Botschafter in Canberra, zuständig für Australien und Neuseeland – eigentlich Traumdestinationen mit hoher Lebensqualität, sieht man einmal von den wiederkehrenden Buschfeuern ab. Doch für Wolfgang Lukas Strohmayer und sein Team bedeutete die Covid-19-Pandemie ab März vor allem 24-Stunden-Dienste, um die größte Rückholaktion in der Geschichte Österreichs zu organisieren.

Australien stand noch unter dem Eindruck der verheerenden Buschbrände des Vorsommers, als sich Anfang März 2020 Anzeichen einer Pandemie verdichteten. Zu dieser Zeit befanden sich in Australien, Neuseeland und auf den pazifischen Inseln rund 3.500 österreichische Reisende. Hochzeitsreisende, Kreuzfahrttouristen und Minderjährige in Austauschprogrammen waren im gesamten Gebiet unterwegs – selbst in exotischen Gegenden wie den Cookinseln oder auf der jenseits der Datumsgrenze gelegenen Insel Niue.

Für die gesamte Region – neben Australien und Neuseeland sind das elf pazifische Inselstaaten wie Fidschi, die Salomonen und Tonga – ist die österreichische Botschaft in Canberra im Australian Capital Territory zuständig. Normalerweise liegen die Aufgaben von Botschafter Wolfgang Lukas Strohmayer und seinem achtköpfigen Team in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Handel, Kultur sowie in konsularischen Aufgaben. Dabei sei man vor allem damit beschäftigt, persönliche Kontakte zu pflegen, auch um die politischen Entwicklungen zu beurteilen und um an den Beziehungen und gemeinsamen Interessen zu arbeiten, schildert Strohmayer. Die Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem auf Themen wie Klimawandel, Umwelttechnologie, erneuerbare Energie, Handel, Forschung und Entwicklung sowie Infrastruktur und Ausbildungsfragen. Noch im Februar wurde etwa gemeinsam mit der UEFA eine Ausbildungspartnerschaft zwischen dem ÖFB und der Tonga Football Association begründet.

Komplizierte Rückholung

Doch die Corona-Pandemie hat den Arbeitsalltag des Botschaftsteams für Monate auf den Kopf gestellt. Zunächst änderte sich die Situation alle paar Tage. Nach dem Aufruf der Bundesregierung zur Rückkehr nach Österreich am 12. März konnten noch einige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ohne große Behinderungen nach Hause reisen. Doch bereits vier Tage später kam es zu Lockdowns in und zwischen den einzelnen Bundesstaaten Australiens. Ab dem 25. März setzte auch Neuseeland auf strenge Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19. "Plötzlich wurde die Rückkehr kompliziert, teuer und schlussendlich unmöglich", erinnert sich Strohmayer.

In der Botschaft laufen die Telefone heiß: Immer mehr Reisende, besorgte Angehörige und Eltern melden sich. Durch die freiwillige Reiseregistrierung des Außenministeriums gelingt es, auch Österreicherinnen und Österreicher in entlegenen Gebieten wie eben dem 1.700-Seelen-Atoll Niue aufzuspüren. Im Außenministerium wie auch in der Botschaft arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Schichtbetrieb, 24 Stunden am Tag, während die Zahl der verfügbaren Flüge immer weiter sinkt. Am 31. März gelingt es dem Ministerium, eine Charter-Luftbrücke nach Sydney, wenig später auch nach Christchurch und Auckland einzurichten. Insgesamt 650 Österreicherinnen und Österreicher können mit österreichischen und europäischen Flugzeugen ausgeflogen werden. Zusätzlich organisiert die Botschaft die Unterstützung eines Auslandsösterreichers, der ein Reisebüro besitzt und Tag und Nacht Flugbuchungen zurück nach Österreich vornimmt. Es ist die größte Rückholaktion in der Geschichte Österreichs.

Immer im Dienst

Rund um die Uhr sind Strohmayer und seine acht Mitarbeiter mit der Analyse der Entwicklungen sowie der Planung und Organisation der Rückkehr beschäftigt. Besonders schwierig habe sich dabei auch die Einholung von Landegenehmigungen erwiesen, erläutert der Botschafter. Und er lobt sein Team: "Ohne den beeindruckenden Einsatz und das Teamwork meiner Mitarbeiter wäre es nicht möglich gewesen, die vielen Fälle zu lösen."

