Die Österreichischen Bundesforste (ÖBf) bewirtschaften jeden zehnten Quadratmeter des Landes – im Interesse der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Nachhaltigkeit.

Seit dem 4. November thront eine 118 Jahre alte Bergfichte im Ehrenhof vor dem Schloss Schönbrunn. 18 Meter hoch, dicht beastet und mit einer schönen Krone. Als Vertreterin der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) reiste sie aus dem Revier im steirischen Mürzzuschlag nach Wien, um vorweihnachtliche Stimmung zu verbreiten – auch wenn der Kultur- und Weihnachtsmarkt vor dem Schloss heuer coronabedingt Pause macht. Die Fichte ist auch deshalb eine Besonderheit, weil die Zucht von Weihnachtsbäumen eigentlich nicht zu den Aufgaben des Unternehmens zählt. Und anders als der Name es vermuten lässt, ist auch die Forstwirtschaft nur ein Teil des großen Zuständigkeitsbereichs.

Interessenausgleich auf 850.000 Hektar

Die ÖBf bestehen seit dem Jahr 1925 und wurden 1997 als Aktiengesellschaft neu gegründet. Sie stehen im alleinigen Eigentum der Republik Österreich, an die sie im Gegenzug für die Bewirtschaftung jährlich ein Fruchtgenussentgelt von 50 Prozent des Jahresüberschusses und eine Dividende zahlen. Sie betreuen 74 größere Seen und 15 Prozent der Waldfläche Österreichs, das entspricht 850.000 Hektar. Auch wenn das Kerngeschäft heute noch die Forstwirtschaft ist, hat sich vieles verändert: "Als ich in den 1980er Jahren bei den Bundesforsten zu arbeiten begonnen habe, standen die Holzproduktion und die Jagd im Fokus. Seither sind viele Ansprüche dazugekommen. Heute beschäftigen wir uns primär damit, die Interessen des Marktes mit jenen der Gesellschaft und ökologischen Zielen zu vereinbaren. Unser Bestreben ist es, die Konflikte zu regeln, die in diesem Spannungsfeld entstehen", erklärt ÖBf-Vorstand Rudolf Freidhager. Eine schwierige Gratwanderung. Denn die Natur muss Erholungsraum für den Menschen sein, aber auch als wertvolles Ökosystem vor Schäden bewahrt werden.

Besucherströme effizient steuern

Gemeinsam mit Gemeinden, Vereinen sowie Partnern aus Tourismus und Wirtschaft schaffen die Bundesforste ein vielfältiges Freizeit- und Erholungsangebot. Es umfasst öffentliche Naturbadeplätze an Seen ebenso wie Mountainbike-Strecken, Reit- und Wanderwege sowie Wintersportmöglichkeiten. Viele der Reviere liegen in touristisch intensiv genutzten Gebieten. Und mit Covid-19 hat die Besucherzahl schlagartig zugenommen, weil es die Menschen mehr denn je hinaus in die Natur zieht. "Für uns bedeutet das, dass wir uns noch bessere Steuerungsmechanismen überlegen müssen. Etwa um die Spaziergänger von den Radfahrern zu trennen, da es hier häufig zu Konflikten kommt", erklärt Freidhager und mahnt: "Wir verstehen das Bedürfnis der Menschen, Zeit im Wald zu verbringen. Umgekehrt braucht es aber auch Einsicht dafür, dass Regeln eingehalten werden müssen." Bedauerlicherweise kommt es gelegentlich zu Unfällen, wenn sich Wanderer über Absperrungen hinweg Zugang in forstliches Sperrgebiet verschaffen. Solange alle die vorgesehenen Routen nutzen, gibt es keine Probleme.

