Nach der Umstrukturierung um die Jahrtausendwende zählt die Digitalisierung zu den großen Herausforderungen für die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB). In der Covid-19-Krise profitierte sie von ihren Anstrengungen.

Wer die Welt verändern und etwas Großes schaffen will, sollte eine Vision haben. Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) hat sich einiges vorgenommen, als sie 2012 ihre "Vision 2025" formulierte. "Wissen für die Welt von morgen schaffen", lautete die Vorgabe, die sich die Institution gab. Als ein zentrales Ziel galt die Digitalisierung der Bestände. Wichtige Meilensteine wurden dafür bereits erreicht. So ist dank der Digitalisierungsinitiative der gesamte Bestand des Prunksaals bereits seit 2016 online zugänglich.

Im bislang größten Digitalisierungsprojekt, "Austrian Books Online" (ABO), wurden im Rahmen einer Public-private-Partnership mit Google an die 600.000 Werke mit über 200 Millionen Seiten digitalisiert. Dieser Prozess wurde im Herbst 2018 abgeschlossen.

Die Herstellung und Archivierung digitaler Kopien leistet einen Beitrag zur Sicherung der historischen Bestände der ÖNB und zur Bewahrung des österreichischen Kulturerbes für folgende Generationen. Da die Bestände online aufrufbar sind, werden die häufig einzigartigen und schwer auffindbaren Werke mehr Nutzerinnen und Nutzern zugänglich. Der historische Buchbestand der ÖNB gehört nun zu den wichtigsten weltweit und bereichert "Google Books" im Rahmen des "Library Project", dessen Ziel es ist, seltene Bücher aller Sprachen auf der ganzen Welt online zugänglich zu machen. Dabei arbeitet der Suchmaschinenanbieter mit einer Reihe führender Bibliotheken, wie etwa der Bibliothek der Harvard-Universität, zusammen.

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung stellt sich die Frage, ob Bibliotheken trotz Suchmaschinen, Web und virtuellen Welten im Jahr 2025 noch benötigt werden. Für die Generaldirektorin der ÖNB, Johanna Rachinger, ist die Antwort klar: "Die Bibliothek der Zukunft wird es virtuell und als physischen Ort geben, also zweimal. Es ist nur menschlich, dass wir in der Bibliothek als physischen Ort in Ruhe lernen und arbeiten, aber auch unter Menschen sein wollen", sagt sie. In ihrer Studienzeit verbrachte Rachinger jedenfalls aus diesen Gründen viel Zeit in den Lesesälen der ÖNB. Seit 2001 ist sie Generaldirektorin der Nationalbibliothek und hat die Institution nach der Ausgliederung aus der Bundesverwaltung in die Selbständigkeit geführt. Nun stellt Rachinger die Weichen für eine digitale Zukunft.

Besonders während der Zeit des Lockdowns in diesem Jahr hat sich die Digitalisierung für die ÖNB-Nutzerinnen und -Nutzer bereits bezahlt gemacht. Mit dem Start des Portals "ÖNB Digital" ermöglichte die Bibliothek Mitte März Zugriff auf 1,2 Millionen Bücher, Bilder und andere Publikationen: "Insgesamt verzeichnen wir täglich über 4.000 Leserinnen und Leser allein in unserem digitalen Zeitungslesesaal. Während des Lockdowns, als unsere Lesesäle geschlossen waren, hatten wir 30 Prozent mehr Zugriffe auf unsere Website", berichtet Johanna Rachinger. Im Laufe des Jahres soll der im Internet abrufbare Gesamtbestand auf über 2,7 Millionen Werke anwachsen.