"Wiener Zeitung": Silicon Valley fasziniert Journalisten genauso wie Politiker, die hoffen, an seinem Beispiel zu lernen, wie Innovationen am besten funktionieren. Sie sind Historikerin. Wie wurde Silicon Valley so groß?

Margaret O’Mara: Aus historischer Perspektive ist Silicon Valley so interessant, weil sich die amerikanische Technologieszene so dezidiert wirtschaftsliberal gibt. Generell tut man in Amerika immer so, als hätte Wirtschaft nichts mit dem Staat zu tun. Die Wahrheit ist aber, dass staatliche Förderung ein ganz integraler Bestandteil der Geschichte von Silicon Valley und der ganzen Computer-Branche ist. Ich will erzählen, wie diese Unternehmen aus Silicon Valley so groß wurden, wie dieses Ökosystem durch viele Menschen geschaffen wurde, die hinter den großen Namen wie Steve Jobs oder Mark Zuckerberg verschwinden: die Politiker, die Risikokapitalisten, die Informatikerinnen und Marketing-Profis.

Silicon Valley hat erfolgreich eine andere Geschichte erzählt: Brillante junge Männer tüfteln in einer Garage und schon ist der Personal Computer da. Enthält diese Erzählung kein Körnchen Wahrheit?

Die Erzählung von der Garage ist so erfolgreich, weil Journalisten und Politiker sie stetig wiederholt haben. Ronald Reagan hat unablässig von den Vorteilen eines schlanken Staates, vom innovativen Unternehmer und den Jungs in den Garagen gesprochen, obwohl er sehr genau wusste, dass das Militär und andere staatliche Organe eine große Rolle für die entstehende Branche spielten. Es war eine bewusste Entscheidung von ihm, das nicht hervorzuheben. Man muss auch den ökonomischen Hintergrund bedenken: Die PC-Revolution passierte, als der Produktionssektor in den USA einen Niedergang erlebte und viele Fabriken schließen mussten. Die Automacher in Detroit verloren Marktanteile an Deutschland und an Japan. Und dann ist da auf einmal dieser neue Wirtschaftszweig mit CEOs, die versprechen, die Welt besser zu machen, die sagen, dass es einen humanen Kapitalismus gibt. Das schien die Lösung für all die Probleme zu sein. Tatsächlich hat die digitale Revolution ja vielen Menschen ganz neue Möglichkeiten gebracht. Dieses Körnchen Wahrheit erklärt vielleicht, warum der Mythos Silicon Valley so wirksam ist.

Der Impuls, die Geschichte von Silicon Valley als Geschichte von Nerds zu erzählen, hat damit zu tun, dass man Anfang der 1980er Jahre nach Helden suchte?

Ja, und der Heldenmythos passt gut zur amerikanischen Vorliebe für Cowboys, Individualismus und Leute, die Regeln brechen. Mit all‘ den Ingredienzien kann Silicon Valley scheinbar aufwarten.

Können Sie die entscheidenden Wendepunkte identifizieren, die die Geschichte von Silicon Valley zur Geschichte brillanter weißer junger Männer machten?

Ja, es ist eigentlich erstaunlich: Big Tech wird von weißen Männern dominiert. Dass Silicon so weiß und männlich ist, hat damit zu tun, dass Frauen ziemlich bald aus der Branche ausgeschlossen wurden. Bis in die 1960er Jahre sah man zum Beispiel Programmieren noch als eine Art Sekretärinnen-Arbeit an. Die Frauen, die programmierten – und das waren viele – hatten in der Regel keine Ausbildung, weil sie zu den ganzen Ingenieursstudiengängen oft nicht zugelassen waren. Sobald man merkte, dass Programmieren und Software wahrscheinlich ebenso wichtig sind wie die Hardware, wenn nicht wichtiger, wurden die Frauen  in den Hintergrund gedrängt, während die Männer zu Ikonen hochstilisiert wurden.

Welche Folgen hatte diese Zurückdrängung der Frauen für das Silicon Valley?

Es hat Folgen bis heute. Es entsteht zunächst eine technikzentrierte Kultur der Konkurrenz, der harten Kritik und der extrem harten Arbeit. Viele spätere Konzerne waren deshalb so erfolgreich, weil die Ehefrauen der Techniker zuhause die ganze Arbeit machten. Es ist also eine Unternehmenskultur, die Menschen privilegiert, die keine anderen Verpflichtungen haben. Die Populärkultur hat daraus die Garagenjungs gemacht, die aus dem Nichts ein Startup gründen, nächtelang durcharbeiten und dabei vom Inhalt einer Nudelbox leben. Dieses Stereotyp vom genialen Nerd mag falsch sein, aber es hat dazu geführt, dass Frauen nicht mehr vorkommen und sich immer weniger mit IT-Berufen identifizieren können. Die IT-Branche wurde in der Folge immer männlicher: Eine alternative, nerdige Männlichkeit, die Frauen ausschließt, weil diese Männer ihre Netzwerke um Leute bilden, die so sind wie sie. Sie stellen Leute ein, die ihnen ähnlich sind, wieder und wieder. Das ist auch heute noch so.

