schätzungen der Stadt Wien jährlich in Verwendung und landen nach wenigen Minuten auf dem Müll. Für Wien sind Einwegbecher in den letzten Jahren somit ein Riesenproblem geworden. Bereits 100 000 Becher bedeuten 900 kg Müll und 7750 kg Emissionen, gemessen in CO2-Äquivalenten, hat die Umweltschutzorganisation Global 2000 errechnet. Das deutsche Umweltbundesamt hat in einer Studie gezeigt, dass nicht nur das Abfallvolumen – 10 bis 15 Prozent der Berliner Abfalleimer könnte man allein mit Kaffeebechern füllen – problematisch ist, sondern auch die eingesetzten Ressourcen: Holz für die Papierbecher, fossile Rohstoffe für Plastikbecher und Deckel, oft aus Polystyrol, sowie für die Beschichtung, meistens aus Polyethylen.

Die Kaffeebecher von Cup Solutions werden wiederverwendet bis sie eines Tages zu Spielzeug verarbeitet werden. - © Christoph Liebentritt
Die Kaffeebecher von Cup Solutions werden wiederverwendet bis sie eines Tages zu Spielzeug verarbeitet werden. - © Christoph Liebentritt

Während Berlin noch um eine Lösung des Problems ringt, ist man in Wien dank einer digitalen App und einer ausgeklügelten Logistik bereits auf gutem Wege, dem zunehmenden Becher-Müll zu entkommen: Wer einen Coffee to go der Kaffeefabrik genießt, kann einen Mehrwegbecher von "myCoffeeCup" bekommen. Das Unternehmen Cup Solutions aus Floridsdorf hat das System erfunden und organisiert zentral alles rund um den Kaffee im Gehen – von der Logistik bis zur Reinigung.

Cafés, Bäckereien und Lokale in ganz Wien machen bereits bei myCoffeeCup mit. Die Kaffeekunden in den Cafés zahlen einmalig einen Euro Pfand für den Becher, bei der Rückgabe am Automaten oder im Geschäft gibt es dafür eine Gutschrift, auf Wunsch auch gleich auf die eigens entwickelte App, oder 10 Cent Rabatt beim nächsten Coffee to go.

Florian Hofer von Heavy Pedals belädt sein Lastenrad mit den Boxen für die gebrauchten Mehrwegbecher. Heavy Pedals ist der Logistikpartner von Cup Solutions. - © Christoph Liebentritt
Florian Hofer von Heavy Pedals belädt sein Lastenrad mit den Boxen für die gebrauchten Mehrwegbecher. Heavy Pedals ist der Logistikpartner von Cup Solutions. - © Christoph Liebentritt

Ausgezeichnetes Lastenrad

Bei der Kaffeefabrik ist inzwischen Florian Hofer von Heavy Pedals eingetroffen – in Radfahrmontur mitsamt einem beeindruckend geräumigen Lastenrad. Heavy Pedals ist eigentlich ein Botendienst und in diesem Fall der Logistikpartner von myCoffeeCup. Florian Hofer ist gekommen, um etwas abzuholen: Kaffeebecher. "Platz für viele große Rückgabeboxen", sagt Hofer lachend und deutet auf den Anhänger. "Mehrweg is mei Kaffee" steht darauf.

Heavy Pedals, die neben einem Lastenraddienst auch einen Einzel- und Großhandel für Lastenräder betreiben, ist für die Logistik von myCoffeeCup zuständig. In Großstädten mit Parkplatznot und Verkehrsstau ist das Lastenrad unschlagbar und eigentlich eine Notwendigkeit für eine flexible Logistik, wie sie auch myCoffeeCup braucht.

Die gebrauchten Mehrwegbecher werden in der Kaffeefabrik abgeholt. Neben der Kaffeebar in Wien-Wieden machen über 90 Cafés, Bäckereien und Lokale in Wien bei dem Mehrwegsystem mit. - © Christoph Liebentritt
Die gebrauchten Mehrwegbecher werden in der Kaffeefabrik abgeholt. Neben der Kaffeebar in Wien-Wieden machen über 90 Cafés, Bäckereien und Lokale in Wien bei dem Mehrwegsystem mit. - © Christoph Liebentritt

Florian Hofer erzählt: "Wir sind damals auf die Firma zugegangen und haben gesagt: Wenn ihr schon so ein nachhaltiges Projekt macht, wollt ihr euch nicht um die Logistik dahinter kümmern? Da ist seit einem Jahr eine sehr nette Partnerschaft entstanden, bei der sehr viel Feedback von uns wieder zurückgeht. Wir haben einen guten Austausch. Da ist Lerneffekt für beide Seiten da."