Dabei galt es, die Gesundheit der Botschaftsangestellten nicht zu gefährden, auch wenn es in Canberra aufgrund seiner isolierten Lage im Busch und der besonderen Wohnsituation mit überwiegend Einfamilienhäusern nur geringe Infektionszahlen gab. Strohmayers Team arbeitete in zwei Schichten, die Kommunikation lief über das Internet. "Mittlerweile befinden wir uns wieder im Normalbetrieb. Allerdings bleibt die Situation im urbanen Bereich, vor allem mit dem Ausbruch der zweiten Welle in der Metropole Melbourne, hochbrisant", sagt der Botschafter, der erst Anfang des Jahres wieder nach Australien entsandt wurde.

Stau- und stressfrei

Das erste Mal als Diplomat nach Canberra berufen wurde Strohmayer bereits im Jahr 2006. Damals war seine Tochter gerade einmal zwei Jahre alt, sein Sohn wurde in der Hauptstadt geboren. Die zahlreichen Kontakte und Freundschaften mit aktuellen und ehemaligen Regierungsmitgliedern, Parlamentarierinnen und Journalisten aus dieser Zeit haben sich vor allem während der Covid-19-Krise, nur zwei Monate nach der Ankunft Strohmayers in Australien, als Glücksfall erwiesen und die politische und konsularische Arbeit erleichtert.

Die Hauptstadt, ansonsten eher als verschlafene Beamtenstadt beschrieben, bietet laut Strohmayer für Familien mit Kindern eine hohe Lebensqualität, auch das Freizeitangebot in der "Gartenstadt" ist groß. Seit 2010 habe Canberra allerdings einen Zuzug von mehr als 100.000 Menschen zu verkraften. Nachteilig verschärft habe sich damit der Ärzte- und Fachärztemangel und die angespannte ärztliche Versorgungslage. Freizeitmäßig biete inmitten der Stadt, die – für Wiener Verhältnisse unvorstellbar – noch staufrei ist, der Lake Burley Griffin Möglichkeiten zum Segeln und Rudern. "Die Stadt mit ihren Grün- und Parkanlagen entwickelt keinen Stress", betont Strohmayer. "Herrliche Ausflugsziele" böten auch die nahegelegenen Snowy Mountains, die reizvollen, leeren Strände der South Coast und die Metropole Sydney.

Die South Coast war es allerdings auch, die von den Buschfeuern im vergangenen Sommer am stärksten heimgesucht wurde. Es waren die flächenmäßig verheerendsten Buschbrände in der Geschichte Australiens, die auch an Familie Strohmayer nicht spurlos vorübergingen. Selbst im Australian Capital Territory sei es zu Ausbrüchen und Evakuierungen gekommen.

Beängstigende Naturgewalten

"Die Buschfeuer entwickelten enorme Mengen an hochgiftigen Rauchflächen, die mit dem Wind hin und her gezogen sind. Die Luftwerte Canberras gerieten über Tage in den Bereich höchster Gefährdungsgrade, wir mussten Atemmasken tragen, die Luftfilter liefen Tag und Nacht", schildert der Botschafter die beklemmende Situation. Kurz darauf zog ein Sandsturm über Canberra, gefolgt von heftigem Hagel, der "unter anderem Dächer, Bäume und alle Autos im Umkreis des Parlaments schwer beschädigte". Besonders schlimm sei schließlich auch ein Feuerausbruch mit extremen Rauchsäulen im Namadgi-Nationalpark gewesen. Das Feuer erreichte die Stadtgrenze Canberras, die Feuergürtel loderten bedrohlich in den Bergen über der Stadt. "Dieser Anblick war insbesondere für unsere Kinder eine große Belastung ", erinnert sich der Diplomat.

Schon bevor die Covid-19-Pandemie Australien erreichte, mussten Botschafter Strohmayer und sein Team also mit einigen Herausforderungen kämpfen. Es werden nicht die letzten gewesen sein.