Santa Clara Valley bestand bis in die 1950er Jahre aus Obstplantagen. In Ihrem Buch zeigen Sie, wie der Kalte Krieg daraus Silicon Valley machte.

Der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg brachten sehr viel Geld für die Entwicklung von Waffen und die Computertechnologie. Entscheidend war, dass dieses Geld indirekt floss. Man ließ Vertragspartner aus der Rüstungsindustrie das Geld in Form von Forschungsaufträgen an andere private Unternehmen und Universitäten vergeben. Und Santa Clara Valley hatte etwas, dass andere Regionen nicht hatten: die Stanford University. Stanford hat bald begonnen, Forschungsgruppen aufzubauen, um dieses Geld lukrieren zu können. Ab den 1950er Jahren siedelten sich im Umfeld viele der staatlichen Rüstungspartner mit Zweigstellen an. Zuerst Lockheed Martin, die in Sunnyvale eine Raketen- und Raumfahrtabteilung aufbauten. Andere Firmen, vor allem aus der Mikroelektronik, machten es ebenso. So entstand eine neue Nische für IKT an der Westküste, während die ganzen Großrechner und die Computerindustrie noch hauptsächlich an der Ostküste waren.

Stanford hatte in den 1950ern die Idee, einen Business Park direkt neben dem Campus aufzubauen, unter anderem Hewlett Packard sind daraus hervorgegangen. Hat die Geschichte von Silicon Valley verändert, wie wir Wissenschaft wahrnehmen?

Stanford hat sich ganz bewusst für den Business Park, für Physik und für die Ingenieurwissenschaften entschieden – und dabei in Kauf genommen, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht besonders ausgeprägt sind. Es ist ein unausgeglichenes Curriculum, aber diese Form der Zusammenarbeit von Universität und Wirtschaft wurde stilbildend. In den letzten sechzig Jahren sind daraus zahlreiche Unternehmen hervorgegangen, über die vielen Jahrzehnte entstand dieses Ökosystem aus Forschern, Unternehmensgründern, Kapitalgebern, Rechtsanwälten und vielen anderen Dienstleistern. Der Preis für dieses Modell ist die extreme Spezialisierung.

Das Modell wird oft versucht zu kopieren. Kann das Erfolg haben?

Man vergisst oft, dass Silicon Valley organisch gewachsen ist. Das hat Zeit gebraucht. Es reicht auch nicht aus, einfach Geld in ein System zu stecken. Der kalifornische Staat hatte in den 1950er Jahren begonnen, massiv in Bildung zu investieren. Junge Menschen mit bescheidenerem Hintergrund konnten Karriere als Techniker und Ingenieure machen. Somit waren überhaupt die Leute da, die in den neuen Unternehmen arbeiten konnten und dort ihrerseits Unternehmen aufbauten.

Umso weniger verstehe ich, warum der Staat seine Rolle für die Computerindustrie so herunterspielt.

Der Hauptgrund für die ganzen Anstrengungen war nicht die Ökonomie, sondern die Konkurrenz mit den Sowjets: Man brauchte Mikrochips und Mikroelektronik, um Menschen auf den Mond zu schicken – nicht weil man zum Mond wollte, sondern weil man nicht wollte, dass die Sowjets zuerst da sind. Man förderte die Computerindustrie, weil man die besseren Waffen wollte. Der Rüstungswettlauf rechtfertigte die enormen Ausgaben. Der Staat war der erste Kunde der neuen Industrie und sorgte dafür, dass Mikrochips billiger wurden. So schuf der Staat, ohne diese Absicht zu haben, einen neuen Markt.

Die Konkurrenz mit den Sowjets ist passé. Könnte der Klimawandel ein ähnlicher Anreiz sein?

Der Klimawandel ist zweifellos von geopolitischer Relevanz. Insofern gibt es da eine logische Rolle für den Staat, nur er kann ausreichend machtvolle Anreize setzen, denn der Markt wird nicht für die Technologien sorgen, die wir für eine CO2-neutrale Wirtschaft brauchen.

Stehen die Chancen für mehr Staat in den USA derzeit gut?

Der amerikanische Staat hat sich vom Laissez-faire der 1920er Jahre zu einem sehr aktivistischen Staat in den 1930er Jahren gewandelt, weil es eine ökonomische Krise gab. Im Kalten Krieg passierte etwas Ähnliches: Der Staat wurde innerhalb von zehn Jahren auf einmal – unwillentlich – zum wichtigsten Förderer von Wissenschaft und Forschung. Die Dinge können sich also sehr schnell ändern.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 26. Februar 2020, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".