Seit 2018 die Schätzung des französischen Think Tanks "The Shift Project" herauskam, ist zur Flugscham die Klickscham hinzugekommen. Nach dieser Schätzung wäre das Internet jetzt, 2020, für 4,3 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich, allein das Videostreamen verursachte im Jahr 2018 über 300 Millionen Tonnen CO2. Das wäre dann in etwa ein Drittel des gesamten Flugverkehrs. Gibt es tatsächlich Grund zum Klickschämen?

"Das Versprechen der Digitalisierung lautete, dass wir unseren Lebensstil nicht verändern müssen, die effizientere Technik werde unsere Probleme schon lösen. Das ist eine Illusion", sagt Anja Höfner. Höfner ist Wirtschaftswissenschaftlerin und setzt sich für eine Trendumkehr zur Nachhaltigkeit in Sachen digitaler Ökonomie ein.

Ein haltloses Versprechen

Die Digitalisierung kann ihr Versprechen nicht halten, gerade weil die Geräte immer mehr können, immer effizienter und schneller werden und vor allem: weil fast nichts mehr nur noch analog funktioniert. Das Internet ist inzwischen überall.

Die International Energy Agency (IEA), ansonsten nicht für Alarmismus bekannt, schätzt, dass es 2030 weltweit 46 Milliarden vernetzte Geräte geben wird, die bereits im Standby-Modus jährlich mehr Strom brauchen werden als Frankreich und Großbritannien zusammen.
Auch das energiehungrige Videostreaming wird noch mehr werden und schon in zwei Jahren 82 Prozent des globalen Datenverkehrs ausmachen, glaubt das Technologieunternehmen Cisco.

- © Illustration: Irma Tulek
© Illustration: Irma Tulek

Amazon, Microsoft, Apple und andere Technologieriesen versuchen deshalb schon seit Jahren, den Energieverbrauch zu senken – Serverfarmen und Rechenzentren, die viel Strom brauchen, sind angesichts des Datenwachstums schlicht zu teuer, auch wenn ihr Energiebedarf dank Cloud-Computing und Skalierung jedes Jahr nur mehr um drei Prozent steigt.

Es ist nicht das Internet allein

Vlad Coroamă ist Informatik-Professor an der ETH Zürich. Er steht den Schätzungen des Shift Project skeptisch gegenüber und hat 2019 für den Schweizer Beobachter errechnet, dass auf das Internet etwa ein bis 1,5 Prozent des globalen Energieverbrauchs zurückgehen. Das Internet verbrauche etwa 50 Prozent der Energie der Rechenzentren, rechnet er vor. Weitere 15 bis 20 Prozent gingen auf Bitcoin-Mining zurück; der Rest seien private Server von Unternehmen, die nicht immer an das Internet angebunden sind, sowie Server, die für Machine Learning, künstliche Intelligenz (KI) und andere energieintensive Rechenvorgänge, etwa für Klima- und Wettermodelle, bereitstehen.

Zu messen, was die Digitalisierung an Energie verbraucht, ist schwer, nicht zuletzt, weil sie auch das Potenzial für Energieeinsparungen birgt. Ein Beispiel sind intelligente Stromnetze (Smart Grids). Wie hoch allerdings diese Einsparungen sein werden, ist in Wissenschaft und Energiebranche Gegenstand intensiver Debatten.

Beispiel autonomes Fahren: "Automation und Vernetzung könnten den Energiebedarf des Straßenverkehrs halbieren oder verdoppeln, je nachdem, wie sich die Technologie, das Nutzerverhalten und die gesetzlichen Bestimmungen entwickeln", schreibt etwa George Kamiya vom Strategic Initiatives Office der IEA.

Hinzu kommt: Die Rebound-Effekte, die jeden digitalen Effizienzgewinn zunichtemachen können, sind unwägbar. Das autonome E-Fahrzeug kann im Carsharing ökologisch betrieben werden oder ein zusätzliches Luxusmobil sein, mit dem jede auch noch so kurze Strecke gefahren wird; das Smart Home kann ein vernetzter Stromfresser sein, der die Datenzentren der Welt mit Videos aus seinen Überwachungskameras füllt oder ein CO2-neutrales Passivhaus mit intelligenter Lüftung, Heizung und Kühlung; 3D-Druck und additive Fertigung können den Materialverbrauch verringern und zugleich den Konsum anheizen durch individualisierte Produkte.

- © Illustration: Irma Tulek
© Illustration: Irma Tulek

Gegenströmungen unterschätzt

Ob die Digitalisierung der Umwelt hilft oder ihr schadet, hängt davon ab, wie Unternehmen und Konsumenten die Produkte nutzen. "Viele Studien lassen außen vor, dass wirtschaftlich, politisch oder gesellschaftlich Gegenströmungen zu erwarten sind", sagt Vlad Coroamă. Er plädiert daher für einfache Maßnahmen, etwa, für Konsumenten sichtbar zu machen, wieviel Strom ein Gerät oder ein Download nun eigentlich braucht: "Entweder bei der Abrechnung oder direkt am Endgerät". Aus der Sicht des Informatikers ist auch die Politik am Zug: Schulungen und Förderprogramme könnten Unternehmen und Konsumenten sensibilisieren und in die richtige Richtung lenken.

Monopolbildung als Problem

- © Illustration: Irma Tulek
© Illustration: Irma Tulek

Auch Wirtschaftswissenschaftlerin Höfner macht sich für soziale Innovationen, Plattformlösungen und Sharing-Konzepte stark, die das gesamte Wirtschaftssystem in den Blick nehmen. Denn auch die Monopolbildung der Branche ist ein ökologisches Problem. Konsumenten können zu Nachhaltigkeit und digitaler Gerechtigkeit beitragen, indem sie etwa auf kleinere, grüne E-Mail-Anbieter wie Posteo umsteigen, die ihr Geld nicht mit Datensammeln durch die Hintertür verdienen, sondern ganz ehrlich einen Euro pro Monat in Rechnung stellen. Die grüne Suchmaschine Ecosia pflanzt einen Baum für jede Suchanfrage.

Schließlich sind da noch die Geräte selbst, deren Herstellung zwischen fünfzig und achtzig Prozent der Treibhausgasemissionen entlang des Lebenszyklus ausmacht. "Wir als Einzelne können darauf schauen, dass wir unsere Geräte so lange wie möglich nutzen und sie am Ende ihres Lebenszyklus so gut wie möglich recyceln", sagt Höfner. Letztlich aber seien auch die Hersteller in der Pflicht: "Wichtig ist, dass der Hersteller die Verantwortung für sein Gerät übernimmt."

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 26. Februar 2020, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".