Derzeit werden jede Woche zwischen siebzig und neunzig unterschiedliche Adressen von Heavy Pedals für myCoffeeCup angefahren. Diese sind noch außertourlich, werden also nach Bedarf in die bestehenden Stammrouten der Lastradboten integriert. Die App, die Rückgabestellen vermittelt, soll diese Botenlogistik in Zukunft weiter vereinfachen, damit die Routen nach Bedarf gefahren werden können.

Bei Cup Solutions in Wien-Floridsdorf. Das Unternehmen ist ein Pionier bei Mehrwegbechern. Angefangen hat es 2006 mit Bechern für Konzerte. - © Christoph Liebentritt
Bei Cup Solutions in Wien-Floridsdorf. Das Unternehmen ist ein Pionier bei Mehrwegbechern. Angefangen hat es 2006 mit Bechern für Konzerte. - © Christoph Liebentritt

Kaffeebecher zu Spielzeug

Das Angebot von myCoffeeCup gibt es seit Mai 2019. Das Unternehmen gehört zu Cup Solutions, einem Floridsdorfer Unternehmen, das auf Mehrwegbecher spezialisiert ist. 2019 hat Cup Solutions für myCoffeeCup das Österreichische Umweltzeichen erhalten. Cup Colutions hat eine spezielle umweltschonende Spültechnik entwickelt, die beinahe vollständig auf Klarspül-Chemie verzichtet. Der Strom für den Betrieb stammt von einer modernen Photovoltaikanlage am Dach des Firmengebäudes. Die Kaffeebecher können zu 100 Prozent recycelt werden. Derzeit wird aus dem Polypropylen, aus dem die Becher bestehen, nach der Wiederaufbereitung Kinderspielzeug produziert, und man arbeitet daran, unmittelbar neue Becher daraus herstellen zu können.

Während klassische Einwegbecher mit Rohmaterialen aus Übersee in Deutschland, Tschechien oder Polen gefertigt werden, entstehen die Mehrwegbecher von myCoffeeCup in Österreich mit Materialien aus Österreich. Somit bleibt die Wertschöpfung im Lande, es entstehen keine Umweltkosten durch den Transport der Becher.

Geschäftsführer Christian Chytil und Projektleiter Marco Wimmer bei Cup Solutions. Dem Mehrwegbecher gehört die Zukunft, sind beide überzeugt. Nicht zuletzt, weil die Kunden umweltbewusst sind.
Geschäftsführer Christian Chytil und Projektleiter Marco Wimmer bei Cup Solutions. Dem Mehrwegbecher gehört die Zukunft, sind beide überzeugt. Nicht zuletzt, weil die Kunden umweltbewusst sind.

Große Nachfrage

Bei Cup Solutions gibt es den Kaffee aus Porzellantassen. Geschäftsführer Christian Chytil erzählt von der Idee hinter myCoffeeCup und zieht ein sehr positives Resümee nach den ersten Monaten. Angefangen hat myCoffeeCup mit nur zwanzig Partnern, jetzt sind es bald über 90 Unternehmen, die sich dem Mehrwertsystem angeschlossen haben, berichtet er.

Aus zunächst 15.000 im Einsatz befindlichen Mehrwegbechern im Mai 2019 wurden mittlerweile schnell 250.000 Stück. Das entspricht einer Steigerung um etwa 1600 Prozent.

Die Partner von Cup Solutions, also die Bäckereien und Cafés, zahlen eine Systemgebühr in der Höhe von 266 Euro im Jahr für myCoffeeCup. Diese Gebühr verringert sich mit der Anzahl der ausgegebenen Becher um 10 Cent je Becher. Nach 2660 Bechern fällt die Systemgebühr somit ganz weg. Abholservice und die Reinigung bzw. der Austausch kosten 8,3 Cent pro Cup.

Die Waschstraße von Cup Solutions. Das Unternehmen hat ein umweltschonendes Spülsystem entwickelt. - © Cup Solutions
Die Waschstraße von Cup Solutions. Das Unternehmen hat ein umweltschonendes Spülsystem entwickelt. - © Cup Solutions

Neue Konsumenten

Angesichts der erwähnten 84 Millionen Einwegbecher, die allein in Wien den Abfall belasten, mögen die Mehrwegbecher noch wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirken, aber Veränderungen finden oft schneller statt, als man das erwarten würde. Das meint Chytil, der mit Cup Solutions schon einmal ähnlich neues Terrain beschritten hat: "Als wir 2006 angefangen haben, Mehrwegbecher bei Konzerten einzusetzen, hat noch jeder gesagt: ‚Frechheit, kompliziert, mühsam‘. Ich glaube, ich kenne mittlerweile kein Konzert mehr, das nicht Mehrwegbecher verwendet. Der Konsument ist es gewohnt, und solange er das Pfand zurückbekommt, ist alles gut."