Klimawandel doppelt schädlich

Das Thema, das die ÖBf laut Freidhager derzeit am meisten beschäftigt, ist der Klimawandel. Und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen sind die Wälder der Bundesforste direkt betroffen. Der Klimawandel hat die ÖBf im Jahr 2017 15 Millionen Euro gekostet, im Jahr 2018 23 Millionen und im Jahr 2019 42 Millionen Euro. Das liegt unter anderem an den hohen Schadholzquoten, die 2020 Schätzungen zufolge bei rund 80 Prozent liegen werden. Die Ursachen sind Stürme, Trockenheit, Borkenkäferbefall und – beispielsweise im Winter 2018/19 – hohe Schneemassen. Damit gehen steigende Kosten für die Holzernte, für Transport und Lagerung einher. Zum anderen leidet der Holzmarkt unter dem massiven Fichtensterben in Deutschland und Tschechien, das jenes in Österreich um ein Vielfaches übertrifft. Unmengen an Schadholz drängen auf den Markt und lassen den Rundholzpreis massiv verfallen.

Arbeitende Person schneidet Baumstamm mit einer Säge in Teile. - © ÖBf-Archiv/Wolfgang Simlinger
Schadholz. Der Klimawandel setzt den heimischen Wäldern – insbesondere den Fichtenmonokulturen – massiv zu und führt zu einem Preisverfall am Holzmarkt.
- © ÖBf-Archiv/Wolfgang Simlinger

Neue Geschäftsfelder weiterentwickeln

"Das Holzgeschäft ist sehr volatil geworden. Wir brauchen Diversifizierung, um uns wirtschaftlich abzusichern. Daher entwickeln wir unsere anderen Geschäftsfelder intensiv weiter", sagt Freidhager. So wird neben der Forstwirtschaft der Immobilienbereich immer bedeutsamer: Die Gebäude und Grundstücke der ÖBf stehen in Miete, Pacht oder mit Baurechten für unterschiedlichste Nutzungen zur Verfügung. Den dritten Geschäftsbereich bilden die Dienstleistungen: Das Angebot reicht hier von forstlicher Beratung über Bewirtschaftung von Privatwäldern bis hin zu Naturraumplanungen für Kunden in ganz Österreich. Mit dem vierten Standbein, der erneuerbaren Energie, engagieren sich die Bundesforste für Wind- und Kleinwasserkraft, Waldbiomasse sowie Photovoltaik und treiben damit die Energiewende voran.

Dem Klimawandel gewachsen

Dennoch braucht es Strategien, um die Wälder für nachfolgende Generationen zu erhalten. Denn sie bieten Schutz vor drohenden Naturgefahren wie Lawinen, Muren oder Steinschlag, regeln den Wasserhaushalt und sorgen für saubere Luft. Die Anpassung der Wälder an die zukünftigen Klimabedingungen hat daher oberste Priorität. Gemeinsam mit dem WWF, der BOKU und dem Bundesforschungszentrum für Wald haben die ÖBf Szenarien für jedes einzelne Waldrevier entwickelt. Fest steht: Unsere Wälder werden bunter und vielfältiger und Anteile von Baumarten werden sich verschieben. Die Fichte wird zu den Verlierern zählen; Buchen, Eichen, Tannen, aber auch die heute in Österreich noch kaum vertretene Douglasie werden dazugewinnen. Und die Esche, die derzeit großflächig einem Pilz zum Opfer fällt, wird vermutlich in einigen Jahrzehnten ein Comeback feiern, schätzt Freidhager. So wie heute die Ulme, die vor Jahrzehnten totgesagt wurde. Rund 1,8 Millionen Bäume pflanzen die ÖBf jährlich für den Wald der Zukunft. Vorrang hat allerdings die natürliche Verjüngung, wie Freidhager feststellt: "Wir müssen die Bäume forcieren, die uns die Natur schenkt und deren Mutter gleich danebensteht. Sie sind am resistentesten." Auch ökologisch tragbare Wildstände sind ein Erfolgsfaktor: Damit sich der Jungwald gut entwickeln kann, braucht es eine verantwortungsvolle Jagd, die nicht Trophäen, sondern die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts als Ziel vor Augen hat.

Verantwortung für die Zukunft

Die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens sei jedenfalls von immenser Bedeutung. Bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius könne man forstlich reagieren und auch in Zukunft für intakte Wälder sorgen, sagt Freidhager und ergänzt: "Die natürlichen Ressourcen des Landes zu schützen ist eine herausfordernde Aufgabe mit großer Verantwortung. Und es braucht einen langen Atem: Denn was wir heute entscheiden, hat Auswirkungen auf die nächsten 100 bis 200 Jahre."