Der Konsument hat sich seit 2006 gewandelt. Die vielfachen ökologischen Verbesserungen, die mit dem System von myCoffeeCup einhergehen, kommen nicht nur der Umwelt zugute, sondern treffen auch den Zeitgeist. In einer beschleunigten Welt mit begrenzten Ressourcen sind Vorbehalte gegenüber Mehrwegsystemen wohl nicht mehr leistbar. Selbst die US-Kaffeekette Starbucks verlangt in bestimmten Filialen in Hamburg und Berlin testweise bereits Pfand für ihre Becher, wissend, dass gesetzliche Plastikverbote das bisherige Modell der gratis Einwegbecher beenden werden, abgesehen von den Umweltanliegen der Konsumenten.

Von welchen Kundengruppen der Umbruch ausgeht, ist nicht einfach zu sagen, meint Marco Wimmer, Projektleiter von myCoffeeCup: "Die Daten muss man mit Vorsicht genießen", sagt er. Die Social-Media-Auswertungen von Wimmer zeigen allerdings interessante Unterschiede zwischen den Kunden. Etwa, dass Konsumentinnen scheinbar umweltbewusster sind als Konsumenten. 70 Prozent der myCoffeeCup-Kundschaft sind weiblich; die meisten sind zwischen 18 und 34 Jahre alt und damit eher jung.

Wien ist nicht allein mit seinem guten Beispiel. Andere Städte haben ähnliche Probleme mit den neuen, schnellen Konsumgewohnheiten und finden ähnliche Lösungen. So sind auch in Kufstein in Tirol seit Anfang 2019 Mehrwegbecher für den Kaffee im Gehen im Einsatz. Die Keramikbecher gibt es mit verschiedenen Motiven und können gegen eine Gebühr ausgeliehen werden. Die Gemeinde will mit "K2go" einen Beitrag zur Müllvermeidung und zum Umweltschutz leisten. Nebenbei fungieren die Becher, die im Verkauf zehn Euro kosten, als Werbeträger für die Region. In Kufstein schätzt man, dass jährlich in ganz Österreich rund 600 Millionen Einwegbecher weggeworfen werden, 300 Millionen davon ehemalige Coffee-to-go-Becher.

In der Kaffeefabrik. Wer einen Coffee to go kauft, will trotzdem die Umwelt schonen. Die Mehrwegbecher werden stark nachgefragt. - © Christoph Liebentritt
In der Kaffeefabrik. Wer einen Coffee to go kauft, will trotzdem die Umwelt schonen. Die Mehrwegbecher werden stark nachgefragt. - © Christoph Liebentritt

Digitale Unterstützung

Gerade in Hinblick auf die App erwartet man sich bei Cup Solutions in den nächsten Monaten weiteres Wachstum, das dann bei zunehmender Verbreitung vielleicht auch den Geschlechterunterschied in der Nutzung des Angebotes nivellieren könnte. Ohne Werbung zu machen, konnte myCoffeeCup 5000 User für die App gewinnen. 80 Prozent kamen in den letzten beiden Monaten. Marco Wimmer ist überzeugt von der Bedeutung und dem weiteren Erfolg der App: "Das wird bestimmt in den nächsten zwei Jahren ein großes Thema sein: Bargeld, ja oder nein? Gibt es das noch? Man wird generell gerne mehr in die digitale Variante gehen. Von daher ist die App schon sehr zukunftsweisend."

Zukunftsweisend und offenbar voller Vertrauen in das Mehrwegsystem zeigt man sich auch in der Kaffeefabrik. Die Rösterei, die nicht nur auf nachhaltige Verpackungen setzt, sondern auch auf Kaffee aus biologischer Landwirtschaft, fairen Handel und transparente Lieferketten, hat einen zweiten Standort in Planung, der im Frühjahr eröffnet werden soll. Im To-go-Bereich wird die Kaffeefabrik dann ausschließlich Mehrwegbecher anbieten und den alten Standort im Vierten allmählich auf das neue System umstellen.

Florian Hofer vom Botendienst Heavy Pedals. Die Logistik mit Lastenrad verringert den ökologischen Fußabdruck von Coffee to go beträchtlich. - © Christoph Liebentritt
Florian Hofer vom Botendienst Heavy Pedals. Die Logistik mit Lastenrad verringert den ökologischen Fußabdruck von Coffee to go beträchtlich. - © Christoph Liebentritt

Wie einst die Einwegbecher der Konzerte werden die Einweg-Kaffeebecher also in nicht allzu ferner Zukunft wohl endgültig im Mülleimer landen, ohne durch neue Einwegbecher ersetzt zu werden. Vielleicht wird man einst verwundert auf die Zeiten blicken, in denen Kaffeebecher Wegwerfware waren.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 29. Januar 2020, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".